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Jürgen Bornhöft ist seit über 30 Jahren im In- und Ausland mit dem Lkw unterwegs / Mit der MOZ spricht er über seine Erfahrungen

Mit Musik fährt es sich wie von selbst

Kennt jeden Meter Autobahn in Deutschland: Fernfahrer Jürgen Bornhöft ist die ganze Woche über mit dem Lkw unterwegs. Da kann es von Ost- nach Westdeutschland gehen, dann in den Norden und von dort bis an die Grenze zur Schweiz.
Kennt jeden Meter Autobahn in Deutschland: Fernfahrer Jürgen Bornhöft ist die ganze Woche über mit dem Lkw unterwegs. Da kann es von Ost- nach Westdeutschland gehen, dann in den Norden und von dort bis an die Grenze zur Schweiz. © Foto: MOZ/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 04.11.2014, 10:59 Uhr
Angermünde/Schwedt (MOZ) Sein Zuhause ist die Autobahn, von deutschen Straßen kennt er jeden Meter. Der Fernfahrer Jürgen Bornhöft fährt seit über 30 Jahren Lkw. Zu DDR-Zeiten brachte er tonnenweise Papier in den Westen. Der MOZ berichtet er, wie es sich anfühlt, ständig auf Achse zu sein.

Es gibt nur wenige Menschen, die um dieselbe Uhrzeit wie Jürgen Bornhöft das Bett verlassen. Für den Schwedter aber ist es Alltag, um drei oder vier Uhr morgens aufzustehen. Der Wecker klingelt und der 64-Jährige zieht die blickdichten Gardinen seiner Fahrerkabine auf. Draußen ist es stockfinster. Um wach zu werden, kocht er sich mit der transportablen Maschine einen Kaffee. Das Pulver nimmt er aus dem Schubfach unter der Schlaffläche. Daneben ist der Kühlschrank. In Fächern über dem Bett hat Jürgen Bornhöft Kleidung verstaut. Die kleine Fahrerkabine ist für ihn Arbeitszimmer und Dienstwohnung in einem.

Dass der Fernfahrer derart früh aufsteht, hat seinen Grund: So kann er zeitiger Feierabend machen. Oft entscheidend, um nach Dienstschluss einen Parkplatz zu erhaschen. Wer erst abends Schluss macht, muss lange suchen. "Auf der A2 ist diesbezüglich um 18 Uhr Rushhour", sagt Jürgen Bornhöft. Sein Glück dabei ist, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit schlafen kann.

Jürgen Bornhöft fährt seit über 30 Jahren Lkw, seit neun Jahren für die Angermünder Spedition Euba Logistic. Zuvor hatte er in Schwedt lange Jahre einen Linienbus bewegt. Doch dann wurde er vom damals staatlichen Verkehrsbetrieb Kraftverkehr Schwedt im internationalen Fernverkehr eingesetzt. Er sollte Papier für die Papier- und Kartonwerke Schwedt in den Westen bringen. "Ich habe mich natürlich gefreut", erinnert sich Bornhöft. Er war Anfang 30 und die Welt stand ihm auf einmal offen. "Wir haben Westgeld bekommen, um uns drüben zu versorgen", sagt er. Das meiste von dem Geld sparte er sich aber für andere Dinge auf. "Essen haben wir uns von zu Hause mitgenommen." Ein Teil des Westgeldes gab er für Süßigkeiten und Bananen für die Familie aus, vom anderen kaufte er sich im Intershop ein bisschen Luxus wie einen Fernseher und Videorecorder.

An seinen ersten Besuch der Hamburger Reeperbahn in den 80er-Jahren erinnert er sich noch gut. Er und Kollegen wurden von einem Werber in eine Bar gelockt. Eine Frau bat ihn, ihr ein Bier zu bestellen. Doch das war Bornhöft zu teuer. Auf einem Aufsteller hatte er gelesen, dass es fünf D-Mark kostete. So bestellte er ihr nur einen Ananas-Saft. Denn was konnte ein Saft schon kosten? Als er die Rechnung bekam, fiel er aus allen Wolken. Für den Saft hatte man ihm 99 D-Mark berechnet. Da wäre er mit einem Bier eindeutig billiger weggekommen. "Diese Erfahrung war mir eine Lehre", sagt der Fernfahrer. Die große Neugier auf den Westen nahm irgendwann ab: "Das Gras war dort genauso grün."

In einer Woche düst Jürgen Bornhöft kreuz und quer durch Deutschland, von Ost nach West, und dann von Nord nach Süd. Er war auch schon in Dänemark, Italien und den Niederlanden. Meistens fährt er Papier. Mehr als 35 Tonnen gerolltes oder auf Paletten gepacktes Papier kann er mit seinem Lastwagen transportieren.

Seine Arbeitszeit ist eng getaktet. Jede Fahrt, jeder Halt wird mit einer Chipkarte aufgezeichnet. Es ist genau geregelt, wie lange er fahren darf und wie lange er Pause machen muss. Hinzu kommen Raser, Drängler, Staus, Unfälle. Das alles muss doch Stress verursachen. Das lange Sitzen Rückenschmerzen. Die Einsamkeit manchmal nicht aushaltbar sein, wenn Familie und Freunde hunderte Kilometer entfernt sind.

Doch Jürgen Bornhöft vermittelt nicht den Eindruck eines gestressten Mannes. Im Gegenteil. Hinter dem Lenkrad sitzt jemand, der das Leben positiv sieht. Er findet es toll, herumzukommen. Ist begeistert von der modernen Ausstattung des Wagens. Er zeigt auf einen Monitor. "Die Aufträge kommen jetzt elektronisch." Er zeigt eine Tastatur. "Über den Bordcomputer kann ich eingeben, wenn etwas kaputt gegangen ist. Bin ich wieder zurück, sind die Ersatzteile schon da", erzählt er. Seit der Sitz luftgefedert ist, merkt er die Schlaglöcher nicht mehr. Und gegen die Langeweile gibt es Musik.

"Ich war großer Boss-Hoss-Fan", sagt Bornhöft. Er besitzt alle Alben der Western-Band. "Leider hat ihr neues Album nicht mehr so viel Feuer." Zum Feierabend macht er es sich vor dem Fernseher gemütlich. "Ich gucke gerne Soko Wismar", sagt er. Die Krimiserie wird in seiner Geburtstadt gedreht und Bornhöft mag es, wenn ihm Straßen und Bauwerke bekannt vorkommen. Mit seiner Frau telefoniert er und freut sich auf die gemeinsame Zeit am Wochenende. Bei schönem Wetter geht es in den Garten, seine Laube hat er so lange, wie er Lkw fährt. Doch das Auto bewegt er dann keinen Zentimeter. "Wenn ich frei habe, fahre ich am liebsten Fahrrad."

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