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Der Zahlenmensch

Seltener Anblick: In der Regel ist Ludger Weskamp mit Schlips und Kragen in Oranienburg anzutreffen. Doch es gibt auch den Privatmenschen Weskamp - zum Beispiel als Fußballtrainer eines E-Jugendteams. Foto: Klaus D. Grote
Seltener Anblick: In der Regel ist Ludger Weskamp mit Schlips und Kragen in Oranienburg anzutreffen. Doch es gibt auch den Privatmenschen Weskamp - zum Beispiel als Fußballtrainer eines E-Jugendteams. Foto: Klaus D. Grote © Foto: Klaus-Dieter Grote
Klaus Dieter Grote / 17.02.2015, 21:00 Uhr - Aktualisiert 17.02.2015, 22:02
Oranienburg (MOZ) "Ich bin ein Zahlenmensch", sagt Weskamp. Wiederholt hat er als Finanzdezernent die Kreistagsmitglieder überrascht, wenn es darum ging, den Haushalt zu erklären. Was für andere undurchschaubar erscheint, ist für Weskamp pure Logik. Es hat wohl mehr mit Vertrauen als Verständnis zu tun, wenn der Kreistag seine Haushaltsvorlagen beschließt.

Weskamp hat eine Ausbildung zum Postschalterbeamten gemacht. Ein folgerichtiger Start in das Berufsleben. Die Großeltern betrieben in ihrem Wirtshaus auch eine Poststelle, der kleine Ludger half gern beim Stempeln der Briefe. Das war längst vergangene Postromantik in Altenheerse, einem 400-Seelen-Dorf in Ostwestfalen. Vermutlich waren dem jungen Beamten die Summen am Schalter der Bundespost irgendwann zu gering, die Rechnungen nicht kompliziert genug. Weskamp, der neben dem Job Betriebswirtschaft studiert hatte, wechselte in die Bezirksregierung des Landes Nordrhein-Westfalen nach Detmold, kam schließlich zum Bundesinnenministerium in Bonn. Der Regierungsumzug führte ihn 1999 in die Region. Per Bus waren die Bundesbeamten damals durchs Berliner Umland kutschiert worden, um ihnen bei der Suche nach einem neuen Zuhause behilflich zu sein. Weskamp wurde in Hohen Neuendorf fündig. Mit seiner Frau und den beiden Kindern zog er in ein Haus.

So kam der Westfale in die Heimatstadt des früheren Landrats Karl-Heinz Schröter (SPD), dessen Dezernent er 2010 werden sollte. Den Wechsel vom Bundesinnenministerium ins Landratsamt in Oranienburg muss der Beamte bis heute erklären. "Ich war für IT-Sicherheit und E-Government zuständig. Das war sehr weit weg vom täglichen Leben und den Menschen." Er habe "mehr an der Basis" arbeiten wollen. In der Kreisverwaltung sind die Hierarchien flacher als im Bundesinnenministerium, das vereinfacht den Basiskontakt. Und mit der neuen Funktion kam Weskamp wieder zu seiner Lieblingsaufgabe: Zahlen und Finanzen.

Oberhavel bietet einem Finanzbeamten geradezu paradiesische Zustände. Die stabile mittelständische Wirtschaft lässt die Steuern sprudeln. Trotz der niedrigsten Kreisumlage in Brandenburg ist der Landkreis schuldenfrei. Ex-Landrat Schröter hat kaum eine Gelegenheit ausgelassen, diese "Überlegenheit" seines Kreises zu betonen. Immerhin entstehen Gestaltungsmöglichkeiten, von denen viele Kreise tatsächlich nur träumen können. So baut der Kreis dem Land am Oranienburger Luisenhof die lange überfällige neue Polizeiwache. Für Weskamp sind diese Möglichkeiten ein doppeltes Glück: Millioneninvestitionen gehen in die Bildungslandschaft, für die er als Dezernent ja auch zuständig ist. Gymnasien werden top-modern ausgestattet.

Seit Herbst lässt der Kreis Oberhavel eigene Altenpflegekräfte ausbilden. Die Kreismusikschule ist bei dieser Planung jedoch auf der Strecke geblieben. Weskamp muss sich das auf einer Wahlveranstaltung von einer Mitarbeiterin anhören. Undenkbar wäre ein solcher Angriff aus dem Inneren der Kreisverwaltung auf Karl-Heinz Schröter gewesen.

"Ich bin zugänglich und kompromissbereit", beschreibt Weskamp einen seiner Unterschiede zum früheren Chef. Ja, er könne auch nachgeben. Er habe Verständnis für andere Positionen. "Es gibt nie nur einen Weg", sagt Weskamp. Die Unnachgiebigkeit Schröters will er wohl vergessen machen. Die nun anstehende endgültige Abschaffung der Wertgutscheine für Asylbewerber hält er für "überfällig".

Nicht so kompromissbereit zeigte sich Weskamps SPD gegenüber der Linken, die nach Schröters Wechsel ins Innenministerium einen gemeinsamen Kandidaten gefordert hatte. Das war vielleicht etwas abwegig, standen die Sozialdemokraten doch kurz vor der Verlängerung der Koalition mit der CDU. Als sich die SPD schnell auf Weskampf festlegte, wandte die Linke sich ab. Ohne einen vorherigen Kandidatencheck könne Weskamp nicht der gemeinsame Kandidat sein.

Die SPD stellte sich umso geschlossener hinter ihn. Auf Wahlkampfplakaten erhält der 48-Jährige Unterstützung von Bürgermeistern und Lokalpolitikern. Darauf sei er stolz, sagt Weskamp, der einst selbst Stadtverordneter in Hohen Neuendorf war und der in der SPD schon lange als Schröters Kronprinz galt.

Dessen Abgang war eigentlich erst für 2017 geplant. Die vorgezogene - und erste - Direktwahl des Landrats beschert einen unerwarteten Wahlkampf. Der groß gewachsene Weskamp, als Dezernent stets im Anzug mit Krawatte, spricht plötzlich auch über seine Trainertätigkeit bei Blau-Weiß Hohen Neuendorf. In seinem E-Jugendteam spielen neun Mädchen und zehn Jungs. "Ein Mädchen ist Kapitänin", betont Weskamp. Für Oberhavel wird es ein männlicher Kapitän bleiben. Keine Partei schickt eine Frau ins Rennen. Ob er Finanzdezernent bleibt, sollte er die Wahl verlieren, sagt Weskamp nicht. "Ich trete an, weil ich gewinnen will."

Gewinner der deutschen Meisterschaft 1966 war übrigens 1860 München. An einen Bundesligisten aus Weskamps Geburtsstadt Paderborn war damals nicht zu denken.

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Meine Opinion 18.02.2015 - 20:59:30

Bildung in OHV

Ich bin gespannt wann Bürger, Politiker oder Journalisten endlich mal nach dem Verbleib der Volkshochschule fragen,

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