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Training fürs Leben - RA probiert Kickboxen aus

Ring frei für den SC Kempo: Trainer Christian Kunkel (vorn) und seine Schüler Julian, Alexander, Conrad, RA-Volontärin Anna, Cheyenne und Lisa (von links) haben sich durch anderthalb Stunden Zirkeltraining und Schattenboxen gekämpft.
Ring frei für den SC Kempo: Trainer Christian Kunkel (vorn) und seine Schüler Julian, Alexander, Conrad, RA-Volontärin Anna, Cheyenne und Lisa (von links) haben sich durch anderthalb Stunden Zirkeltraining und Schattenboxen gekämpft. © Foto: MZV
Anna Fastabend / 24.02.2015, 18:26 Uhr
Neuruppin (RA) Kickboxen ist nichts für zarte Gemüter. In der Kampfsportart verbinden sich asiatische Hieb- und Tritt-Techniken mit Boxen. In Neuruppin bietet der SC Kempo neben Judo, Ju-Jutsu und Karate auch Kickboxen an. RA-Volontärin Anna Fastabend hat sich am Montag auf die Matte getraut.

"Hör auf zu denken", sagt Trainer Christian Kunkel, muskelbepackt und mit stechend blauen Augen, lachend, als ich einen Faustschlag mit der linken und einen mit der rechten Hand kombinieren will, und es nicht so richtig klappt. Das Denken einzustellen, ist gar nicht so einfach. Schließlich versuche ich gerade die richtige Arm-, Bein- und Oberkörperhaltung zum Kämpfen unter einen Hut zu bekommen. Ich stehe zusammen mit Cheyenne und Lisa im Ausfallschritt und mit wippenden Knien noch ziemlich wackelig auf der weichen Matte. Wir alle sind mehr oder weniger Anfängerinnen und sollen zuallererst lernen, auf unser Spiegelbild einzuschlagen. Denn Kunkel hat uns erklärt: "Eurer Ziel ist euer Gesicht." So stehen wir anderthalb Meter von der verspiegelten Wand entfernt und schlagen seit zwanzig Minuten in die Luft. Statt Scheppern, das den Erfolg unseres Schlages zumindest hörbar machen würde, hören wir nichts. Das fühlt sich nach einiger Zeit mindestens so frustrierend an, wie mit einem Golfschläger ständig am Ball vorbei zu ziehen. Für mich kommt erschwerend hinzu, dass ich mein Gesicht gar nicht richtig sehen kann, denn meine Brille habe ich vorsorglich in der Umkleidekabine gelassen.

Kunkel bringt uns geduldig zwei von drei Grundtechniken im Schlagen bei. Da wäre neben dem geraden Schlag, der Schwinger, mit dem man den Gegner seitlich trifft. Schnell lernen wir, dass es eine Menge zu beachten gibt, damit der Gegner beim Kickboxen ordentlich einen vor die Rübe bekommt, und wir uns dabei nicht selbst verletzen. Wir machen natürlich jeden Anfängerfehler. "Wenn ihr eine Faust macht, klemmt den Daumen auf keinen Fall ein, sondern legt ihn außen herum", erklärt unser Trainer. "Sonst brecht ihr euch den Daumen beim Faustschlag selbst." Außerdem müssen unsere Knie immer leicht gebeugt sein, damit wir im Kampf beweglich hin- und hertänzeln können. Bei jedem neuen Bewegungsfehler erklärt Kunkel uns, was noch so alles passieren kann: "Wenn ihr so zum Gegner steht, brecht ihr euch das Bein gleich an drei Stellen. Deckt ihr euer Gesicht nicht ordentlich, geht das richtig übel aus."

Hinter uns zeigen Alexander, Conrad und Julian, wie Kickboxen aussieht, wenn es beherrscht wird. Abwechselnd treten sie in ein Schlagpolster, das ein anderer hält. Es knallt jedes Mal ziemlich furchteinflößend. Die Schlag- und Trittkombinationen der Jungs sehen beeindruckend aus. Ihr Anblick motiviert mich - und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich so etwas auch können möchte. Vielleicht habe ich in diesem Moment eine Sportart für mich entdeckt?

Auch die 16-jährige Cheyenne, die Schulsport gar nicht leiden kann, und die 15-jährige Lisa, die früher mal Ballett getanzt hat, finden Kickboxen super. Denn es macht Spaß, sich so richtig auszupowern. Dazu gibt es noch eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein obendrauf. "Manches Mal musste ein Anfänger die Tränen zurückhalten, wenn er zum ersten Mal einen Schlag abbekam", erinnert sich Kunkel, der seit seinem zwölften Lebensjahr Kampfsport betreibt. "Ich saß meiner Mutter zu viel vorm Computer." Doch mit der Zeit wachse der Kampfgeist seiner Schüler und sie setzten sich im Zweikampf ordentlich zur Wehr. "Bei uns finden viele einen Ausgleich zum stressigen Alltag", sagt der 32-Jährige. Außerdem müssten die Jungs keinen Blödsinn auf der Straße machen und könnten ihre Aggressionen stattdessen in sportliche Aktivität umwandeln. Gleichzeitig würden sie lernen, sich gegenseitig respektvoll zu behandeln. Beim letzten internen Turnier hätten sie sich erst nach allen Regeln der Kunst bekämpft, bis die ein oder andere Nase geblutet hätte, und sich anschließend gegenseitig aus dem Ring getragen. "Wer Kampfsport trainiert, trainiert fürs Leben," sagt der gelernte Sport und Fitnesskaufmann.

Und auch wir Frauen trainieren heute fürs Leben. Schlussendlich treffen wir in unserem Leben immer mal wieder auf Männer, die ihre Hände nicht bei sich behalten können. Da kann es nicht schaden, sich im entscheidenden Moment verteidigen zu können. Und in diesem Zusammenhang ist es sicherlich sinnvoller, regelmäßig zum Kickboxen zu gehen, als einen einmaligen Wochenend-Workshop für Selbstverteidigung zu besuchen, so wie ich es als Jugendliche einmal tat. Denn der sogenannte "Zaubergriff", den mir die nette, aber unsportliche Sozialarbeiterin damals zeigte, versagte schon beim ersten Versuch. Ich versuchte, mich mittels einer Drehbewegung aus dem Griff meines zwölfjährigen Bruders zu befreien - und scheiterte kläglich. Da der Workshop jedoch vorbei war, konnte ich nicht mehr nachfragen, was ich falsch gemacht hatte.

Das Kickboxtraining, an dem momentan bis zu zwölf Leute teilnehmen, findet zweimal die Woche statt. Montags wird an Techniken und Ausdauer gefeilt, freitags geht es in den Zweikampf. Das Ausdauertraining, das wir zu Beginn und zum Ende in einem Kraftzirkel absolvieren, ist heftig, dafür aber garantiert toll für die Figur. Da wir zu sechst sind, gibt es sechs Stationen, die wir drei Mal für jeweils 30 Sekunden bis zu einer Minute pro Station durchlaufen. Zu Metal-Musik springe ich Seil, mache Liegestütze und Kniebeugen - so lange, bis ich fast umfalle.

Als ich an der Klimmzugstange hänge, die an der Sprossenwand angebracht ist, und - mit den Füßen auf einer Sprosse - Mädchenklimmzüge mache, denke ich an meinen Exfreund, einen Klimmzug-Meister. Der war damals mehr in die bis 2013 amtierende Kickbox-Profi-Weltmeisterin Christine Theiss als in mich verliebt. Auch wenn es lange her ist, entwickelt sich Wut in meinem Bauch. Und mit der schaffe ich glatt noch ein paar Klimmzüge mehr.

Kampfsport in Neuruppin und Umgebung


■ Im SC Kempo, Junckerstraße 18 D, kann nicht nur Kickboxen in Kombination mit Boxen gelernt werden. Der Verein bietet zudem Judo, Ju-Jutsu und Go-Ju-Ryu-Karate sowie Vorschulsport sowie Fitness- und Krafttraining an. Interessierte können ein vierwöchiges Probetraining absolvieren. Kickboxen kann ab 16 Jahren oder mit der Einverständniserklärung der Eltern auch schon früher trainiert werden. Das Training findet montags von 19.30 bis 21 Uhr mit Ausdauer- und Techniktraining und freitags von 18.30 bis 20 Uhr mit Zweikampf statt. Die Trainingszeiten der anderen Sparten sind der Internetseite www.sckempo-neuruppin.de zu entnehmen. Weitere Informationen gibt es unter (03391) 503474.
■ Auch der TKV-Ruppin (Turn- und Kampfsportverein) bietet Kampftraining an. Darunter Aikido, Jiu-Jitsu und Karate. Der Verein, der seinen Hauptsitz in Neuruppin hat, trainiert an verschiedenen Orten wie Neuruppin, Wuthenow und Rheinsberg. Wo welche Sportart stattfindet, kann auf der Seite www.tkv-ruppin.de eingesehen werden. Es kann vier Wochen reingeschnuppert werden. Weitere Informationen unter der (033931) 34508.

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