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Landmanufaktur Biesenbrow öffnet die ersten Flaschen ihres einjährigen Cremant zur Verkostung

Königlicher Sekt der Apfel-Gourmets

Alles Handarbeit: Vom Pflücken, Sortieren, Pressen bis hin zum Abfüllen und Verpacken kümmern sich Yvonne und Mathias Tietze persönlich um jeden Schritt in ihrer Landmanufaktur. Eigentlich betreiben sie ein Projektierungsbüro.
Alles Handarbeit: Vom Pflücken, Sortieren, Pressen bis hin zum Abfüllen und Verpacken kümmern sich Yvonne und Mathias Tietze persönlich um jeden Schritt in ihrer Landmanufaktur. Eigentlich betreiben sie ein Projektierungsbüro. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 18.03.2015, 06:45 Uhr
Biesenbrow (MOZ) Er ist fertig - der erste Apfelcremant der Königin von Biesenbrow. Unter dieser Bezeichnung entsteht ein neuer Sekt, gelagert im Keller eines uckermärkischen Bauernhauses. Die Erfinder Yvonne und Mathias Tietze sind im Nebenjob wahre Apfelexperten geworden.

"Ruhm den Siegern" - kann man einen Apfel so benennen? Man kann. Bei ihrer europaweiten Suche nach dem ultimativen Aroma stießen Yvonne und Mathias Tietze auf diese - wie sollte es auch anders sein - russische Sorte. Offenbar liebten es die Sieger angenehm süß und vollmundig. So jedenfalls schmeckt der aus dem seltenen Apfel gewonnene Saft, gepresst in Biesenbrow.

Die Holländer greifen auch gern auf Berühmtheiten zurück und bezeichneten eine offenbar neue Sorte als "Rembrandt". Das Urteil der uckermärkischen Experten: "Vorzüglich".

Yvonne und Mathias Tietze sind so etwas wie die Apfelpäpste der Uckermark geworden. Seit 2012 haben sie ihre Liebe für das eigentlich als "Armenvitamin" verunglimpfte Obst entdeckt. Seitdem genießen sie selbst hergestellten Saft reinster Sorte, handgepflückt und handverlesen. Die Sache trägt Kultcharakter: So wie andere abends ein Glas Portwein am Kamin zu sich nehmen, genehmigt sich das Biesenbrower Ehepaar einen australischen "Bonza".

Mindestens 500 Sorten von 2500 Bäumen haben die beiden umtriebigen Obstkenner inzwischen verkostet. Dazu reisen sie in der Erntezeit jeden Freitag quer durchs Land auf der Suche nach neuen Aromen und Geschmacksrichtungen. Wenn der Ausruf "oh, genau so war es in meiner Kindheit" kommt, darf sich der entsprechende Baum durchaus geadelt fühlen.

"Der Apfel wird heute völlig unterbewertet", sagt Mathias Tietze. "Und es ist gar nicht vorstellbar, wie viele Sorten mittlerweile in Vergessenheit gerieten." Gemeinsam mit seiner Frau dokumentiert er jeden verkosteten Apfel nach einem ausgeklügelten System, denn alle Geschmacksrichtungen können sich die Apfel-Gourmets gar nicht merken. Im Paradies fühlten sie sich schließlich bei einem Besuch der Obstversuchsstation Müncheberg.

Der Kult um die Frucht hat ein einziges Ziel: Die Tietzes wollen den reinen Apfelgeschmack wieder ins Gedächtnis zurückrufen. Über eine eigens angeschaffte Presse in ihrer Biesenbrower Landmanufaktur läuft der gewonnene Saft von insgesamt 55 ausgesuchten Sorten lupenrein in die kleinen Fläschchen. Die Etiketten, die das liebevoll sanierte Bauernhaus ziert, tragen den jeweiligen Namen. Bei Erstkunden ist die Resonanz nach der Verkostung des nicht ganz billigen Getränks verblüffend. "Die Leute sind meist erschlagen von der Vielfalt. Sie fühlen ein Erlebnis für den Gaumen, einen Aromenball", schwärmt Mathias Tietze, der im beruflichen Leben Projektentwickler für städtische Bauvorhaben ist.

Eigentlich sollte die Landmanufaktur längst größere Mengen aller erdenklicher Köstlichkeiten herstellen. Doch nimmt die Vermarktung der nicht für den Supermarkt bestimmten Königinnen-Flaschen plötzlich ganz andere Formen an. Kunden lassen sich bestimmte Geschmacksrichtungen zusammenstellen unter dem Motto "Einmal um die Welt" oder "Süße Verführung". Firmen bestellen Präsente für Jubiläen, Käufer schwärmen von dem etwas Besonderen, das bisher nur in der Uckermark zu finden ist.

Dabei stammen die meisten Sorten gar nicht aus dem Umkreis. "Viele Sorten sind einst angepflanzt worden, weil die Menschen etwas gegen den Vitaminmangel tun wollten oder weil sie Lagerobst für den Winter brauchten", berichtet Yvonne Tietze. Die fallen aus der Auswahl heraus. Deshalb baut die Landmanufaktur in diesem Jahr eine eigene Apfelplantage auf etwa 2,5 Hektar Fläche mit 2500 Bäumen und 400 Sorten an.

Das ist der Grundstock für den künftigen Apfelwein und für den Hochgenuss der Königin - den Apfelcremant. Nach zahlreichen Experimenten öffnen die Tietzes nun ihren eigenen Sektkeller zur Verkostung des ersten Einjährigen. Der wird aus den noch ruppigen Jungweinen unter Verwendung originaler Champagnerhefe gewonnen, in hellen Sektflaschen abgefüllt und kopfüber auf Spezialgestellen neun Monate unter konstanter Temperatur ruhen gelassen. Der spätere Vierjährige soll das Spitzenprodukt werden. Bisher begeistern sich die beiden Kellermeister an rund 2000 Flaschen. Platz ist später aber für das Fünffache. "Wir haben bewusst einen Prozess von drei bis fünf Jahren in Kauf genommen, um die gewünschten Aromen herauszufinden", erklärt Mathias Tietze die Philosophie der Manufaktur. "Herauskommen soll ein exklusives Produkt, das es so in Deutschland noch nicht gibt."

Der 9,5-prozentige und damit gar nicht ruppige Cremant hat seine natürlich-herbe Richtung mit dem Apfelaroma vermischt und so eine fruchtige Note gewonnen. Jetzt hoffen die Hersteller des für die Region ungewöhnlichen Produkts auf das Urteil der Kunden. Schon aufgrund seines Preises wird auch der nicht im normalen Ladenregal stehen, sondern höchstens etwas zum Verschenken und Genießen sein.

Für die Tietzes folgt jetzt die Produktionserweiterung. Damit verbunden ist der Ausbau des Stalldaches. Die Herstellung der Säfte muss vollautomatischer werden. Alles ist in Handarbeit nicht zu schaffen. "Für uns hat der Tag 24 Stunden, es gibt keinen Fernseher im Haus, da bleibt Zeit für die Äpfel", sagt Mathias Tietze. Nach getaner Arbeit wartet ein "Rembrandt" auf ihn.

Am 21. März findet ab 11 Uhr in Biesenbrow für alle Interessenten ein Tag der offenen Tür mit Führungen, Imbiss und Verkostung statt.

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