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In Frankfurt wurde eine 200 Jahre alte, restaurierte Tora-Rolle zu Ende beschriftet und der jüdische Gemeinde übergeben

Die lange Reise der Heiligen Schrift

Feierlicher Umzug: Leonard Wien aus den USA trägt die vom ihm gestiftete Torarolle zur jüdischen Gemeinde Frankfurt. Links neben ihm der Rabbiner Steve Karro, der die Rolle restauriert und neu beschrieben hat.
Feierlicher Umzug: Leonard Wien aus den USA trägt die vom ihm gestiftete Torarolle zur jüdischen Gemeinde Frankfurt. Links neben ihm der Rabbiner Steve Karro, der die Rolle restauriert und neu beschrieben hat. © Foto: moz/thomas gutke
Thomas Gutke / 23.10.2014, 05:31 Uhr
Frankfurt (MOZ) Am 11. November 1938 vergrub ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Fürth 19 Tora-Rollen, um sie vor der Zerstörung zu bewahren. Mehr als 75 Jahre später ließ Familie Wien aus den USA sechs von ihnen rekonstruieren. In Frankfurt wurde nun eine davon am Mittwoch zu Ende beschrieben und der jüdischen Gemeinde übergeben.

Es nieselte und war kühl, als sich der Festumzug der jüdischen Gemeinde an der Rosa-Luxemburg-Straße in Bewegung setzte. Der Freude über das Geschenk, das sie an diesem Tag in Empfang nehmen durfte, tat dies jedoch keinen Abbruch. "Hevenu shalom alechem" - "Frieden für alle", sangen die Gemeindemitglieder überglücklich, tanzend und begleitet von Musik liefen sie dabei die Halbe Stadt hinunter zum Gemeindehaus. Im Zentrum der feierlichen Prozession: eine mehr als 200 Jahre alte Tora-Rolle, die nach langer Reise nun in Frankfurt ein neue Heimstatt gefunden hat.

"Wir wurden als Gemeinde in Frankfurt wiedergeboren, und erhalten nun eine wiedergeborene Tora-Rolle. Das ist ein ganz besonderer Tag für uns", hatte die sichtlich bewegte Larissa Bargteyl, Vorsitzende der Frankfurter jüdischen Gemeinde, bei einer Einweihungszeremonie zuvor im Rathaus gesagt. Dort war die heilige Schrift am Nachmittag zum Teil zu Ende beschrieben worden. Neben Gemeindemitgliedern und vielen Gästen, wie etwa Landesrabbiner Shaul Nekrich, durfte unter anderem auch Frankfurts Kulturdezernent Markus Derling (CDU) einen der 18 noch fehlenden Buchstaben auf die Rolle aus Pergament aufbringen, "weil wir als jüdische Gemeinde von der Stadt so gut aufgenommen wurden", erklärte Larissa Bargteyl.

Unterstützt wurden Derling und die anderen ausgewählten Schreiber von Steve Karro. Der Rabbiner aus Miami ist ein speziell ausgebildeter Tora-Schreiber und hat in den vergangenen vier Monaten auch die Frankfurter Tora-Rolle restauriert und neu beschriftet. Auf ihn lastet eine große Verantwortung: Ist nur einer von exakt 304 805 Buchstaben falsch geschrieben, dann ist die Tora-Rolle nicht koscher. Für Markus Derling war der gestrige Arbeitstag daher kein alltäglicher. "Das war eine ganz besondere Ehre für mich", sagte er. "Frankfurt ist froh, seit 1998 wieder eine jüdische Gemeinde zu haben, und die Tora-Rolle ist ein ganz wichtiges Symbol für jüdisches Leben in der Stadt."

Die Frankfurter Tora-Rolle hat einen weiten Weg hinter sich. Ursprünglich stammt sie aus Fürth. Zwei Tage nach der Reichspogromnacht, am 11. November 1938, vergrub sie ein Mitglied der jüdischen Gemeinde zusammen mit 18 weiteren Exemplaren, um sie vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten zu bewahren. Mehr als 75 Jahre später ließen die Eheleute Leonard und Barbara Wien aus den USA sechs der Rollen rekonstruieren, neu beschriften und stellten sie nun jüdischen Gemeinden in Deutschland zur Verfügung - in Erinnerung an Familienmitglieder der Wiens, die im Holocaust ums Leben kamen.

Für die jüdische Gemeinschaft in Frankfurt ist es die zweite Tora-Rolle. Die Heilige Schrift enthält die fünf Bücher Mose aus dem Alten Testament. Aus ihr wird während der Gottesdienste vorgelesen.

Mit den gestifteten Tora-Rollen wolle seine Familie dabei mithelfen, ein Stück jüdisches Leben nach Deutschland zurückzubringen, sagte Leonard Wien gestern bei der Zeremonie im Rathaus der Oderstadt. "Gleichzeitig erinnern wir damit an die Leute, die die Tora-Rollen damals versucht haben zu retten."

Die Rettungsaktion war, das zeigte der gestrige Tage eindrucksvoll, nicht umsonst.

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Isahl Luezem 23.10.2014 - 14:29:55

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