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Schwedter diskutieren mit Vertretern verschiedener Glaubensrichtungen über Terror, Missbrauch, Nächstenliebe und Hoffnung

Dürfen wir Gott kritisieren?

Hans-Rainer Harney, Ingrid Johnen, Rudi-Karl Pahnke, Walter Rothschild, Uwe Flock und Said Ahmed Arif (v. l.) stellen ihre Standpunkte zu aktuellen Krisen auf der Welt dar.
Hans-Rainer Harney, Ingrid Johnen, Rudi-Karl Pahnke, Walter Rothschild, Uwe Flock und Said Ahmed Arif (v. l.) stellen ihre Standpunkte zu aktuellen Krisen auf der Welt dar. © Foto: MOZ/Anna Fastabend
Anna Fastabend / 09.11.2014, 12:00 Uhr
Schwedt (MOZ) Noch vor 25 Jahren war es nicht möglich, dass Schwedter Bürger öffentlich über Glaubensfragen diskutieren. Beim 2. Interreligiösen Gespräch befragen sie Glaubensvertreter verschiedener Religionen zu ihren Positionen und ihrem Einfluss auf die Gesellschaft.

"Ich musste erst lernen, mit Menschen zu kommunizieren, die von sich sagen, sie glauben nicht an Gott", sagt Hans-Rainer Harney, langjähriger Pfarrer der evangelischen Sankt-Katharinen-Gemeinde zur Eröffnung des von ihm organisierten interreligiösen Gesprächs. Er habe immer geantwortet, jeder Mensch glaube an etwas. Damit seien auch Atheisten religiös.

Vor den rund 30 Gästen in der Volkshochschule Schwedt sitzen ein ehemaliger evangelischer Pfarrer, eine Buddhistin, ein Rabbiner, ein Imam und ein Atheist. In dieser Zusammensetzung haben sie schon viele Gespräche geführt. Es ist kein Geheimnis, dass dies nur deshalb möglich ist, weil alle liberal eingestellt sind. Das Thema des Abends ist breit gefasst. Die Gäste sollen Fragen stellen, die ihnen auf der Seele brennen. Dazu, wie aus religiöser Sicht mit Ängsten, Gewalt und Hass umgegangen werden kann.

Die Terrormiliz "Islamischer Staat", die durch ihr brutales Vorgehen die gesamte Welt in Atem hält und bereits große Teile des Iraks und Syriens in ihre Gewalt gebracht hat, ist ein Aspekt, der sich durch den Abend zieht.

"Haben führende Religionsvertreter denn überhaupt noch Einfluss auf radikale Gruppen?", will jemand aus dem Publikum wissen. Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Denn: "Eine Zentralfigur wie den Papst kennt nur die Katholische Kirche", erklärt Pfarrer Rudi-Karl Pahnke. Aber auch dieser habe es nicht verhindern können, dass unzählige Kinder von Kirchenvertretern sexuell missbraucht worden sind.

Aus der Sicht von Imam Said Ahmed Arif entsteht Gewalt unter dem Deckmantel von Religion. "Es gibt Religionsführer, die handeln gleichzeitig auch auf politischer Ebene und rufen zu Gräueltaten auf." Deshalb dürfe Religion und Politik nicht vermischt werden. Zudem müsse man nach Ansicht des Imams immer auf die Ursache für derartige Verbrechen blicken. Sie entstünden aus einer bestehenden Ungerechtigkeit. "Das sieht man an der Historie des Iraks. Eine muslimische Glaubensrichtung übt Macht über eine andere aus und diese wehrt sich." Atheist Uwe Flock stimmt zu: "Terrorismus entsteht, wenn derjenige, der Gewalt anwendet, die göttliche Wahrheit für sich in Anspruch nimmt." Flock weist jedoch darauf hin, dass die Mehrheit der Muslime nicht zum Heiligen Krieg aufruft. Aus der religiösen Schrift wurden schon immer schlechte und gute Schlussfolgerungen gezogen, so der Atheist. Unter Berufung auf die Bibel seien Kreuzzüge verübt, aber auch Nächstenliebe gepredigt worden.

Der jüdische Glaube ist für Rabbiner Rothschild eine "GmbH", ein Glaube mit beschränkter Hoffnung: "Im Holocaust wurden sechs Millionen Juden ermordet. Da fällt der aktive Glaube schwer." An einen Messias, der die Welt von ihrem Elend erlöst, glaubt er nicht. "Es wird immer Kriege, Armut und Krankheit geben. Das muss man akzeptieren lernen", sagt der Rabbiner. Die Menschen trügen Gutes und Schlechtes in sich. Es ginge darum, das Schlechte unter Kontrolle zu halten. Aber auch Triebe wie Gier oder Lust hätten ihre Berechtigung. "Ohne sie entwickelt sich nichts. Wir würden nicht essen und Kinder kämen auch nicht auf die Welt."

Man solle sich nicht so viele Gedanken über Dinge machen, in denen man nicht drinsteckt, holt Buddhistin Ingrid Johnen die Diskussion vom Islamischen Terror zur Verantwortung eines jeden einzelnen für die Gesellschaft zurück. "Wir reden uns hier die Köpfe heiß, zanken mit unserem Gesprächspartner über unterschiedliche Auffassungen zu dem, was weit weg geschieht, denken morgen früh noch darüber nach und hören unseren Kindern nicht zu." Für sie solle der Mensch erst einmal bei sich selbst anfangen, ein besserer Mensch zu werden und in nächster Nähe dort helfen, wo er gebraucht wird. Damit ist die buddhistische Sicht auf die Dinge gar nicht weit von der jüdischen entfernt. "Wir dürfen Gott auch kritisieren", glaubt Rothschild. "Als seine Partner sind wir aufgefordert, die Welt mit seiner Hilfe zu verbessern." Man solle sich für Gerechtigkeit einsetzen, erklärt der Imam. Nur so könne Frieden entstehen. "Es geht darum, sich für seine Werte einzumischen, Zivilcourage zu zeigen, auch wenn es mal weh tut", erklärt Atheist Uwe Flock.

Der evangelische Religionslehrer Wolfgang Rall aus Angermünde resümiert: "Der lebendige Dialog über Religion leistet mehr als jeder Medienbericht. Ich finde, ein solches Gespräch sollte häufiger in der Uckermark stattfinden."

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Ein besorgter Bürger 25.03.2015 - 17:15:31

Dürfen wir Gott kritiseiren? Nein!

Die Frage "Dürfen wir Gott kritisieren?" ist so sinnvoll wie die Frage "Dürfen wir den Weihnachtsmann (weil er die falschen Geschenke gebracht hat) oder ein rosafarbenes Einhorn (weil es rosa statt blau ist) kritisieren?" Etwas nicht Existentes zu kritisieren ist nicht möglich.

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