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Die Energiewende ist kein Vorbild

Hans-Joachim Schmahl
Hans-Joachim Schmahl © Foto: MOZ
Hans-Joachim Schmahl / 18.03.2015, 17:54 Uhr
(MOZ) Vier Jahre nach der Tsunami- und Atomkatastrophe im japanischen Fuku-shima warb Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einem Besuch in Tokio für einen Ausstieg aus der Kernenergie auch in Japan. "Für mich war Fukushima ein einschneidendes Ereignis, weil Fukushima ja in einem Land passiert ist, das eine sehr hohe technische Qualität hat." Deshalb habe sie zusammen mit anderen "diese Entscheidung getroffen, dass das letzte Kernkraftwerk im Jahr 2022 vom Netz geht, also die friedliche Nutzung der Kernenergie ausläuft".

Doch der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe konterte kühl, dass er das nicht verantworten könne, wenn er eine sichere, bezahlbare Energie für sein Land garantieren wolle. Immerhin habe Japan vor Fukushima ein Drittel seiner Energie aus Atomkraft bezogen. Seit der Katastrophe standen die 48 Atomreaktoren des Landes still - und die Energiepreise stiegen um ein Viertel. Noch in diesem Frühjahr will Abe, der gerade mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt wurde, die ersten beiden Meiler wieder hochfahren lassen.

Weltweit ist Atomkraft kein Auslaufmodell, auch in Europa nicht. Kein Land hat nach der Katastrophe von Fukushima eine so scharfe Kehrtwende in der Atompolitik vollzogen wie Deutschland - von der Laufzeit-Verlängerung zur Abschaltung der Kernkraft. Nur Belgien und die Schweiz wollten den bereits geplanten Ausstieg aus der Kernenergie beschleunigen. In anderen Staaten wurden lediglich zusätzliche Sicherheitsprüfungen vorgenommen.

Nach den Zahlen der Internationalen Atomenergieagentur IAEA betreiben derzeit weltweit 31 Länder 440 Kernkraftwerke, in 15 Ländern sind 68 weitere im Bau. In der Europäischen Union ist Atomkraft sogar immer noch die wichtigste selbsterzeugte Energie. Nach den jüngsten Zahlen des europäischen Statistikamtes Eurostat lieferten Kernkraftwerke 2013 noch 29 Prozent der EU-internen Erzeugung. Erneuerbare Energien erreichten trotz eines neuen Rekordwerts erst einen Anteil von 24 Prozent.

Eine Umfrage des Weltenergierates hat gerade ergeben, dass die deutsche Energiewende im Ausland nicht als Vorbild betrachtet wird. Der Weltenergierat ist ein internationaler Verband der Energiewirtschaft. An der Umfrage nahmen Fachleute aus 35 Ländern teil, darunter 20 aus Europa.

Eine überwältigende Mehrheit von 82 Prozent der Befragten sehen in ihrem Land weder die ökonomischen noch die technischen Bedingungen für die Energiewende nach deutschem Vorbild. Rund 60 Prozent glauben, dass Industrieverbraucher in ihren Ländern höhere Preise ablehnen, auch wenn sie damit zum Klimaschutz beitragen könnten. Etwa 50 Prozent nehmen an, dass Privathaushalte leicht höhere Preise akzeptieren würden.

Uwe Franke, Präsident des deutschen Länderkomitees des Weltenergierates, erklärt: "Eine solche Transformation des Energiesystems muss man sich auch leisten können - für die Industrie in vielen Ländern ist das nicht finanzierbar und erhöht den Wettbewerbsdruck. Die maximal zehn Prozent höheren Preise, die Privatverbraucher durchaus zu leisten bereit sind, reichen allein nicht zur Finanzierung aus."

Aus diesen Vergleichszahlen ergibt sich, welchen enormen Beitrag die Politik den deutschen Bürgern abverlangt hat, um die einst von der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeleitete Energiewende zu finanzieren. Vom Jahr 2000 bis zum Herbst vergangenen Jahres mussten die Privathaushalte nahezu eine Verdoppelung des Strompreises verkraften. Ganz exakt war er nach jüngsten Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden um 92 Prozent gestiegen.

Da wundert es nicht, dass nur ein Drittel der vom Weltenergierat befragten internationalen Experten der Meinung waren, dass die deutsche Energiewende als weltweite Blaupause dienen könne. Die Hälfte dagegen lehnte das gesamte Konzept ab. Das Fazit von Deutschland-Chef Franke kann die leidenschaftlichen Verfechter der Energiewende nicht freuen: "Die Energiewende ist noch immer kein Exportschlager."

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