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Nickerchen für acht Euro

SchlafraumInhaberin: Irina Ivachkovets
SchlafraumInhaberin: Irina Ivachkovets © Foto: Stephanie von Becker
Maria Neuendorff / 07.01.2015, 20:15 Uhr - Aktualisiert 11.01.2015, 20:44
Berlin (MOZ) Ein Nickerchen in der Mittagspause - das wünschen sich viele Arbeitnehmer. Im neuen Schlafstudio in Kreuzberg können müde und gestresste Büromenschen für acht Euro wegdösen und sich eine kurze Auszeit aus dem Alltagsgeschäft nehmen.

Wer das Ladengeschäft an der Zimmerstraße betritt, dem bringt Irina Ivachkovets erst einmal lilafarbene Frottélatschen. Um die Schritte zu dämpfen, hat sie ihr Schlummerstudio vom Vorraum bis zur Toiletten mit flauschigem Teppich ausgelegt. Es duftet nach Kräutertee und Aroma-Öl. Nachdem die Frau mit den langen blonden Haaren den Gästen den Mantel abgenommen hat, führt sie sie in den Schlafsaal. Die zehn geräumigen Kabinen mit orthopädischen Matratzen sind durch weiße, fließende Vorhänge abgetrennt. "Ich wollte die Büroleute aus ihren Office-Boxen nicht gleich wieder in neue quadratische Kästen quetschen", erklärt die 34-Jährige. Ihre Stimme ist gedämpft. Das passiere automatisch in dem Schlafraum, auch bei ihren Kunden.

Dass es nicht hundertprozentig still und nicht völlig dunkel ist, gehört zum Konzept. Sie wollte keine Isolierräume schaffen, erklärt sie. Sondern eher einen Raum für eine gruppendynamische Erfahrung, ähnlich wie beim Yoga, in dem man die Energie von Gleichgesinnten spürt, die alle nach dem gleichen streben.

Hier sind das Ruhe und Entspannung. Ein hohes Gut in der hektischen Großstadt, meint Irina Ivachkovets. Bevor sie sich mit ihrer neuen Idee selbständig machte, jettete die studierte Kulturwissenschaftlerin und Betriebswirtin als Messe-Projektleiterin durch die Welt. Wenn lange Bürotage anstanden, rollte sie die Yoga-Matte aus. "Weil ich mich manchmal wirklich nicht mehr konzentrieren konnte."

"Power-Napping" heißt das kurze Schläfchen am Tage, das die Energie zurückbringen kann. Es sollte idealerweise nur zwanzig Minuten betragen. Danach drohe die Tiefschlafphase, aus der man meist nur noch müder und benommener erwache, erklärt die Schlafexpertin, die auch Massagen anbietet, und bringt eine leichte Baumwolldecke. Wen die Schnarchgeräusche des Nachbarn oder das gedämpfte Licht stören könnten, für den hält sie Ohropax und Schlafbrillen parat. Nachdem eine Weckzeit vereinbart ist, verschwindet Irina Ivachkovets wie eine Fee hinter den wallenden Vorhängen. Das gedämpfte Klackern von Schritten draußen auf dem Bürgersteig mischt sich mit leisen tibetanischen Klängen vom Band. Eine durchaus beruhigende Mischung, die den Kopf leichter, die Gliedmaßen schwerer werden lässt und auch angespannte Kunden nach ein paar Minuten dösen lässt. So lange, bis die blonde Fee wieder zum sanften Wecken einschwebt. "Bleiben Sie ruhig noch einen Moment liegen", sagt Irina Ivachkovets. Die Hetze des Alltags holt ihre Kunden ja früh genug wieder ein, weiß sie. Wer will, kann mit ihr bei einer Tasse Tee noch über Achtsamkeit dem eigenen Körper gegenüber philosophieren. "Da draußen gibt es doch keinen Rückzugsbereich, wo man nicht zum Konsumieren gedrängt wird", sagt die Start-Up-Unternehmerin und zeigt auf die Zimmerstraße, wo Kreuzberg und Mitte zu einem trubeligen Geschäftsviertel zusammengewachsen sind.

Eigentlich sollte sich ihr Angebot auch an gestresste Touristen am nahen Check Point Charlie richten, doch als gleich nach der Eröffnung so viele neugierige Angestellte aus den umliegenden Büros kamen, habe sie die Touristen-Werbung erst einmal eingestellt. Nach dem ersten Hype in dem berlinweit einmaligen Schlafstudio hofft die Unternehmerin nun, dass sich ihr Angebot auch etablieren kann. Bei den 360 Angestellten des Forschungszentrums, das sich im gleichen Haus befindet, hat es sich auf jeden Fall schon herumgesprochen. Zwei Mitarbeiter waren Mittag wieder da. Andere haben Gutscheine als Geschenk für den Chef geordert. "Keine schlechte Idee", meint Irina Ivachkovets. "Ist der Chef entspannt, sind es auch die Mitarbeiter." Ihre Schlafkabinen würden aber von Kunden auch für die Arbeit genutzt. "Manche lesen oder machen sich Notizen, brauchen einen Ort, an dem sie sich aus dem Großraumbüro zurückziehen können, um Ideen zu entwickeln, berichtet die Studio-Besitzerin.

Ihre eigene Idee hat sich nach einem Monat schon bis in andere Städte herumgesprochen. Eine Frau aus Dresden bat kürzlich um eine Stippvisite, weil sie ein ähnliches Projekt plant. Irina Ivachkovets will ihr gerne helfen. "Ich habe nichts dagegen, wenn wir eine kleine Schlafrevolution auslösen würden."

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