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Reitweins Stolz und Gesicht

BKLOPPSTECH / 03.04.2010, 07:50 Uhr
Reitwein Von Bärbel Kloppstec h

In diesem Frühjahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 65. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um Küstrin und die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden allein in der Seelower Region 28 Kirchen zerstört. In loser Folge stellt Oderland Echo Kirchengemeinden vor, die Notkirchen oder Ersatzbauten schufen, um Gottesdienste feiern zu können. Heute: Reitwein

Schon von weitem grüßt die lange, schlanke Spitze des roten Backsteinbaus und macht die Besucher neugierig. An der Spitze des Reitweiner Sporns stehend ist sie ein Beispiel für die schlichte Bauweise der Neogotik. Der am 28. Januar 1800 geborene Friedrich August Stüler hat das Gotteshaus entworfen. Er gehört zu der Schülergeneration Schinkels, die unter dem Eindruck des großen preußischen Baumeisters heranwuchs. Der größte Reiz von Stülers Kirchen liege in der anmutigen Gruppierung in der Landschaft oder im Stadtbild, heißt es unter Fachleuten über ihn. Die Reitweiner Kirche ist da keine Ausnahme. Am 28. Mai 1855 erfolgte auf Initiative Graf Rudolf Finck von Finkensteins die Grundsteinlegung für das neue Reitweiner Gotteshaus. Er wollte mit diesem Bau, heißt es in den Reitweinischen Merkwürdigkeiten von Paul Schröder aus dem Jahr 1902, "seiner ersten Gemahlin Erdmuthe, geborene von Burgsdorff, von der er bei ihrem frühen Tode 1849 das Gut Reitwein ererbt, ein bleibendes Gedächtnis in der Gemeinde stiften." Deshalb ließ er den "Geheimen Ober-Baurat Stüler, dem Berlin außer verschiedenen Kirchen das Neue Museum und die Schloßkuppel, Potsdam die Friedens- und Nikolaikirche verdankt, den Plan zu einem neuen Gotteshaus entwerfen", wie es in dem Bericht des Pfarrers heißt. Als der Bau am 25. August 1858 feierlich eingeweiht wurde, stand er auf der Hügelspitze so wie ihn Stüler entworfen hatte.

1945, in den letzten Kriegswochen wurde das Gotteshaus aus den roten Ziegeln stark beschädigt. Steht man heute in der Ruine des Kirchenschiffs sieht man rechts am Turm noch einen Granateinschuss. In den folgenden Jahrzehnten eroberte die Natur das Gotteshaus für sich. Doch der Gemeindekirchenrat konnte es vor einer Sprengung bewahren, wie Karl-Friedrich Tietz, langjähriger Bürgermeister, berichtet. 1983 sei der Bau unter Denkmalschutz gestellt worden. Doch erst 1990 begannen die ersten Sicherungs- und Sanierungsarbeiten.

Gottesdienst feierten die Reitweiner in all den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg im Gemeindesaal des am Fuße des Kirchbergs stehenden Pfarrhauses, das seit 1966 und nach Ausbau des Dachgeschosses als Rüstzeitenheim genutzt wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Reitwein immer einen eigenen Pastor, seit 1966 kommt der Podelziger zum Gottesdienst, wird Reitwein vom dortigen Pfarramt mitverwaltet. Die Stelle des Reitweiner Geistlichen gilt allerdings noch immer als vakant - zumindest auf dem Papier des Pfarralmanachs, wie Gottfried Hemmerling schmunzelnd berichtet. Als Vorsitzender der Gemeindekirchenräte von Podelzig und Reitwein dient der Gottesmann gewissermaßen "zwei Herren". Nur musikalisch sind sich Podelzig und Reitwein bisher näher gekommen - in einem gemeinsamen Posaunenchor.

Ein Ersatz für die zerstörte Kirche war der Gemeindesaal im einstigen Pfarrhaus nie. Nicht nur für Karl-Friedrich Tietz, der in diesem Raum getauft, konfirmiert und getraut wurde. Vielleicht hat er sich deshalb auch ganz besonders dafür eingesetzt, dass der Turm wieder in alter Schönheit errichtet wurde. Wäre es nach der Denkmalbehörde gegangen, hätte der Stüler-Bau heute lediglich einen Turmstumpf in genau 23 Meter Höhe. Der Bürgermeister spricht deshalb mit Hochachtung von dem Frankfurter Architekten Hans Tulke. Er habe nur eine Zeichnung mit der historischen Gestalt als Vorlage zur Verfügung gehabt, wo die Maße noch in Fuß angegeben waren. Doch er habe das Puzzle zusammengesetzt.Sogar sprichwörtlich Stein für Stein. Denn auch Mauerbrocken, die Formsteine in den Schuttbergen gaben Aufschluss darüber, wie der Turm ausgesehen hat. Hans Tulke baute ein maßstabsgerechtes Modell mit der Turmspitze. Und so fügte sich ein Mosaikstein zum anderen bis dann 1998 der Wiederaufbau begann. Am 3. September 1999 wurde die neue Kirchturmspitze aufgesetzt - mit originalgetreuer vergoldeter Krönung und Uhr, die eine Besonderheit auf ihrem Zifferblatt hat. Die vierte Stunde wird nicht mit der römischen "IV", sondern mit vier römischen "I" angezeigt.

Der hochaufragende Kirchturm gibt dem Stüler-Bau wieder ein Gesicht, das Reitwein gut steht.

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