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Rüdnitzer Hachschara als Station auf der Flucht vor der Judenverfolgung (2)

Schicksale in schlimmer Zeit

Rainer Horn / 19.11.2014, 12:25 Uhr
Rüdnitz (MOZ) In der Zeit des Hitler-Regimes ging es bei deutschen Juden um Leben und Tod. Deshalb flüchteten viele. Für Jüngere gab es teilweise die Möglichkeit, sich in Ausbildungseinrichtungen, in einer Hachschara, auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Eine davon bestand in Rüdnitz.

Das Rüdnitzer Ausbildungslager (Hachschara), dass sich neben der Bahnhofstraße befand, bereitete die Menschen auf das Leben in einem eigenen jüdischen Staat vor. Im März 1935 wurde die Hachschara in Rüdnitz eingerichtet, berichtete die "Jüdische Rundschau" in jenem Jahr. Im damaligen Brandenburg gab es insgesamt 13 dieser Lehrgangseinrichtungen. Nach dem deutschlandweiten Ende der Hachschara im Jahre 1941 änderte sich die Situation auch in Rüdnitz. Die Rüdnitzer Chronik berichtet, dass 1942 in besagter Ausbildungsstätte ein privates Erholungsheim eingerichtet wurde.

Für jüdische Menschen waren die Vorbereitungslehrgänge der Hachschara gewissermaßen ein Sprungbrett, um das faschistische Deutschland noch vor dem Völkermord zu verlassen. Insgesamt konnten zwischen 1933 und 1941 mehr als 66 500 Menschen durch Berufsausbildung auf die erzwungene Emigration vorbereitet werden.

Im August des Jahres 1938 kam die 13-jährige Ada Brodsky, nachdem sie die Schule verlassen hatte, zur Hachschara nach Rüdnitz, um sich auf die Alija (den Aufstieg nach Palästina) vorzubereiten, geht aus dem Jüdischen Archiv hervor. Etwa zwei Monate konnte sie dort lernen. Bereits Ende September des Jahres verabschiedeten sie ihre Eltern, wie zuvor schon viele andere Verwandte und Freunde, am Anhalter Bahnhof in Berlin. Im Rahmen eines Kindertransports gelangte sie im Oktober 1938 nach Triest und von dort an Bord des Schiffes Gerusalemme nach Palästina.

Wie unter anderem einem Artikel der Main-Post von 2007 und einer Mitteilung der Bayerischen Staatsregierung von 2009 zu entnehmen ist, musste Hans-Josef Ehrlich, geboren am 13. September 1921, aus Bad Kissingen im Alter von 17 Jahren vor den Nazis nach Palästina fliehen, weil er jüdischer Abstammung war. Noch von März bis September 1938 half er im elterlichen Modehaus, danach arbeitete er im Rüdnitzer Vorbereitungslager für Auswanderer nach Palästina in der Landwirtschaft, da er gern Landwirt werden wollte. In Palästina und nach Staatsgründung von Israel 1948 begann für ihn ein neues Leben. Ehrlich wurde Offizier Israels und änderte auf Weisung Ben Gurions seinen Namen in Joske Ereli. Später, im Kibbuz En Gedi am Toten Meer, lebte Ereli lange Jahre und wurde Fremdenverkehrsdirektor. Der deutsch-stämmige Jude erwarb sich Verdienste in der Verständigung von Deutschen und Juden. 2009 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Der Rüdnitzer Michael Guttmann berichtete, wie er 1995 bei einem Urlaub in Israel von ihm angesprochen worden war. Als Fremdenverkehrsdirektor hatte Ereli gesehen, dass Guttmann aus Rüdnitz kam. Das hatte ihn sofort an die Rüdnitzer Hachschara erinnert. Im Gespräch mit Guttmann berichtete er ihm über diese Einrichtung.

Einen anderen Lebensweg hat Martin Kauders genommen. Nach der Hachschara in Rüdnitz gelang ihm die Flucht nach Großbritannien. Dort setzte er politische Akzente, wurde Gründungsmitglied der FDJ, geht aus einem Material der Rosa-Luxemburg-Stiftung hervor. Jene Exil-FDJ hatte zum Ziel, die antifaschistische Jugend im Kampf gegen Hitler zu vereinen. In mehreren Ländern wurde sie von Jugendlichen gegründet, die vor dem Hitlerfaschismus hatten fliehen müssen. 1936 in Paris, 1938 in Prag und ab 1939 in Großbritannien. Es gelang jedoch nicht, FDJ-Gruppen im Deutschen Reich zu gründen. Kauders ging in die britische Armee unter dem Namen Alexander Kent. Nach dem Krieg wurde er im Jahre 1947 Redakteur beim "Neuen Deutschland".

Die Flucht aus dem braunen Deutschland hatte Erich Flörsheimer aus Rüdnitz nicht geschafft. Er wurde im November 1941 zusammen mit 1045 Juden beim zweiten Frankfurter Transport nach Minsk deportiert. Über das weitere Schicksal Flörsheimers gibt es keine gute Nachricht. Die letzten Hachschara-Schüler wurden im April 1943 aus dem Landwerk Neuendorf, damals Sammellager für Deportationen, nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

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