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Auf Schienen zum Führerschein

Annette Herold / 07.04.2010, 22:03 Uhr
Bevor sie Frankfurter Straßenbahnen steuern dürfen, müssen sie auf die Schulbank: Wer als Fahrer bei der Stadtverkehrsgesellschaft (SVF) arbeiten möchte, muss zunächst den dafür nötigen Führerschein erwerben. Dieser Tage endet der dazu nötige Lehrgang für einen Auszubildenden der SVF.

"Gefaaaaaaahr!" Gerade hat die Straßenbahn die Conergy-Haltestelle in Richtung Markendorf verlassen, als Fahrlehrer Thomas Kliem plötzlich diese Warnung brüllt. Marco Wiesniewski darf jetzt nicht erschrecken, sondern muss tun, was er für diesen Fall gelernt hat: bremsen und zwar sofort. Geht es im Alltag darum, die Bahnen sanft zum Stehen kommen lassen, soll das Gefährt nun so schnell wie möglich halten.

"Ist jemand verletzt?", fragt Marco Wiesniewski die imaginären Passagiere. "Das gehört dazu", erläutert der Fahrlehrer. "Wie der Fahrschüler eine Gefahrenbremsung erlernen muss, muss er auch lernen, sich anschließend nach dem Wohlbefinden der Fahrgäste zu erkundigen."

Marco Wiesniewski, 28 Jahre alt, Frankfurter, gelernter Maurer und nun kurz vor dem Abschluss der Berufskraftfahrer-Ausbildung bei der SVF, kennt das schon vom Bus-Führerschein, auch er soll einmal beides fahren, so ist es üblich bei der SVF. Dennoch: "Straßenbahnfahren ist schon noch etwas anderes. Wir müssen viel mehr über die Technik wissen." Sein Fahrlehrer pflichtet ihm bei. "Vernünftig zu bremsen und anzufahren ist wichtig. Und dass sich der Fahrer im Notfall selbst zu helfen weiß. Geht ein Bus kaputt, kann er an den Straßenrand gestellt werden. Mit einer Straßenbahn lässt sich das nicht so einfach lösen."

Dafür, dass sich auch Marco Wiesniewski künftig zu helfen weiß, haben er und sein Fahrschullehrer sich vor dem praktischen Teil der Ausbildung ausgiebig mit der Straßenbahntechnik beschäftigt. Mit dem Ergebnis ist Thomas Kliem ganz zufrieden. Marco Wiesniewski sei ein guter Fahrschüler, sagt er.

Thomas Kliem, der während der Ausbildung auf einem Klappstuhl neben dem Fahrersitz des Tatra-Zuges vom Typ KT 4D sitzt und die Bahn im Notfall mit einem Knopfdruck zum Stehen bringen könnte, muss es wissen. Fast eine Million Lehrkilometer hat der 42-Jährige bisher absolviert - und so Fahrschüler für Lkw, Busse oder Straßenbahnen ausgebildet. Pro Straßenbahnschüler seien es 500 bis 600 Kilometer bis zur praktischen Prüfung. Bevor Marco Wiesniewski dann tatsächlich Frankfurter und Gäste der Stadt vom Messegelände zur Universität oder von Markendorf zum Stadion chauffieren darf, wird er noch die sogenannten Lehrfahrten mit Fahrgästen aber in Begleitung eines ausgebildeten Fahrers absolvieren.

Zur Ausbildung gehören neben den Tatra-Fahrten auch Fahrstunden mit den modernen Niederflurbahnen vom Typ GT 6M. Zwischen beiden Typen lägen Welten, sagt der Fahrlehrer, beinahe wie zwischen Trabant und Golf. Die Probleme, die andere Verkehrsteilnehmer den Straßenbahnfahrern aber bereiten, ähneln sich. Schnelles Spurwechseln, Schneiden der Straßenbahn oder das Ausbremsen zähle dazu, sagt Thomas Kliem. "Eine Straßenbahn fährt sich schwerer als ein Auto oder ein Bus. Man muss im Kopf haben, dass sich hier Metall auf Metall bewegt." Das hat einen deutlich längeren Bremsweg zur Folge: In der Regel braucht eine Straßenbahn doppelt soviel Wegstrecke wie ein Pkw, um zum Halten zu kommen. Deshalb ärgere es die SVF-Fahrer immer wieder, wenn Pkw-Fahrer in der August-Bebel- oder der Karl-Marx-Straße quer über die Straße wenden und so die Bahnen behindern.

Mit all dem hat auch Marco Wiesniewski schon Erfahrungen gemacht. Er will sich davon aber nicht zu sehr ärgern lassen. Vielmehr überwiegen Stolz und Freude, dass er künftig wohl auf dem Platz arbeiten wird, den er als kleiner Junge beim Straßenbahnfahren immer nur von Weitem sehen konnte.

Link zum Video:

www.video.moz.de

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