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Die Wahrheit über den Ballermann

Zum locker werden erst einmal Schnaps: Comedian Holger Osterloh hat fünf Sommer lang als Party-Animateur am Ballermann gearbeitet. Damals hat er verkrachte Existenzen kennen gelernt und erfahren, dass ein Party-Urlaub reinigend sein kann.
Zum locker werden erst einmal Schnaps: Comedian Holger Osterloh hat fünf Sommer lang als Party-Animateur am Ballermann gearbeitet. Damals hat er verkrachte Existenzen kennen gelernt und erfahren, dass ein Party-Urlaub reinigend sein kann. © Foto: MZV
Anna Fastabend / 05.02.2015, 10:37 Uhr - Aktualisiert 05.02.2015, 20:36
Neustadt (MZV) Wer kann schon von sich behaupten, als Party-Animateur an der Achillesferse der sonst so überkorrekten Deutschen gearbeitet zu haben? Der Comedian und Musiker Holger Osterloh kann es. Er packt am Freitag, 6. Februar, ab 19 Uhr in Olaf's Werkstatt aus, was sich so alles hinter den Kulissen des Ferien-Feier-Paradieses abspielt. Mit Anna Fastabend unterhält er sich über seine irre Zeit auf der Insel.

 

Wieso haben Sie am Ballermann einen Job als Animateur angenommen?

 

Holger Osterloh: Party-Animateur am Ballermann ist ja kein Ausbildungsberuf. Da kommt man durch dumme Zufälle hin. Ich bin mit einem Freund nach Mallorca gereist, obwohl wir definitiv nicht nach Malle wollten. Es war aber das Einzige, was preislich erschwinglich war. Ich war damals Ende 20 und Musikstudent. Wir landeten an der Playa de Palma. Ich kam dort mit einem Promoter ins Gespräch und kam dann wie die Jungfrau zum Kinde zu diesem Job.

 

Aber wie kamen Sie konkret dazu?

 

Das war so eine Mischung aus bequemem Studentenjob und der Neugier dort in eine Paralleluniversum abzutauchen, das mir völlig fremd war. Als ich dann am Ballermann war, habe ich sehr schnell festgestellt, dass es nur zwei Strategien gibt: Angriff oder Flucht.

 

Sind Sie nach dem Urlaub gleich dageblieben?

 

Die Arbeit ist ja ein Saisonjob von den Osterferien bis Ende Oktober. So bin ich wirklich gleich dageblieben. Bin dann aber irgendwann zurückgeflogen, um noch mehr Klamotten zu holen. Ich habe für fünf Saisons im Bierkönig gearbeitet. Mit dem Geld konnte ich meinen Lebensunterhalt auch über die Saison hinaus bestreiten. Spanisch habe ich kaum gelernt. Es ist erschreckend, aber mit Deutsch kommt man gut durch.

 

Wie war denn Ihr erster Eindruck von der Playa de Palma?

 

Der war so ähnlich, wie man ihn aus dem Boulevard-Medien kennt. Alles war mir viel zu laut und zu viel. Da sind Menschenhorden, die tagsüber betrunken sind und grölen. Aber ich fand es trotzdem spannend. Ich dachte, das ist mal etwas für eine soziologische Studie. Etwas, mit dem ich im normalen Leben so garantiert nicht konfrontiert worden wäre.

 

Warum hat es Sie gereizt, eine solche Milieustudie zu betreiben?

 

Ich bin ein sehr neugieriger und offener Mensch und je fremder etwas für mich ist, desto neugieriger bin ich. Ich reise auch sonst gerne und schaue mir fremde Länder und Kulturen an, nach Asien oder Indien. Und auch das Leben am Ballermann ist ja eine Art von bestimmter Kultur. Ich gebe aber zu, dass ich die ersten Wochen eine Art Fluchtinstinkt hatte.

 

Was sind denn das für Typen, die am Ballermann jobben?

 

Ich habe dort die sogenannten Feier-Arbeiter kennengelernt. Ich war - im Gegensatz zu vielen anderen - da, um wirklich Geld zu verdienen und das beisammenzuhalten. Es gibt aber viele Kellner, Djs, Promoter und Gogo-Tänzer, die da mehr zum Feiern als zum Arbeiten sind. Und ihr bescheidenes Gehalt am Abend auch sofort wieder verfeiern. Die kommen am Ende der Saison zurück mit Nichts. Nach drei Wochen Pause geht es für viele auf der Skipiste weiter. Das ist eine Spirale und irgendwann drehen die sich um und sind Mitte bis Ende 30 und stellen fest, dass sie keine richtigen Freunde und noch nicht mal Geld beiseite gelegt haben. Dass am Ballermann nicht alles lustig ist, sondern man dort auf verkrachte Existenzen trifft, ist auch Teil meines Programms.

 

Man muss als Promoter und Animateur wahrscheinlich ein gewisses Talent haben. Wie sah Ihre Arbeit aus?

 

Als Promoter muss man über ein relativ überschaubares Repertoire an Sprüchen verfügen und auf Menschen zugehen können, um die in die Läden rein zu baggern. Und dann war im Bierkönig irgendwann der Job des Party-Animateurs frei.

 

Haben Sie alles in Ihrem Programm selbst erlebt?

 

Im Prinzip habe ich alles selbst erlebt. Aber ich habe einige Erlebnisse verdichtet, Orte und Personen verfremdet und einiges im Sinne der künstlerischen Freiheit erweitert. Die Leute fragen mich auch, hast du das wirklich erlebt? Ich sage dann, man kann sich solche skurrilen Dinge gar nicht ausdenken. Als Party-Animateur habe ich mit den Leuten Trinkspiele veranstaltet. Wenn die reinkommen, trinkt man mit denen erst einmal einen Kleinen Feigling. Dann habe ich die Stargäste des Abends angesagt, die üblichen Verdächtigen wie Michael Wendler, Jürgen Drews oder Costa Cordalis. Die Sänger kommen natürlich auch alle in meinem Comedy-Abend vor. Wenn die Stimmung noch nicht so da ist, wie die Geschäftsführung sich das wünscht, dann springen auf mein Kommando alle Kellner auf die Theke und führen Animationstänze mit mir durch, zum Beispiel zu "Das rote Pferd" oder "Komm hol das Lasso raus"

 

Was sind das für Leute, die in den Bierkönig gehen?

 

Man kann nicht sagen, dass nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe an den Ballermann fährt. Es ist jedes Jahr der gleiche Ablauf: Zur Saisoneröffnung kommen die Kegelclubs, dann kommen die Abiturklassen, dann die Fußballmannschaften. In den Sommerferien reisen Teenager an. Im Herbst kommen Paare mittleren Alters, von denen einer meistens schon im Frühjahr da war, allerdings in anderer Mission mit dem Kegelclub oder dem Betrieb, und es da ordentlich hat krachen lassen. Dann trägt er statt einem Motto-T-Shirt gepflegte Abendgarderobe und macht einen auf seriös. Da gibt es auch viele kuriose Begegnungen von Leuten, die sich vorher schon mal getroffen haben, das dann aber natürlich nicht zugeben.

 

Und wie ist das Publikum Ihres Comedy-Abends?

 

Nach meiner Erfahrung spricht mein Programm ein relativ breites Publikum an, von Leuten, die noch nie auf Malle waren und dort auch auf keinen Fall hinfahren möchten. Es gibt auch einige, die sagen, da war ich schon mal mit meiner Abiturklasse, oder dem Fußballverein und kann über mich selbst lachen. Wenn man das Ganze aber bierernst nimmt und sagt, der Ballermann ist mein Leben und ich möchte nicht, dass jemand Witze darüber macht - das wäre sicherlich die falsche Zielgruppe.

 

Aber trifft man am Ballermann auch auf Leute, die dahin fahren, weil sie es ironisch und witzig finden?

 

Natürlich gibt es diese Menschen. Aber das ist einfach ein Sonderfall. Eine Woche lang ist man raus aus allem. Nicht umsonst heißt einer der Slogans: Die Wahrheit bleibt auf der Insel. Man kann sich fürchterlich daneben benehmen und es bleibt dann alles auf Malle. Das kann ja auch etwas Reinigendes haben. Ich will das gar nicht verurteilen, wenn Menschen sagen, in einem Jahr hat sich bei mir so viel durch Arbeitsstress und sonstigem aufgestaut und das ist die Möglichkeit, diesen reinigenden Prozess durchzuführen.

 

Fahren Sie denn immer noch auf die Insel oder ist das ein abgeschlossenes Kapitel für Sie?

 

Das Kapitel Animateur ist für mich definitiv abgeschlossen und ich bin auch sehr froh, dass ich den Absprung damals geschafft habe. Ich reise aber einmal im Jahr für 24 Stunden zu Recherchezwecken mit Block und Diktiergerät an die Playa de Palma, um dort die Neuheiten mitzubekommen, die neuen Hits und Tänze, um das Programm immer anpassen zu können.

 

Seit wann gibt es Ihr Programm "Malle für alle"?

 

Unter diesem Namen toure ich ganz frisch seit diesem Jahr. Vorher bin ich aber auch immer mal wieder mit den Geschichten von Malle aufgetreten, im vorigen Jahr auch schon in Olaf's Werkstatt. Nun habe ich den Abend aber erweitert.

 

Ist Ihr Auftritt eher eine Art Lesung oder richtige Stand-up-Comedy?

 

Mein Abend besteht aus einer Mischung aus Comedy, Kabarett und Kleinkunst. Es gibt zwei Figuren: Den Holger Osterloh, der vorträgt, was er am Ballermann erlebt hat. Und es gibt den Party-Animateur Happy Holger, den Teilinfizierten, der das Publikum raten lässt, welcher Original-Song hinter der Mickie-Krause-Version steckt.

 

Haben Sie Hilfe beim Gagschreiben gehabt?

 

Das war etwas völlig Neues für mich, aber die Geschichten sind alle von mir. Das Aufschreiben war für mich auch eine Form, das Ganze zu verarbeiten. Das war wirklich therapeutisches Schreiben. Ich musste die ganzen skurrilen Begegnungen so herunterschreiben. Ich habe schon auf Mallorca ein Tagebuch geführt. Immer wenn ich Pause hatte, habe ich mir alle Begebenheiten gleich notiert, die Idee, daraus ein abendfüllendes Comedy-Programm zu machen, ist erst über die Jahre entstanden.

 

Was haben Sie am Ballermann gelernt?

 

Haben Sie noch eine andere Frage? Da muss ich nämlich erst mal drüber nachdenken.

Gut. Erzählen Sie doch als Vorgeschmack auf Ihren Abend von einem Erlebnis.

Da muss ich jetzt aufpassen, dass es auch jugendfrei ist. Ich habe in meiner Pause einen Promoter-Kollegen namens Metin besucht. Er war im besten Alter, grau meliert, Typ George Clooney und musste für einen anderen Club werben. Ich frage ihn also, wie viele Damen er heute schon abgeschleppt hat. Da guckt er mich ganz entrüstet an und sagt, die Frauen, die er hier ansprechen würde, die seien schon halb tot. Denn der Laden, für den er arbeite, sei das Sterbezimmer der Playa de Palma.

 

Der Comedy-Abend "Malle für alle!" von Holger Osterloh findet in Olaf's Werkstatt in der Robert-Koch-Straße 47 in Neustadt am Freitag, 6. Februar, ab 19 Uhr statt. Karten gibt es immer ab 12 Uhr für 12,90 Euro unter der Telefonnummer (033970) 14423 zu erwerben. Infos zum Programm sind auf der Internetseite www.holger-osterloh.de zu finden.

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