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Weniger Barrieren

Wollen ein barrierefreies Oranienburg : Sozialdezernentin Kerstin Kausche, Behindertenbeauftragter Holger Dreher, Dr. Katrin Grüber vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft sowie Annett Bauer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Foto: Dagmar Möbius
Wollen ein barrierefreies Oranienburg : Sozialdezernentin Kerstin Kausche, Behindertenbeauftragter Holger Dreher, Dr. Katrin Grüber vom Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft sowie Annett Bauer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Foto: Dagmar Möbius © Foto: Dagmar Möbius
Dagmar Möbius / 21.11.2014, 08:00 Uhr
Oranienburg (MOZ) Im Oranienburger Bürgerzentrum haben am Mittwoch 60 Interessierte darüber gesprochen, wie die Stadt behindertenfreundlicher gestaltet werden kann. Veränderung beginnt aber nicht auf der Baustelle, sondern in den Köpfen.

"Schön, dass so viele da sind, aber es könnten noch mehr sein", freute sich Vize-Bürgermeisterin Kerstin Kausche (CDU) am Mittwochabend über den voll besetzten Saal im Bürgerzentrum. Eingeladen hatten die Stadt und der Arbeitskreis für die Belange behinderter Menschen der Stadt Oranienburg (AKBO). "Wir müssen es schaffen, mehr zu bündeln", sagt die für Soziales zuständige Bürgermeisterin. Das heiße, familiengerechte, barrierefreie, touristisch attraktive und generationenübergreifende Bedingungen immer auch mit Blick auf die Belange Behinderter zu bedenken. Kurz: "Wenn wir in einem Inklusionskreis über alle Themen sprechen, sparen wir mindestens 20 Arbeitskreise."

Holger Dreher, seit 2009 hauptamtlicher Behindertenbeauftragter der Stadt Oranienburg und seit 2006 Vorsitzender des Blinden- und Sehschwachenverbandes in Oberhavel, berichtete, mit welchen Aktivitäten der Arbeitskreis die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzt. So fanden beispielsweise Stadtbegehungen mit allen Ortsvorstehern statt, jährlich am 5. Mai wird auf die Belange behinderter Menschen aufmerksam gemacht, und es gibt inklusive Kulturveranstaltungen. Für die Landesgartenschau 2009 erarbeitete der Arbeitskreis ein barrierefreies Konzept. Aktuell läuft ein Projekt mit der Comenius-Schule, bei dem es um inklusive Bildung geht. "Maßstab für meine Arbeit ist, die Lebensverhältnisse in allen Bereichen der Gesellschaft zu verbessern und Behinderten ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben, je nach Fähigkeiten, zu ermöglichen", so Dreher. Bewusstseinsbildung ist dabei ein großes Thema.

Dr. Katrin Grüber, seit 13 Jahren Leiterin des Berliner Instituts Mensch, Ethik und Wissenschaft (IMEW), referierte darüber, wie Oranienburg von der UN-Behindertenrechtskonvention profitieren kann. "Dass Vielfalt bereichert, ist leichter gesagt als getan." Unabhängig vom Grad der Behinderung müsse es darum gehen, Menschen mit Behinderung gleichberechtigt in die Gemeinschaft einzubeziehen. Stehe ein Rollstuhlfahrer vor einer Treppe, sei nicht allein die Überwindung des Höhenunterschiedes eine Barriere, sondern auch die Reaktion der Passanten. "Ein Problem ist: die meisten vermissen nichts", bemerkte Katrin Grüber.

"Dass Behinderte Zugang zu Gottesdiensten oder Kulturveranstaltungen finden, kann und soll man nicht verordnen, aber man muss daran denken." Viele Bürger wüssten nicht, wie sie mit Menschen mit Behinderungen umgehen sollen und vermeiden deshalb Kontakte. "Inklusion heißt, dass alle Bürger von Oranienburg alle Angebote wahrnehmen können, dass die Möglichkeiten da sind. Es geht nicht darum, dass alle alles gemeinsam machen", stellte Dr. Katrin Grüber klar und betonte: "In inklusive Prozesse müssen von Anfang an alle Beteiligten einbezogen sein. Behinderung geht alle an. Das ist nicht nur ein Sozialthema oder eins von Behinderten." Einprägsam veranschaulichte sie, wie ein Nikolaus-Fest inklusiv geplant werden kann. "Da kann man nicht alles machen wie bisher", so das Fazit.

In fünf Arbeitsgruppen tauschten sich die Teilnehmer darüber aus, welche konkreten Maßnahmen sich entwickeln lassen. Die Thementische "Erziehung und Bildung" sowie "Politische Teilhabe" waren am stärksten besucht. Dass sich für "Arbeit und Beschäftigung" nur wenige Interessenten fanden, verwunderte Holger Dreher. "Es ist zwar kein vordergründig kommunales Thema, aber ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass einige Akteure mehr, auch die Arbeitsagentur, unserer Einladung gefolgt wären."

Dennoch zeigte er sich mit dem Verlauf der Veranstaltung zufrieden. "Wir wollten für das Thema sensibilisieren und zur Mitarbeit motivieren. Das ist gelungen."

Angeregt wurden unter anderem ein Bildungstag für inklusive Bildung, eine Zusammenkunft aller Akteure im Kultur-Freizeit-

und Sportbereich sowie die vertiefte Diskussion über bezahlbaren, barrierefreien Wohnraum. Die Ergebnisse werden jetzt konkret ausgewertet und sollen spätestens im ersten Quartal 2015

veröffentlicht werden.

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Härtwig 22.11.2014 - 18:40:06

@Feuerwassererichangela

Ich weiß nicht, warum diese Schärfe? Im Grundsatz sind wir einer Meinung. Wir scheinen diese Problematik aber aus zweierlei Sicht angegangen zu sein. Ich kritisiere schon seit langen z. B. die Taschengeldpolitik diverser Einrichtungen. Dabei spielt leider der Träger nur eine untergeordnste Rollel. So finde ich es immer wieder traurig, dass sich die Betreuer in Wohnstätten als Hausherren aufspielen, statt sich eher als Serviceperonal für die Bewohner zu fühlen. Noch schlimmer ist es mit den Taschengeldkonten in großen Stiftungen. Bewohner müssen drei bis vier Tage eher angeben, wieviel Geld sie für die kommende Woche benötigen. Wenn sie das können, wozu benötigen sie dann noch Hilfe. So könnte ich viele Punkte aufzählen, wo Entmündigung und Bevormundung sich immer wieder zeigen. Aber warum bekommen gerade diese Einrichtugnen, wie die Lobetaler Stiftungen, hauptsächlich die Unterstützungen der Politik? Warum werden in Barnim , trotz besseren Wissen, im Jahr 1999 Schulen mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung von vornherein viel zu klein konzepiert. Warum gibt es keine Förderungen für Schüler die aktiv oder passiv die Schulen verweigern? Wieso ist es so schwer, zweckgebundene Schulbegleitung auch an Förderschulen im Barnimzu bekommen? Usw...

Feuerwassererichangela 22.11.2014 - 12:28:55

@Härtwig, Trügt der Schein???

Also ich muss nach unendlich langer Suche für eine passende Einrichtung folgendes Fazit ziehen: Stationäre Einrichtungen sind aus bilanziert, weil die Regierenden Kosten sparen wollen und die Versorgung durch private Anbieter fördern. Dieser eigentlich richtige Denkansatz hat aber dazu geführt, dass es keine Angebote und damit keine marktwirtschaftlichen Regularien gibt und damit die Betroffenen behindert werden... Berücksichtigt man die kooptierten Körperschaften (Amtskirchen), so trifft man hier die Denkmodelle der Institutionen und Ämter an. Sie werden alle aus dem selben Topf bezahlt und für die Betroffenen bleibt das Zölibat. Es herrscht also für Privilegierte keine Konkurrenz und ermöglichen es, sich hinter "christlichen Werten" zu verbergen, so wie wir es früher mit der SED erlebt haben... Zur Beschäftigung der Betreuer wird das Taschen- und Bekleidungsgeld bewirtschaftet. Das sieht in etwa so aus, dass die Finanzhoheit an die Einrichtung übergeleitet wurde (1998 durch den LK OHV). Es herrscht die allgemeine Meinung, das Taschengeld muss raus, bzw. ausgegeben werden, weil es da ist. Egal wofür... Diese Meinung trifft man überall an, weil es bequemer ist. Vergessen wird hier das Prinzip der Sparsamkeit. Statt dessen gibt es, wenn der Haushalt es hergibt, Subventionen für organisierte kollektive Urlaubsaufenthalte. Ich frage mich, wie ist das möglich, wo doch das Geld fehlt? Ganz allgemein ist festzustellen, dass es immer um die bequemere Problemvereinfachung geht. Man legt nach vermeintlichen Verwaltungsvorschriften und "Menschennormen" etwas fest, beansprucht die Deutungshoheit und ist dann auch noch Richter in eigener Sache. Aus "Geschäftsunfähigkeit" wird "entmündigt", diskriminiert und die betreuenden Eltern werden gedemütigt. Was soll das bitte schön? Oder darf ich dass nach über 40 Jahren nicht schreiben?? Melden Sie mich bitte dem Verfassungsschutz zur Prüfung meiner Angaben. Danke.

Härtwig 21.11.2014 - 22:00:31

@Feuerwassererichangela

Ich kann voll hinter ihren Ausführungen stehen, komme aus dem Barnim, und glauben sie mir, wir wären schon froh, wenn es hier nur annähernd so gut ausshehen würde, wie bei ihnen in Oranienburg. Der Barnim glänzt in allen Belangen bei Sozialfragen, sei es Sozialamt, Jugensamt etc mit dezernter Ignoranz. Woran das liegen mag? Vielleicht sie politische Lage seit 1990 mal näher betrachten. Rot aN DER Ampel heißt: Nein! und dieses wird im Sozialbereich konsequent verfolgt.

Feuerwassererichangela 21.11.2014 - 17:51:30

"Behinderung"

Es gibt Menschen mit Beeinträchtigungen, die behindert werden. Man schiebt und schottet sie ab und macht sie zu "Behinderten". Das gehört in Einzelfällen auch zu Oranienburg. Da gibt es eine Einrichtung, die vorgibt diesen Menschen helfen zu wollen. Sie erklärt sie für geistig behindert und nutzt "pädagogische Konzepte", um sie per "Entwicklungsbericht" von Teilhabe auszuschließen..."Entwicklungsberichte" ohne Entwicklung werden mehr zum Schutz der Beteiligten (Landratsamt, Heimaufsicht und Einrichtung) geführt, statt sie als "Teilhabeberichte" zu führen. Wer hat sich für seine Entscheidungen wirklich Gewissheit verschafft, statt sich wieder (es ist traurig!) auf vorgegebene Normen zu berufen??? Das nun Hilfe aus Berlin kommt, finde ich sehr gut. Es ist aber gleichzeitig auch ein Armutszeugnis für den Landkreis. Ich frage mich, fahren die Beteiligten nie nach Berlin und nehmen mal etwas wahr? Danke für die Taxicoupons, wir haben das sehr begrüßt. Wir hoffen, dass die konfessionslose / unpolitische Lebenshilfe in Oranienburg endlich die Stellung und Unterstützung findet, die sie verdient... Ausführungen zum Busbahnhof Schmachtenhagen Ost in Richtung Oranienburg und Bahnhofsvorplatz habe ich mehrfach hier und bei den Behörden beanstandet. Hoffen wir, dass der Prozess der Inklusion, der ja nicht nur die genannten Menschen betrifft und viel komplexer ist, keine Ankündigung bleibt, um Wahlergebnisse und Posten zu sichern....

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