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Ruppiner Kliniken bauen Spezialzentrum für Kinder mit Epilepsie aus

Fühlen sich gut aufgehoben: Der elfjährige Luca hat Epilepsie. Das neue Langzeit-Video-EEG der Kinder- und Jugendklinik zeichnet für mindestens 24 Stunden Hirnaktivität sowie Verhalten des Jungen bei einem Anfall auf. Mutter Juliane M. begleitet ihn. Foto
Fühlen sich gut aufgehoben: Der elfjährige Luca hat Epilepsie. Das neue Langzeit-Video-EEG der Kinder- und Jugendklinik zeichnet für mindestens 24 Stunden Hirnaktivität sowie Verhalten des Jungen bei einem Anfall auf. Mutter Juliane M. begleitet ihn. Foto © Foto: MZV
Anna Fastabend / 18.02.2015, 19:53 Uhr
Neuruppin (RA) Bei Kindern ist Epilepsie eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Hier treten Krampfanfälle auf, die das Gehirn nachhaltig schädigen können. Die Ruppiner Kliniken stellen sich aktuell als spezialisiertes Zentrum für Kinder und Jugendliche mit Epilepsien auf und haben ein Langzeit-Video-EEG angeschafft.

Luca leidet seit seinem zweiten Lebensjahr an einer besonders schweren Form der Epilepsie. Nun ist der Junge aus Potsdam elf Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Mutter Juliane M. ist er für ein paar Tage in die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin nach Neuruppin gekommen, um seinen aktuellen Zustand untersuchen zu lassen. Dazu wurde er an das neue Gerät, ein Langzeit-Video-EEG, angeschlossen. Bei dieser modernen Untersuchungsmethode können mit Hilfe von Elektroden am Kopf des Patienten dessen Hirnströme und mit einer Kamera sein Verhalten bei einem Anfall beobachtet werden - und zwar nicht nur für 20 Minuten, wie es üblicherweise bei einer EEG-Messung praktiziert wird, sondern 24 Stunden und sogar mehrere Tage.

Dr. Karen Müller-Schlüter, Kinderärztin und Spezialistin für Epilepsie, erklärt, warum die Langzeituntersuchung bei Epilepsiepatienten so wichtig ist: "Oft tritt ein Anfall bei kurzer Beobachtung nicht auf." Es könne zwar versucht werden, durch Hyperventilation oder Lichtblitze einen Anfall oder epilepsietypische Muster im EEG hervorzurufen. Dieser Provokationstest funktioniere aber nicht bei allen Epilepsieformen. Zudem können Kinder nicht nur klassische große Anfälle mit Versteifen der Gliedmaßen, Bewusstlosigkeit und heftigem Zucken bekommen. Manche Anfälle seien für Außenstehende daher kaum zu erkennen. Der Erkrankte sehe dann für einen Moment lang wie verträumt aus, so Müller-Schlüter. Auch gebe es Anfälle, die im ersten Augenblick nicht an Epilepsie erinnern. Ein Kind falle ständig hin, weil ihm die Beine wegknicken. Zudem gebe es Zustände, die wie ein epileptischer Anfall wirken, aber eine psychische Ursache haben. Diese könnten mit einer Langzeitmessung ebenfalls besser abgegrenzt werden, erklärt die Ärztin.

Doch wie entsteht eigentlich ein epileptischer Anfall? Bei einem Anfall sendet auf einmal eine Gruppe von Nervenzellen schnell und unkontrolliert Signale an den Körper ab, ohne dass der Betreffende dies willentlich steuern kann. Neben Muskelverkrampfungen kann es auch zu Ausfällen des Denkens oder des Bewusstseins kommen.

Die Kinderklinik hat nun drei Zimmer eingerichtet, in denen kleine Epilepsiepatienten rund um die Uhr an das Langzeit-Video-EEG angeschlossen werden. Eines davon ist ein Spielzimmer mit so viel Spielzeug, dass jedes Kinderherz bei seinem Anblick höher schlägt. "Unsere Patienten sollen möglichst vergessen, dass sie an das EEG angeschlossen sind", erklärt Müller-Schlüter.

Nachdem Lucas Hirnaktivität aufgezeichnet worden ist, durchforstet die Ärztin die Messergebnisse am Computer nach Auffälligkeiten. Wenn die EEG-Kurve epilepsietypische Muster zeigt, kann sie die Videoaufnahme von Luca zusätzlich zurate ziehen. Durch die Langzeitbeobachtung kann sie besser diagnostizieren, an welcher Epilepsieform der Junge leidet und eine geeignete Therapie auswählen. Zur Auswahl steht eine medikamentöse Behandlung, eine besonders fettreiche Diät oder eine Operation. Die Therapie kann zu Beschwerdefreiheit oder zumindest zu ihrer Linderung führen.

Karen Müller-Schlüter ist nun seit anderthalb Jahren an den Ruppiner Kliniken. Hier stellt sie nicht nur die Diagnose, sondern ist auch Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums, einer von vier Einrichtungen in Brandenburg, in der Epilepsiepatienten ganzheitlich betreut werden. Denn oft leiden Kinder und Jugendliche mit Epilepsien nicht nur unter den Anfällen, sondern sind auch in ihrer Entwicklung und ihrem Verhalten beeinträchtigt.

Die Ärztin kennt Luca seit sechs Jahren. Er war schon Patient bei ihr, als sie noch leitende Oberärztin am Epilepsiezentrum in Berlin war. Durch ihre Behandlung hat er sich gut entwickelt. Früher hatte er bis zu 120 Anfälle pro Tag, heute treten sie glücklicherweise nur noch sporadisch auf.

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