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Szenische Lesung gibt Einblick in Schwedter Erfahrungen zur Wende

Paradiesische Zustände?

Ungläubig: Schüler spielen nach, wie Eltern den Mauerfall erlebt haben.
Ungläubig: Schüler spielen nach, wie Eltern den Mauerfall erlebt haben. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Anna Fastabend / 09.11.2014, 07:45 Uhr
Schwedt (MOZ) Jungpioniere lassen ihre blauen Halstücher durch die Straße tanzen, Ostdeutsche waren derart gute Autofahrer, dass sie ihre Autos aus Pappe bauten. "Die DDR, ein Land, von dem andere nur träumten", wirft eine Darstellerin mit ironischem Unterton ins Publikum. Andere halten dagegen: "Parteizwang, mangelnde Reisefreiheit, Stasi-Spionage." Doch auch das ist nicht die ganze Wahrheit über die Lebenswirklichkeit der DDR-Bürger: "Ich hatte eine behütete Kindheit. Niemand in meiner Familie war arbeitslos."

Die am Donnerstagabend aufgeführte 35-minütige szenische Lesung "Wendebrüche" am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium ist etwas Besonderes. Sie ist aus einer Zeitzeugenbefragung von Schwedter Bürgern zu ihren Erfahrungen mit der Wende entstanden. Diese hatten Schüler im Rahmen einer Projektwoche unter der Leitung von Lehrerin Susanne Tomczak durchgeführt. Das Projekt, dessen Protokolle feierlich an Museumsleiterin Anke Grodon übergeben wurden, machte sogar den dritten Platz beim Bundeswettbewerb "Jugendreporter".

Die 14 Elftklässler, die von Simone Grieger im Schauspiel unterrichtet werden, stellen darüber hinaus dar, wie ihre Eltern den 9. November 1989 erlebt haben. Sie zeigen private Momente, die in ihrer Unaufgeregtheit so gar nicht zu dem alles verändernden Erlebnis passen wollen. Da gibt es die Ehefrau, die Buletten brät und von ihrem Mann zur Nachrichtensendung gerufen wird. Da gibt es den Mann, der lieber zu Ende werkelt, als sich in die Schlange für das Begrüßungsgeld zu stellen.

Und was hat die Wende rückblickend verändert, fragen die Darsteller? Positive Dinge, wie die Möglichkeit zur individuelleren Lebensgestaltung werden aufgezählt: "Wir haben uns ein Haus gebaut." - "Ich kaufte mir ein Auto, mit dem ich überall hinreiste." Aber auch Schicksalsschläge: "Ich verlor meine Arbeit und habe danach nie wieder eine Anstellung gefunden." - "meine Wohnung kostete zu DDR-Zeiten 41 Ost-Mark und heute 500 Euro."

Als die Schüler das Lied "Wind of Change" von der Rockband Scorpions singen, ist förmlich zu spüren, wie der Abend die Zuschauer emotional berührt. Schließlich führen hier Kinder ihren im Publikum sitzenden Eltern deren Erlebnisse vor. Der Kreis schließt sich, als die Schüler mit Ironie von den Vorzügen der Bundesrepublik berichten: Fleißige Rentner können heutzutage wunderbar von der privat abgeschlossenen Altersvorsorge Riester-Rente leben. Dann loben sie die Deutsche Bahn für ihre Pünktlichkeit. Doch trotz der Kritikpunkte an der heutigen Zeit finden die Schüler: "Wir leben in einem Land, in dem man oft vergisst, wie gut es einem geht."

"Wendebrüche" kann gebucht werden. Infos unter der Telefonnummer: 03332 22037.

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