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Kaum einer traute sich bei den Protesten in Schwedt die Kamera zu zücken / Fotograf Harald Bethke dokumentierte den Umbruch

Mit Kerzen gegen Gitterfenster

Gemeinsam stark: Bei der Protestkundgebung am 4. November 1989 finden sich 10 000 Schwedter auf dem Sportplatz am Dreiklang ein.
Gemeinsam stark: Bei der Protestkundgebung am 4. November 1989 finden sich 10 000 Schwedter auf dem Sportplatz am Dreiklang ein. © Foto: Harald Bethke
Anna Fastabend / 05.11.2014, 06:50 Uhr
Schwedt (MOZ) Vor 25 Jahren fiel die Mauer. Für die meisten Ostdeutschen veränderte sich das gesamte Leben. Eine Woche lang veröffentlicht die Märkische Oderzeitung Geschichten von Menschen der Uckermark. Heute: Harald Bethke fotografierte die Wende-Demonstrationen in Schwedt.

4. November 1989: 500 000 Menschen setzen sich auf dem Berliner Alexanderplatz für Meinungs-, Reise- und Versammlungsfreiheit ein, 10 000 Demonstranten sind es auf dem Sportplatz am Dreiklang in Schwedt. Und Harald Bethke ist mit seiner Kamera dabei. Der 76-Jährige zeigt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme: "Das war schon ein Kontrast. Auf der einen Seite die paar Männer von der Stadtverwaltung, auf der anderen die vielen Demonstranten."

Harald Bethke, der zum damaligen Zeitpunkt Leiter der Gesellschaft für Fotografie war, begleitete die Demonstrationen, wann immer seine Arbeit es zuließ. Der gelernte Ingenieur arbeitete als Schichtleiter in der Düngemittelfabrik des PCK. Ende der 70er-Jahre gab er dort den Anstoß zur Schwedter Initiative "Weniger produzieren mehr". Eine DDR-weit umgesetzte Umstrukturierungsmaßnahme, in der Mitarbeiter auf mehrere Arbeitsbereiche angelernt wurden. Damit sollte der in den Betrieben herrschende Fachkräftemangel gedämpft werden.

Die Proteste fotografierte er aus rein journalistischem Interesse. So war er auch bei der Montagsdemonstration am 4. Dezember zugegen, bei der Protestler Kerzen vor den Gitterfenstern des Stasi-Gebäudes anzündeten. Außerdem war er bei der Kundgebung am 11. Dezember auf dem Vierradener Platz dabei. Und hielt die Stimmung der Menschen kurz nach dem Mauerfall fest.

Harald Bethke hat viele Fotos von den Protestkundgebungen jener Zeit gemacht. Die Aufnahmen entwickelte er im eigenen Badezimmer. "So wie jeder DDR-Bürger, der Fotos machte." Doch lediglich zehn davon behielt er. Warum? Die Demonstrationen fanden abends statt. Die Lichtverhältnisse waren für einen Fotografen schwierig. So gab es Fotos, die Bethke aus technischen Gründen missfielen. Bei anderen war es die Bildkomposition. "Ein gewisser künstlerischer Wert muss erkennbar sein", erwartet Bethke von seiner Arbeit. Er dachte: "Mit den erhaltenen Aufnahmen bestehe ich in jedem Fall." Und er behielt Recht damit. Er stellte die Bilder aus, fertigte Abzüge für die Stadt und andere Interessenten. Die Fotos waren von Anfang an als Ausstellungsmaterial vorgesehen. Trotzdem behielt er sie 20 Jahre für sich. Er wartete auf einen aktuellen Moment. Bei der Einführung von Hartz IV trieb es die Menschen wieder auf die Straße und Bethke war als freier Fotograf für die Märkische Oderzeitung zugegen. 2009 stellte er 30 Bilder im Kosmonaut aus. Aufnahmen von zwei historischen Momenten, in denen Schwedter für ihre Rechte auf die Straße gingen.

Er konnte sich 1989 zwar damit identifizieren, dass die Menschen für mehr Freiheit und Mitbestimmung kämpften, möchte aber nicht als "Wendehals" dargestellt werden. "Für mich war der Mangel an Demokratie nie so gravierend, dass ich das Land verlassen hätte." Bethke hatte die Düngemittelfabrik mit aufgebaut, mochte Arbeit und Kollegen. "Auf einmal gab es viele Menschen, die scheinbar schon ewig für eine freie DDR kämpften. Leute, die zuvor ein ganz normales bürgerliches Leben geführt hatten", erinnert sich Bethke. Er selbst wäre mit seinen Kindern niemals geflohen. Er hätte viel zu viel Angst um sie gehabt. "Als Flüchtling kann man nicht beeinflussen, was mit einem passiert."

Doch auch Bethke wollte, dass sich etwas ändert. "Es hatte sich viel Unrecht angehäuft." Die Praktiken der Stasi, das übergroße Sicherheitsbedürfnis des Staates. Zwar hatten Mitarbeiter des PCK die Möglichkeit, zu Familienfeiern in den Westen zu reisen. Doch auch Bethke weiß von Geschichten, in denen selbst bei Todesfällen in der Verwandtschaft ohne Grund die Ausreise verwehrt wurde. "Dabei sind zig Bekannte 'rüber gefahren und nicht einer ist geblieben", erinnert er sich. Denn, wer in der DDR in gesicherten Verhältnissen lebte, der gab nicht einfach sein ganzes Leben auf.

Bei den Demonstrationen war Bethke immer wichtig, dass alles ohne Gewalt ablief. "Schließlich kann man über alles reden, auch über unangenehme Dinge." Von der Wiedervereinigung war zum Zeitpunkt der Montagsdemonstrationen allerdings noch keine Rede, sagt er. Den Menschen, die damals auf die Straße zogen, ging es um mehr Demokratie im eigenen Land.

Als die Schwedter demonstrierten, war die Lage bereits nicht mehr so brenzlig. Der Protestmarsch in Leipzig am 9. Oktober hatte gezeigt, dass 70 000 Menschen für ihre Forderungen eintreten konnten, ohne dass der Staat gewaltsam dagegenhielt. Dennoch hatte Harald Bethke Respekt. "Keiner wusste, wie die Aufstände ausgehen werden. Keiner, welche Möglichkeiten die Stasi noch hat."

Er hielt sich immer so nahe wie möglich am Geschehen auf. Einige der Porträtierten hatten Angst und guckten weg. Die meisten aber vertrauten dem Schwedter. "Die Leute kannten mich als seriösen Fotografen. Sie wussten, dass die Stasi an meine Aufnahmen nicht herankommt. Bei zweifelhaften Situationen drückte ich entweder nicht ab oder vernichtete den Film", erzählt er.

Für Bethke sind die gelungensten Bilder, die von der Montagsdemonstration vor dem Stasi-Gebäude. Die leuchtenden Kerzen für die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit, die vergitterten Fenster für die Stasi-Problematik. "Diese Elemente stehen im Mittelpunkt meiner Arbeit. Denn es gibt nichts friedlicheres, als in einer solchen Situation eine Kerze anzuzünden. Das hat mich tief berührt."

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