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Hüter historischer Wagen

Bitte Platz nehmen: Kersten Heising sitzt im Roten Sessel vor einer Straßenbahn Baujahr 1936. Der Verein Museumwerkstatt will die Vergangenheit des Nahverkehrs in Frankfurt erlebbar machen.
Bitte Platz nehmen: Kersten Heising sitzt im Roten Sessel vor einer Straßenbahn Baujahr 1936. Der Verein Museumwerkstatt will die Vergangenheit des Nahverkehrs in Frankfurt erlebbar machen. © Foto: René Matschkowiak
René Matschkowiak / 01.02.2015, 07:25 Uhr
Frankfurt (MOZ) In einer Serie stellt der Stadtbote jede Woche einen Frankfurter des Jahres vor. Das können Menschen sein, die ehrenamtlich aktiv sind oder die auf andere Weise etwas Besonderes vollbracht haben. Fürs Foto posieren sie auf einem roten Sessel.

Die erste Straßenbahn hat Kersten Heising schon 1976 vor dem Verschrotten gerettet. Kurz nach seiner Lehre. Mit seinem Zwillingsbruder Frank baute er einen Triebwagen Baujahr 1936 so wieder auf, dass er zumindest als Arbeitswagen beim damaligen VEB Kraftverkehr bis Ende der 1980er-Jahre unterwegs war und so auch über die Wende gerettet werden konnte. "Im volkseigenen Betrieb hatten sie mit Pflege und Wiederaufbau von historischen Fahrzeugen nicht so viel am Hut", sagt er.

Heute ist die Straßenbahn ein Schmuckstück im Verein der Museumswerkstatt, dessen Gründungsvorsitzender Heising 1999 war. Von außen wie von innen könnte man ihr fast Neuwagenzustand attestieren. Weitere fünf fahrbereite Bahnen und drei, die noch auf ihre Restaurierung warten, stehen insgesamt im Depot der Museumswerkstatt. Die Liebe zur Bahn wurde dem heutigen Werkstattmeister bei der Stadtverkehrsgesellschaft sozusagen in die Wiege gelegt. "Mein Vater ist Straßenbahn gefahren und auch meine Mutter hat im Betrieb gearbeitet", erzählt Heising. Damals, bei Heisings erster Restaurierung vor fast 40 Jahren, wurden die Arbeiten zum Aufbau der historischen Bahn noch während der Arbeitszeit gemacht, schließlich wurde sie auch weiterhin betrieblich genutzt. Heute sind Museumswerkstatt und die Stadtverkehrsgesellschaft voneinander getrennt.

Viele ehrenamtliche Stunden sind nötig, um die Wagen wieder aufzubauen und in Schuss zu halten. "Dies tut der Leidenschaft keinen Abbruch", sagt Heising. Im Gegenteil. "Es ist doch toll, wenn wir den Menschen zeigen können, wie die Technik damals funktionierte und wie das Stadtbild mit den alten Straßenbahnen aussah".

Außerdem sind die alten Bahnen mittlerweile ein echtes Tourismus-Plus für Frankfurt geworden. Stadtrundfahrten mit den historischen Wagen sind äußerst beliebt. Im letzten Jahr rollten die Straßenbahnen 94-mal aus dem Depot in der Bachgasse. "Die hohe Zahl der Buchungen hat sicherlich auch damit zu tun, dass viele Menschen in Erinnerungen schwelgen können, wenn sie mit den alten Straßenbahnen unterwegs sind", sagt Kersten Heising.

"Ersatzteile gibt es nicht mehr, die bauen wir dann selbst nach", erklärt der Fachmann. Für die Bahnen, die heutzutage unterwegs sind, glaubt er aber nicht an solch eine Historie. "Fahren wird so eine moderne Bahn von heute in 30 Jahren sicher nicht mehr", vermutet er. Zuviel Elektronik ist an Bord, die man nicht einfach nachbauen kann. Insgesamt 30 Enthusiasten sind im Verein der Museumswerkstatt Mitglied.

"Viele davon haben beruflich gar nichts mit der Straßenbahn zu tun", sagt Heising. So ist es auch mit Nico, Heisings Neffen. Er wurde schon mit 16 Jahren mit dem Straßenbahnvirus infiziert. Er will sein Abitur machen und dann - was gäbe es auch für eine andere Möglichkeit in der Familie Heising - bei der Stadtverkehrsgesellschaft anfangen.

Bis dahin aber kümmert er sich schon mal um die alte Technik in der Museumswerkstatt. Einzig mit der Situation des alten Straßenbahndepots ist Kersten Heising nicht ganz zufrieden. "Wir wissen leider nicht, wie lange wir bleiben können. Ein Signal von der Stadt wäre schön", meint er. Schließlich sei es nicht nur Liebhaberei, sondern auch ein Plus für die Stadt, das sehe man am stetig steigenden Interesse der Menschen, die mit den alten Bahnen unterwegs sein wollen. Buchen kann man die Fahrten mit den historischen Straßenbahnen im Kundenzentrum der Stadtverkehrsgesellschaft in der Heilbronner Straße.

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