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Die "Ökonauten" wollen Äcker in Brandenburg erwerben, die von jungen Bauern bewirtschaftet werden

Genosse Landwirt

Ökonauten, Genossenschaft von Jungbauern und Landwirtschaftsexperten, Vivian Böllersen, Willi Lehnert
Ökonauten, Genossenschaft von Jungbauern und Landwirtschaftsexperten, Vivian Böllersen, Willi Lehnert © Foto: MOZ/Henning Kraudzun
Henning Kraudzun / 11.03.2015, 09:30 Uhr
Potsdam (MOZ) Angesichts der dramatisch gestiegenen Preise für Agrarland in Brandenburg hat sich eine Bürgergenossenschaft gegründet, die Existenzgründungen für Jungbauern fördern will. Ein erstes Projekt soll bald in Velten (Oberhavel) verwirklicht werden.

Walnüsse haben es Vivian Böllersen angetan. Die studierte Öko-Landwirtin hat sich während ihrer Masterarbeit an der Hochschule in Eberswalde (Barnim) intensiv mit den Früchten beschäftigt, deren Öl durch einen hohen Anteil von Omega-3-Fettsäuren besonders wertvoll ist. "Hierzulande sind Walnüsse bei Bauern in Vergessenheit geraten, obwohl es eine traditionsreiche Kultur ist", sagt die 27-jährige Berlinerin. Die Nachfrage sei riesig, doch der Bedarf werde ausschließlich über den Import gedeckt. "Da will ich ansetzen."

Die Suche nach geeigneten Flächen in Brandenburg geriet für Böllersen jedoch zur Odyssee. Sie beteiligte sich an Ausschreibungen unter anderem der Bodenverwertungsgesellschaft BVVG, erhielt jedoch nie den Zuschlag. Utopische Preise seien dort aufgerufen worden, sagt die Jungbäuerin in spe. "Ich hätte mich mein halbes Leben verschuldet", meint sie. Vor einigen Monaten stieß sie auf ein Netzwerk von Existenzgründern in der Landwirtschaft, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren: Zusammen gründeten sie im Januar die Bürgergenossenschaft "Ökonauten".

Die bislang 30 Mitglieder wollen jetzt Geld einwerben, um das Projekt von Böllersen zu verwirklichen. Mittlerweile gibt es auch ein erstes Flächenangebot: In Velten (Oberhavel) will ein älterer Eigentümer insgesamt 4,4 Hektar an die Genossenschaft verkaufen. Darauf könnten künftig Hunderte Walnussbäume gedeihen. 18 Sorten, die früher in verschiedenen Regionen Deutschlands kultiviert wurden, will Böllersen für den Anbau testen. Auch eine Spreewälder Walnuss ist darunter.

Für weitere Projekte im Gemüseanbau gibt es ebenfalls Flächenangebote. "Wir müssen Klinken putzen, um überhaupt an Grund und Boden zu gelangen", sagt Willi Lehnert, einer der Gründungsmitglieder der Genossenschaft. Vielfach seien Investoren in Brandenburg aktiv, die Agrarland als lohnendes Investment sehen und fast jeden Preis zahlen, berichtet er. Kleinbetriebe, die auf ökologische Produktion setzen, hätten zunehmend das Nachsehen. Daher setzen die "Ökonauten" auf gemeinschaftlichen Landkauf, um anschließend Flächen an Jungbauern zu moderaten Preisen zu verpachten. Darüber hinaus werden die in den Höfen produzierten Lebensmittel von der Genossenschaft vermarktet. "Die Landwirte sollen ein gutes Einkommen erhalten und sich auf das konzentrieren, was sie gelernt haben", sagt Lehnert.

Zudem wollen die "Ökonauten" die Beziehungen zwischen Städtern und Landbevölkerung beleben. Mitglieder der Genossenschaft sollen nicht nur Anteile an der Ernte erhalten, sondern nach Möglichkeit selbst auf den Höfen mit anpacken. "Irgendwann haben sie vielleicht Lust bekommen, in die Dörfer zu ziehen", erläutert Lehnert, der sich auch im Bündnis Junge Landwirtschaft engagiert.

Der Agrarwissenschaftler kämpft vor allem auf politischer Ebene gegen "Landgrabbing", den Verkauf der Äcker an ortsfremde Kapitalgesellschaften. So hat das Bündnis neben anderen Vertretern der Bauernschaft an der Arbeitsgruppe Bodenmarkt im Potsdamer Landtag mitgewirkt. Das Ergebnis sei ernüchternd gewesen, meint Lehnert. "Es wird viel geredet, aber nichts bewegt. Währenddessen geht das Sterben der kleinen Bauernhöfe weiter."

Diese Entwicklung sei hochproblematisch, da immer weniger Wertschöpfung in der Region verbleibt. Daher fordert Lehnert die rot-rote Koalition dazu auf, ähnlich wie die Landesregierungen in Schwerin und Magdeburg zu verfahren und die verbliebenen 58000 Hektar Agrarflächen im Bestand der BVVG aufzukaufen und damit Strukturpolitik zu betreiben. Der langfristige Nutzen sei enorm, meint er. Allein schon dadurch, dass Arbeitsplätze in der Landwirtschaft erhalten blieben und künftig nicht nur Lohnarbeiter für die Feldarbeit engagiert würden. "Da geht irgendwann der Bezug zur Scholle verloren."

Aus Sicht des Agrarministeriums bringt der Aufkauf der BVVG-Flächen jedoch nur wenig. Auch der Landesbauernverband sieht darin keine Lösung, die Preisspirale zu stoppen. Vielfach handele es sich um Splitterflächen, sagt Sprecher Holger Brantsch. "Aber wir haben hier im Land das Problem, dass es einfach kaum noch Agrarflächen auf dem freien Markt gibt. Betriebsgründungen werden dadurch immer schwieriger."

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