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Bachs Passion ganz kindgerecht

Mit vollem Körpereinsatz: Friedhilde Trüün (l.) und die Bach-Kinder bei den letzten Proben vor der Premiere.
Mit vollem Körpereinsatz: Friedhilde Trüün (l.) und die Bach-Kinder bei den letzten Proben vor der Premiere. © Foto: Andrea Weil
Andrea Weil / 20.02.2015, 17:56 Uhr
Schwedt (MOZ) "Der erste Ton ist wie ein Dartpfeil", sagt Friedhilde Trüün und hebt die Hand in Wurfposition über den Kopf. 220 Kinder machen es der Dirigentin nach. Sie schleudern den unsichtbaren Pfeil und schmettern dazu "Großer Herr, o starker König!" Der hohe Ton sitzt perfekt, die Wucht der Kinderstimmen lässt den Probesaal schwingen.

Für ihr erstes gemeinsames Konzert haben sich die Singklassen des Projektes "Klasse: Musik für Brandenburg" Johann Sebastian Bach (1685-1750) ausgesucht. Der barocke Komponist ist vor allem für seine Kirchenmusik bekannt und sonst nicht gerade die erste Wahl für einen Kinderchor. Trotzdem haben sich zehn brandenburgische Grundschulen der Herausforderung gestellt. Das Ergebnis eines halben Jahres intensiver Arbeit ist am Sonnabend an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt (Ubs.) zu hören.

Die letzten drei Tage vor dem Konzert verbringen die Viert- bis Sechstklässler im Schloss Boitzenburg, um mit Friedhilde Trüün als Initiatorin von "Sing Bach" am künstlerischen Sahnehäubchen zu arbeiten. Die Passionen werden dabei zum Theaterstück. Wenn die Bürger Jerusalems darüber diskutieren, ob Jesus oder Barnabas hingerichtet werden soll, schreien sich die Kinder stumm an und gestikulieren wild mit den Händen. Auf dem Programm stehen außerdem einige Ohrwürmer, zu denen Friedhilde Trüün und Frank Schlichter eigens Texte gedichtet haben. Bei "Kling, meine kleine Melodie" zum Menuett in G-Dur darf das Publikum mitsingen. "Ich merke, dass ihr das schon oft geübt habt, aber eure Eltern hören es zum ersten Mal", sagt Friedhilde Trüün - und schiebt spontan eine Auflockerungsübung ein. "Wie die Sterne: bling, bling, bling!" Die Kinder formen Sterne mit den Händen, rufen "Bling!" und lachen.

Viel langweiliger hätten sie sich diese Musik vorgestellt, gibt die Klasse 5b der Grundschule "Am Wäldchen" aus Strausberg zu. Die jungen Sänger können genau erklären, warum es besser ist, ohne Noten auswendig zu singen: "Man braucht sonst viel länger, konzentriert sich nicht, weil man vorausliest. Und ohne Blatt hören wir besser auf die anderen." Philine Wernicke von der Ahorn-Grundschule Bergfelde mag die lustigen Texte und dass die Lieder zusammen eine ganze Geschichte erzählen. "Ich hab' mir Bach altmodisch vorgestellt. Aber es ist toll, wie er komponiert hat. Solche Melodien gibt es nicht oft."

Alle Singklassen haben sich mit einem Lehrer-Tandem aus ihrer eigenen Grundschule und der heimischen Musikschule vorbereitet. Bislang kamen nur die brandenburgischen Bläserklassen für gemeinsame Konzerte zusammen, doch auch für die Chöre soll es jetzt Tradition werden. "Ich bin fasziniert, wie toll das schon in der ersten Probe klingt", sagt Siegfried Soldan, Rektor und Musiklehrer der Angermünder Puschkinschule. Er ist begeistert von "Klasse: Musik": "Gemeinsam ein solches Konzert zu erarbeiten, das schweißt die Klasse sehr zusammen."

"Kinder, die singen, haben soziale Kompetenz. Sie hören gut zu, und es gibt kaum Streit", hat Friedhilde Trüün die Erfahrung gemacht. Die Kinderstimmpädagogin aus Baden-Württemberg hat Kirchenmusik studiert und ist ein bekennender Bach-Fan, seit sie als Jugendliche im Chor dessen Matthäus-Passion sang. "Das ist ein Gefühl, das bleibt ein Leben lang."

Bachs Musik eignet sich in ihren Augen ausgezeichnet für Kinder, trotz oder gerade wegen ihrer Strenge. "Er hat sich darauf verstanden, Schlager zu schreiben, Sequenzen, die man leicht nachsingen kann. Er hat Szenerien geschaffen, die die Kinder choreografieren können. Und die Wiederholungen zeigen ihnen: Ich kann's!"

Mit dieser Begeisterung steckt sie die Kinder an, wenn sie in der Probe die Arme ausbreitet, lacht, sich beim Dirigieren in die Musik hineinwirft. "Es spielt keine Rolle, was ich vermittle, sondern wie ich es vermittle", sagt Friedhilde Trüün. "Die Kinder werden diese Melodien nie mehr vergessen."

21.2., 14 Uhr, Konzert "Sing Bach!", Uckermärkische Bühnen Schwedt, Berliner Str. 46-48, Telefon: 03332 538111

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