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Schüler übernehmen das Regiment auf einer gerontopsychiatrischen Station / Wissenschaftler begleiten sie

Der unverbrauchte Blick

Joanna Stolarek / 14.01.2015, 10:04 Uhr
Berlin (MOZ) Rollentausch: Pflege-Schüler übernehmen auf einer gerontopsychiatrischen Station des Sankt-Hedwig-Krankenhauses in Berlin das Regiment. Das Stammpersonal muss sich zurückziehen und sie gewähren lassen. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet.

Herbert Grönemeyer war sich sicher. Er wollte "Kinder an die Macht" bringen - jedenfalls in seinem Lied. Sebastian von Peter formulierte seinen Wunsch etwas zurückhaltender. Und es waren nicht Kinder, sondern Schüler, alle volljährig, die die "Macht" auf der gerontopsychiatrischen Station des Sankt- Hedwig-Krankenhauses in Berlin-Mitte fünf Wochen lang übernommen haben. Doch das Projekt hatte es in sich. Die angehenden 22 Fachkräfte - sie sind im letzten Ausbildungsjahr zum Kranken- und Gesundheitspfleger an der Alexianer-Akademie - wurden regelrecht ins kalte Wasser geworfen. Praktika hatten sie viele, sie kennen also den beruflichen Alltag. Jedoch waren sie noch nie als selbst Verantwortliche im Einsatz auf einer Station.

"Einfach war es nicht", sagt Oliver Stachetzki. Annette Kussinger, die als stellvertretende Pflegeleitung der Station das Projekt begleitet, lächelt zustimmend: "Und für uns erst!" Es sei ein schwieriger Prozess gewesen, die Schüler einfach machen zu lassen und sich nicht einzumischen. Das pflegerische Stammpersonal musste sich komplett zurückziehen, und die "Neuen" hatten das Sagen. Sogar die Dienstpläne hatten sie in ihren Händen. Auch die Therapeuten, Psychologen und Ärzte wurden mit einer neuen Situation konfrontiert.

Die sogenannten Schülerstationen, auf denen Auszubildende für eine begrenzte Zeit in die Rolle des erfahrenden Stammpersonals schlüpfen, sind kein Novum. Zum ersten Mal wird dieses Projekt allerdings wissenschaftlich begleitet. Die Idee hatte Sebastian von Peter. Der 37-Jährige ist Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im Sankt-Hedwig-Krankenhaus und von Haus aus nicht nur Mediziner sondern auch Ethnologe, also Völkerkundler. Und diese untersuchen nicht nur fremde Kulturen, indem sie dort alltägliche Lebensformen aus einer Distanz beobachten und analysieren. Sondern sie beschäftigen sich auch mit dem alltäglichen Leben. Etwa dem einer Institution. "Der Alltag als solcher existiert nicht, er muss andauernd gemacht werden", erklärt von Peter. Bestimmte Routinen, Abläufe, Absprachen und Strukturen gehören unter anderem dazu. Wie passiert es aber konkret auf der psychiatrischen Station in einer Klinik?, fragte sich der Mediziner.

Diese Frage stellte sich auch die 28-jährige Alexandra Samaras, die an der Humboldt-Universität in Berlin europäische Ethnologie studiert. Für ihre Masterarbeit beschloss sie, das Projekt "Schülerstation" zu untersuchen. "Die Schüler bringen einen frischen Blick von außen mit sich, auch auf die vorhandenen Strukturen", erklärt die junge Wissenschaftlerin ihre Wahl. Im Gegensatz zum routinierten Stammpersonal hinterfragen sie den Alltag kritisch, allerdings nicht nur aus der bequemen Ferne, sondern als Verantwortliche und Macher, indem sie die alltäglichen Anforderungen und Abläufe selber bewältigen mussten. "Sie sind mittendrin", erklärt sie. Dadurch würden das Beobachten und Tun einander beeinflussen, sagt Alexandra Samaras, die bereits jetzt auf die Ergebnisse ihrer Forschung gespannt ist.

Die Schüler sollten in Tagebüchern ihre Erlebnisse festhalten, ohne diese zu interpretieren. Auch ihre Emotionen sollten notiert werden. Die Auswertung der schriftlichen Protokolle sei im vollen Gange, sagt Psychiater von Peter. Spannend sei, dass nicht nur die Neuankömmlinge sich Notizen machten, sondern unter anderem auch eine erfahrene Krankenschwester, die seit mehr als 40 Jahren in der Pflege tätig ist. "Geballte Erfahrung trifft auf unsere manchmal naive Perspektive", sagt einer der Schüler.

Für die jungen angehenden Pflegekräfte war es vor allem ungewohnt, keine Anweisungen zu bekommen. "Wir haben selber die Arbeit organisiert, verteilt und gemacht. Da sah man, wie viel auf einer Station zu bedenken ist, damit es läuft und alles funktioniert. Zumal vieles nebenher geschieht und man ausreichend Zeit einplanen muss", berichtet der 23-jährige Stachetzki. Die Theorie der Lehrbücher traf auf Praxis. "Ohne Absprachen lief nichts".

Die Ethnologin Samaras begleitete die Schüler bei jedem Schritt. Wie ein Schatten. Sie trug auch die weiße Kleidung des Pflegepersonals, war eine von ihnen. Es ging ihr um Struktur des Alltags, wie entsteht ein solcher auf der Station, was ist dazu nötig, was prägt die alltägliche Kultur. "Vieles passiert unbewusst", sagt sie. In einem angestammten Team laufe die Kommunikation ohne Worte ab. Eine Geste, ein Zwinkern und jeder weiß, was er zu tun hat. Ein neues Mitglied im Team ändert nicht viel daran. Wenn aber ein ganzes Team neu kommt und zum alten dazu stößt, entsteht eine andere Alltagskultur. "Wir mussten die Strukturen für uns neu entwickeln", bestätigt Jungpfleger Stachetzki.

Viele vom Stammpersonal sagen nach fünf Wochen des Projekts: "Wir haben die Schüler unterschätzt." Dass sie uns fehlen würden, ist klar, meint eine Pflegerin. "Und nicht nur, weil wir 100 Prozent mehr Personal hatten." Einmalig sei das in der Pflege. Auch die Patienten - sie sind psychisch erkrankt und älter als 65 Jahre - merkten den Unterschied. Es gab zusätzliche Veranstaltungen, mehr Freizeitangebote und "immer war jemand für mich da", sagt eine ältere Dame.

Den Schülern gefiel der Rollentausch. "Das hat uns viel selbstbewusster und selbständiger gemacht", betonen sie einstimmig. Jetzt geht es an die wissenschaftliche Auswertung des Projekts. Wenn es nach Sebastian von Peter ginge, soll die Forschung konkrete Ergebnisse auch für das Krankenhaus und die Station bringen. "Es soll nicht nur ein Beitrag, eine Veröffentlichung für die Wissenschaft sein, sondern dem Stationsalltag und somit dem Personal und den Patienten dienen."

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