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Der Bronzeleuchter aus der Gertraud-Kirche ist einer der größten mittelalterlichen Kandelaber überhaupt

Siebenflammige Prophezeiung

Kostbarer Bronzeschatz: Um den mittelalterlichen Leuchter im Dreißigjährigen Krieg vor den Schweden zu retten, versenkte man ihn in der Oder. Seit 1981 steht er in den Gertraud-Kirche.
Kostbarer Bronzeschatz: Um den mittelalterlichen Leuchter im Dreißigjährigen Krieg vor den Schweden zu retten, versenkte man ihn in der Oder. Seit 1981 steht er in den Gertraud-Kirche. © Foto: Robert Iwanetz
Robert Iwanetz / 26.03.2015, 07:18 Uhr
Frankfurt (MOZ) Über vier Meter hoch und breit ist der mittelalterliche Bronzeleuchter in der Gertraud-Kirche. Der Kandelaber aus der Zeit um 1375 ist einer der größten mittelalterlichen Leuchter überhaupt und einzigartig in seiner Gestaltung.

Der Transport von Kirchenschätzen ist eine heikle Angelegenheit. Um den Bronzeleuchter an seinen heutigen Standort zu bewegen, musste er 1981 in der Friedenskirche in seine zwölf Einzelteile zerlegt und anschließend in der St.-Gertraud-Kirche wieder zusammengesetzt werden. Anders hätte er nicht in die Kirche gepasst. Über vier Meter hoch und breit ist der Bronzeschatz. Der vergoldete Kandelaber aus der Zeit um 1375 ist einer der größten mittelalterlichen Leuchter überhaupt.

Seinen Ursprung hat der Leuchter im Judentum: Die christliche Kirche übernahm einige Traditionen für ihren Gottesdienst aus der jüdischen Religion. So werden zum Beispiel die gleichen Psalmen aus dem Alten Testament gebetet, aber auch liturgische Gegenstände, wie der große siebenarmige Leuchter aus dem Jerusalemer Tempel, wurden seit dem Mittelalter in den Kirchen nachgebildet. Der älteste bekannte Kandelaber dieser Art ist über 1000 Jahre alt und steht im Essener Münster. Auch der Frankfurter Leuchter steht in dieser Tradition, fällt jedoch durch seine ungewöhnliche Form auf.

Im Gegensatz zu den 50 bekannten Leuchtern aus dem Mittelalter hat der Frankfurter Kandelaber als einziger nicht sieben, sondern nur zwei gewellte Arme. Darauf sind sieben Schalen mit Kerzen angebracht. Der Leuchter symbolisiert die sieben Gaben des Heiligen Geistes: die Gabe des Herren, der Weisheit, des Verstandes, des Rates, der Erkenntnis, der Stärke und der Furcht vor dem Herrn, die der Prophet Jesaja im Alten Testament für das Wirken von Jesus voraussagte.

Der gesamte Kandelaber, der im Dreißigjährigen Krieg in der Oder versenkt wurde, ist mit vergoldetem Reliefschmuck verziert. Bereits am Sockel, der auf vier Adlern mit ausgebreiteten Flügeln steht, sind vier filigran gestaltete Reliefs zu sehen, auf denen die Erfüllung der Jesaja-Verheißung bis zur tatsächlichen Geburt von Jesus erzählt wird. Darüber wird in den sieben Trommeln am Schaft des Leuchters sein Leben bis zum Pfingstgeschehen illustriert.

Wer den Bronzeschatz geschaffen hat, ist jedoch nicht bekannt. Allerdings muss es sich um mehrere Künstler gehandelt haben, da sich die Porträts am Schaft und Sockel deutlich unterscheiden. Wappenschilder mit Adlern an den gewellten Leuchterarmen weisen außerdem darauf hin, dass eine landesherrliche Stiftung den Kandelaber in Auftrag gab. Unklar ist, ob es sich dabei um die letzten Wittelsbacher oder die ersten böhmischen Herrscher handelte.

Auch heute ist der Leuchter noch in Benutzung: Weihnachten, Ostern und Pfingsten klettert der Küster der Gertraud-Kirche auf eine Leiter und entzündet die sieben Kerzen, um die Verkündung des Propheten Jesaja der Kirchengemeinde sichtbar vor Augen zu führen.

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