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Hochblüte auf dem Immenhof

Immenhof Dessow
Immenhof Dessow © Foto: MZV/Schönberg
Christian Schönberg / 02.01.2015, 21:17 Uhr
Ostprignitz-Ruppin (MZV) Die Idee der Gartenstadt - erst im vorigen Jahr machte sie unter dem Stichwort "Der Traum vom Grünen" noch einmal Furore. In England soll östlich von London nach diesem Konzept die Siedlung Ebbsfleet errichtet werden. Als Begründer der Idee wird immer der Engländer Ebenezer Howard genannt. Doch stammt sie ursprünglich aus Deutschland. Und zwei, die dieses Konzept, umsetzten, taten es im Ruppiner Land.

Dabei hätten die beiden Personen, um die es geht, nicht unterschiedlicher sein können. Zum einen handelte es sich um Henriette oder auch Henny Rosenthal (1885bis1944), Tochter einer jüdischen Berliner Kaufmannsfamilie und Gründerin des Dessower Obstgutes Immenhof. Zum anderen war es Theodor Fritsch, der noch vor Howard die erste Theorie einer Gartenstadt veröffentlichte, aber zu Lebzeiten vor allem als scharfer Antisemit auffiel. Er gründete mit Heimland bei Luhme eine Siedlung nach seinem Konzept - die im Gegensatz zum Immenhof aber krachend scheiterte.

Henny Rosenthal war beeinflusst vom Denken des Philosophen Franz Oppenheimer (1864 bis 1943), ebenfalls Jude und Theoretiker des Genossenschaftswesens. Oppenheimer war unter anderem Mitglied des Ausschusses der Deutschen Gartenstadtgesellschaft und kämpfte für eine neue Siedlungspolitik, um das Massenelend in den Städten zu bekämpfen. Rosenthal war fasziniert von den Ideen, die eine Alternative boten zu dem steinernen Moloch Stadt, in der ihre Familie zwar zu Wohlstand gekommen war und in der sie anfangs auch eine Ausbildung als Prokuristin an der Börse abschloss. Aber sie beschäftigte sich schon damals mit den reformpädagogischen Ideen ihrer Zeit. Dabei verfestigte sich der Gedanke, dass gerade der Gartenbau Grundlage dafür sein kann, als Mensch wieder Einklang mit der Natur zu finden. "Sie erkannte die therapeutische Wirkung von Gartenarbeit", wie sich ihre Tochter Bella Kalstein später erinnerte.

Als Henny Rosenthal erfuhr, dass eine Landgesellschaft Boden im Berliner Umkreis an Neusiedler verkaufte, erwarb sie rund 20 Morgen im Dorf Dessow, das seinerzeit zum Kreis Ruppin gehörte. 1913 bezog die Alleinstehende mit ihren drei Kindern und ihrer Mutter das neu erbaute Haus und nannte ihr Gut frei nach Theodor Storm "Immenhof". Obst- und Gemüseanbau wurde betrieben. Die Immen sorgten für die Fruchtbarkeit.

Rosenthal heiratete 1922 den aus einer russischen Rabbiner-Familie stammenden Jossel Lin und nahm seinen Namen an. Ein Jahr später kam der erste gemeinsame Sohn Ulrich Karl auf dem Immenhof zur Welt. Dieser galt seinerzeit als Mustergut. Dafür sprach nicht nur die erfolgreiche Produktion: Die Äpfel, Birnen, Pflaumen und anderen Früchte fanden dank einem guten Vertriebsnetz auf den Berliner Märkten reißenden Absatz. Mustergültig war vor allem die Einbindung der ländlichen Bevölkerung in die Pflege des Gutes: Bei den Beschäftigten wurde der Wert auf Gemeinschaft gelegt. Die Chefin und all ihre Familienmitglieder aßen beispielsweise stets mit den einfachen Arbeitskräften an einem Tisch.

Während der Immenhof in den 1920er Jahren buchstäblich in hoher Blüte stand, kam das Projekt des Judenhassers Theodor Fritsch (1852bis1933) in Luhme - damals im Kreis Ostprignitz - nie richtig auf die Beine. Fritsch hatte 1896 sein Buch "Die Stadt der Zukunft" veröffentlicht. Historiker wie Dirk Schubert gehen heute davon aus, dass Englands Gartenstadt-Vordenker Ebenezer Howard sich an diesem Werk orientierte, als er 1898 die richtungsweisende Schrift "To-morrow: A Peaceful Path to Real Reform", in einer späteren Auflage "Garden Cities of To-Morrow" (Gartenstädte von Morgen) genannt, veröffentlichte.

Der friedfertige Pfad einer realen Reform, der da beschrieben wird, war aber Fritschs Sache nicht unbedingt. Der Leipziger Bauernsohn sah seine Gartenstädte als eine "innere Gesellschaftsreform", als "einen Weg zum neuen Menschen". Durchsetzt von rassistischen Ressentiments sollten die Siedler nicht nur zurück zur Natur finden, sondern explizit auch der Fortentwicklung der sogenannten arischen Rasse dienen. Fritschs antisemitische Schriften, mit denen er zu Lebzeiten schon Aufsehen erregte, waren durchsetzt von Gedanken, die ihn für namhafte Historiker zum "geistigen Wegbereiter des Holocaust" (Hans-Ulrich Wehler) werden ließen. Tatsächlich waren seine Schriften voll von Klischees vom jüdischen Wucherer und schlug unverhohlen die "Ausscheidung" der "jüdischen Rasse aus dem Völkerleben" vor.

Als Inhaber des Hammer-Verlags, mit dem viele Publikationen zur sogenannten Judenfrage herausgegeben wurden, unter anderem auch die deutsche Übersetzung einer Hetzschrift des US-amerikanischen Autobauers Henry Ford, kam Fritsch zu Geld. Damit gründete er die Siedlungsgemeinschaft Heimland, die 1909 das Gut bei Luhme kaufte. Geschäftführer wurde sein, im Übrigen unehelicher, Sohn Walther Kramer.

Doch das Geschäft stockte von Beginn an, was nicht nur am Ausbruch des Ersten Weltkriegs lag. "Spartanergeist und innere Disziplin", wie sie von den Neusiedlern verlangt wurde, und vor allem ein rückwärtsgewandtes Frauenbild schreckten offenbar viele von dem Unterfangen ab. "Ein Königreich für ein Weib, das nicht studieren und schriftstellern will, sondern ehrlich zu kochen und zu wirtschaften versteht", klagte der Verein, nachdem neben elf Siedlern nur ganze zwei junge Frauen nach Heimland ziehen wollten.

Neben diesen Problemen legte sich die Gesellschaft vergeblich mit der Gemeinde Luhme an. Die Wasserversorgung und eine ordentliche Straße - all das verlangte der Verein von der öffentlichen Hand. Dass das kostbare Nass gebraucht wurde, zeigten die Ernten. Die Regenarmut im nördlichen Brandenburg, insbesondere in heißen Sommern, führten zu Missernten. Diese kamen allerdings auch zustande, weil anders als zeitgleich auf dem Immenhof auf allumfassende Landwirtschaft gesetzt wurde: Nicht jede Ackerfrucht gedeiht aber auf dem minderwertigen Sandboden wie es gut bestäubte Obstbäume tun.

1922 bereits wurde die Gemeinwirtschaft in Heimland aufgegeben und Land und Gutshaus an private Siedler verpachtet. Der endgültige Todesstoß erfolgte 1926: Die Siedlungsgesellschaft wurde aufgelöst. Zwei Jahre später notierte der Landrat lakonisch: "Die Siedlung "Heimland' bei Luhme hat sich nicht mehr weiter entwickelt. Die Siedler haben häufiger gewechselt. Nach Lage der Dinge dürfte es sich erübrigen, die Entwicklung weiter zu verfolgen."

Die Ironie der Geschichte schlug dann 1933 zu. Die Nationalsozialisten erklommen die Macht und setzten den auch von Fritsch genährten Judenhass in politische Taten um. Die einzige jüdische Familie in Dessow, die Lins, spürten das noch im selben Jahr. Jossel Lin wurde als russischem Juden keine Staatsbürgerschaft zuerkannt. Es gab willkürliche Durchsuchungen auf dem Gut. 1934 wurde Henny Lin gezwungen, es zu verkaufen - für ein Achtel des eigentlichen Werts. Profiteur war ein wohlhabender Gastwirt aus dem Ort. Er erstand es. Die Lins wanderten dagegen nach Palästina aus. Die Idee der Immenhof-Gründerin lebte er aber fort - in ihrem Sohn, der nach der Auswanderung nach Amerika seinem Nachnamen ein N anfügte.

Karl Linn ist Initiator der Community-Gardens-Bewegung. Der Kinderpsychologe, der in den USA als Landschaftsarchitekt erfolgreich war, setzte in US-amerikanischen Großstädten etwas um, was er in Dessow gelernt hatte: dass Gartenbau den Gemeinsinn fördert, "dass auch Menschen ohne Grundbesitz sich beim Blumenpflanzen, Unkrautzupfen und Gemüseernten erden und dabei einen zwanglosen Umgang mit der Nachbarschaft über soziale und ethnische Barrieren hinweg pflegen", wie Community-Garden-Aktivistin Elisabeth Meyer Renschhausen einmal nach dem Tode des 2005 an Leukämie gestorbenen Mannes schrieb. Linns Anliegen war, ohne dass er sich dessen vielleicht bewusst war, genau der Gegenpol zu dem Heimland-Projekt: Angst- und Vorurteilsfreiheit in der Nachbarschaft sollten gefördert werden, indem Städter ohne eigenes Land auf Brachen Beete anlegten und pflegten. Insbesondere Migranten hatte er im Blick, die ihre Wurzeln im neuen Land in vielerlei Hinsicht suchen und mit der Garten-Bewegung rascher finden.

Linn sagte in einem Interview, dass ihm gerade eine neue Art der erweiterten Familie vorschwebte, deren Zusammenhalt eben nicht auf Blutsverwandtschaft, sondern die Nachbarschafts- und übergenerationelle Hilfe fußt. Und in solchen Sätzen war für ihn auch die Erinnerung an Immenhof präsent. Im selben Interview erklärte er im Rückblick, dass die Kindheit in Dessow die Initialzündung für sein Wirken für Gemeinschaftsgärten war: "Aufgewachsen in diesem kleinen Dorf auf einem Gut, war ich von Kindesbeinen an daran gewöhnt, zu sehen, wie Menschen Land bestellen. Ich fing auch an, das zu tun: arbeitete im kleinen Garten, half den Erwachsenen, fegte den Hof und schnitt Feuerholz", erzählte er in dem Gespräch. "Jetzt sieht man mich eben hier: Ich harke immer noch, sammle immer noch Papier auf und genieße es, das zu tun."

Als Karl Linn das erzählte, saß er freilich nicht mehr im Ruppiner Land, sondern im kalifornischen Berkeley, als es dort darum ging, Land für einen neuen Gemeinschaftsgarten zu kaufen und zu bestellen. Den Immenhof in Dessow gibt es noch - als Bauerngut an der Straße nach Trieplatz. Heimland dagegen hat zwar seinen Namen noch, blieb aber als Siedlung nur ohne das gebrochene landwirtschaftliche Rückgrat erhalten. In der DDR stieß sich niemand an dem Namen, man machte aus Heimland eine Ferienheimsiedlung für die Hennigsdorfer Stahlwerker und baute sogar die in den 1920ern erträumten Straßen Sonnenweg, Tannenweg und Hegeseeweg, während die Felder von der Luhmer LPG "Solidarität" bestellt wurden. Auch heute dominiert dort am Kapellensee mit einer Pension und einem Hotel die touristische Nutzung.

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