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Verdrängte Grausamkeiten

Henning Kraudzun / 29.03.2010, 10:41 Uhr
Berlin () Nahezu täglich werden neue Missbrauchsfälle in verschiedenen Einrichtungen bekannt. Für die Opfer ist es noch Jahrzehnte später schwierig, sich anderen anzuvertrauen. In der Berliner Anlaufstelle "Tauwetter" finden sie Rat.

Ihr Martyrium haben einige Betroffene für den Verein "Tauwetter" aufgeschrieben. Bernd berichtet etwa, dass er als sechsjähriger Junge von einem Mann mit Geschenken überschüttet wurde. Schließlich begannen sexuelle Übergriffe, immer wieder, immer heftiger. "Er nahm meinen Körper, und meine Seele floh ins Nirgendwo", schreibt Bernd. Dies ging über Jahre, "niemand hörte mein Schreien". Er wollte den Missbrauch vergessen - bis die Erinnerung wiederkam.

Thomas Schlingmann kennt diese grausamen Geschichten, er hat Hunderte ähnliche Fälle gehört. Der Trauma-Fachberater von "Tauwetter", eine der wenigen Beratungsstellen für männliche Missbrauchsopfer bundesweit, erlebt auch, wie Klienten mit sich ringen, bevor sie sich anderen öffnen. "Viele kommen zudem mit bruchstückhaften Bildern im Kopf", sagt er.

Dann muss der Sozialpädagoge nachhaken, die Opfer ermuntern, über ihre Kindheit oder Jugendzeit zu reden. Es gebe eine große Hemmschwelle, die schrecklichen Erinnerungen zu offenbaren. Viele sprechen den Begriff Missbrauch nicht direkt aus. "Sie sagen: Ich glaube, mir ist auch so etwas wie im Canisius-Kolleg passiert", erzählt Schlingmann.

Derzeit erlebt die Anlaufstelle einen Ansturm. Dort wurden in den vergangenen zwei Monaten so viele Anfragen registriert wie sonst in einem halben Jahr. Auch Brandenburger wenden sich an ihn, berichtet Schlingmann. Hunderte Missbrauchsfälle, die in den vergangenen Wochen unter anderem von ehemaligen Internatsschülern gemeldet wurden, veranlassen Betroffene, sich zu melden. "Sie tragen die Erinnerungen über Jahre mit sich herum, sie ist in ihnen vergraben", erzählt der 51-Jährige.

Der Verein "Tauwetter", in den Mehringhöfen in Berlin-Kreuzberg ansässig, hat sich vor 15 Jahren auf die Beratung von Männern spezialisiert, die als Kind sexuell missbraucht beziehungsweise körperlich oder seelisch misshandelt wurden. Die dort beschäftigten Pädagogen wissen, worüber die Opfer reden - sie erlebten selbst als Kinder eine Notzucht. "Wir haben erfahren, wie schwierig es ist, professionelle Hilfe zu finden", sagt Schlingmann.

150 Männer kommen jährlich in die Beratungsstelle, viele schließen sich der Selbsthilfegruppe an. Missbrauch gebe es nicht nur in kirchlichen Einrichtungen, in Heimen und Internaten, sondern auch in Sportvereinen, bei Pfadfindern oder in der Bundeswehr, betont der Fachmann. Auch in der Berliner Beratungsstelle "Kind im Zentrum" hat man diese Erfahrungen gemacht. "Keine Kultur, keine Religion schützt vor Missbrauch. Die Fälle gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen", sagt der Psychologe Udo Wölkerling.

Die Fälle ereigneten sich in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR, sagt Schlingmann. Er hatte etwa einen Mann beraten, der als Jugendlicher von einem FDJ-Funktionär auf Gruppenfahrten gezwungen wurde, diesen sexuell zu befriedigen - immer dann, wenn der Erwachsene wusste, dass seine Übergriffe nicht gestört werden konnten. "Das Opfer hat diesen Missbrauch über Jahre verdrängt."

Heute sei der Mann beruflich erfolgreich, habe eine Familie gegründet. Erst nach dieser "Verwurzelung" und mit Mitte 40 habe er "Kraft gefunden, um die Vergangenheit aufzuarbeiten". Als Jugendlicher habe der Klient nicht gewusst, wie er die Taten einordnen könne. "Ein öffentliches Bewusstsein für sexuellen Missbrauch gab es früher in beiden deutschen Staaten nicht", sagt Schlingmann.

Ein großes Problem sei auch, dass Pädophile die ehrenamtlichen Strukturen in Verbänden und Vereinen ausnutzen und sich als Helfer anbieten. "Sie wissen, wie sie an Jungen herankommen." Dennoch habe sich in den vergangenen Jahren viel getan, ehrenamtliche Mitarbeiter würden häufiger überprüft, ihr polizeiliches Führungszeugnis angefordert. Auch im Profisport gibt es immer wieder Vorfälle: So wurde vor zwei Jahren der Berliner Boxtrainer Werner Papke wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu einer Haftstrafe verurteilt.

60 Prozent der Missbrauchsfälle ereignen sich laut Studien im sozialen Nahbereich, werden durch Bekannte, Lehrer, Trainer oder Erzieher verübt, berichtet Schlingmann. Bis zu 30 Prozent der Taten geschehen in der Familie. Im Jahr 2008 registrierte das Bundeskriminalamt 12 052 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. Die meisten Opfer offenbaren sich im Alter von 30 bis 40 Jahren, sagt der Fachmann. "Viele beschreiben ein Gefühl, dass die damaligen Täter scheinbar noch immer Macht über sie besitzen. Diese Strippen muss man durchtrennen, das Leben wieder in die eigene Hand nehmen." Wer eine Therapie absolviere, erlebe oft "Erlösung".

Auch wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen, empfiehlt er, eine Strafanzeige zu erstatten. "Unabhängig von einer möglichen Verjährung erhält die Polizei durch jede Anzeige weitere Informationen zu Serientätern."

Die Berliner Rechtsanwältin Manuela Groll, die jährlich über 200 Missbrauchsopfer vor Gerichten in der gesamten Bundesrepublik vertritt, hat bereits Verfahren gewonnen, bei denen fast 20 Jahre nach schweren sexuellen Übergriffen die Täter verurteilt wurden. "Aber je später der Missbrauch angezeigt wird, desto mehr Probleme gibt es mit der Beweisführung", sagt sie. Erinnerungen würden vermischt, Aussagen vor Gericht seien dann schwierig.

Groll bestätigt, dass Menschen die Vorfälle über Jahre "vergessen" und erst wieder durch ein Schlüsselerlebnis daran erinnert werden. Sie könnten trotzdem "klar und erlebnisfundiert" die Taten schildern. Wenn dennoch ein Freispruch erfolgt, sei das für Opfer "eine Katastrophe". "Sie haben sich dann umsonst gequält, durch Aussagen, gegebenenfalls Begutachtungen", sagt Groll.

Auch wenn die Beweislage teilweise erdrückend ist: "Manche Täter streiten den Missbrauch bis zuletzt ab", sagt die Anwältin.

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