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Erster Stolperstein für Fehrbellin

Gedenken: Dirk Leichner (rechts) von den Zeugen Jehovas las aus Briefen von Herbert Christoph an seine Frau, die 1942 geschrieben wurden. Der am Sonnabend Geehrte starb für seine Überzeugung, andere Menschen nicht töten zu wollen.
Gedenken: Dirk Leichner (rechts) von den Zeugen Jehovas las aus Briefen von Herbert Christoph an seine Frau, die 1942 geschrieben wurden. Der am Sonnabend Geehrte starb für seine Überzeugung, andere Menschen nicht töten zu wollen. © Foto: MZV
Inez Bandoly / 29.03.2015, 21:07 Uhr
Fehrbellin (MOZ) "Hier wohnte Herbert Christoph" steht auf goldschimmernden Grund geschrieben. Der Künstler Gunter Demnig erinnert seit 1995 mit seinen Gedenksteinen an die Opfer des Nationalsozialismus - an Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und politisch Verfolgte.

Über 6 000 Stolpersteine wurden in Berlin und Brandenburg bereits verlegt. Am Sonnabend wurde in Fehrbellin für Herbert Christoph in der Rhinstraße 16 ein solches Zeichen des Gedenkens gesetzt. 1909 in Zittau geboren, wohnte er um 1936 mit seiner Frau und drei Kindern in der damaligen Adolf-Hitler-Straße 4 der Rhinstadt. Er arbeitete als Melker auf dem Bauernhof der Familie Dreusicke in Fehrbellin. Als Zeuge Jehovas leistete er Widerstand und verweigerte den Kriegsdienst. Wegen seiner Tätigkeit als Bibelforscher wurde Herbert Christoph am 22. Januar 1943 auf dem Militärschießplatz Katharinenholz bei Potsdam erschossen.

An der Einweihung des Stolpersteines nahm, neben zahlreichen Abgeordneten und Einwohnern der Stadt, der Sohn von Herbert Christoph, Hansjürgen Christoph, teil. In einem Zeitzeugeninterview erinnert sich der 1937 Geborene: "Meine Mutter war keine Zeugin Jehovas. Sie versuchte meinen Vater noch umzustimmen, in den Krieg zu ziehen", sagte er. Um seiner Frau diesen Wunsch aus Liebe zu erfüllen, erklärte er sich zum Wehrdienst bereit. "Selbst mein Allerheiligstes konnte vor dir nicht bestehen", las Dirk Leicher, der als Vertreter der Zeugen Jehovas vor Ort war, aus den Briefen Herbert Christophs an seine Frau vor. "Aber er hatte Gewissensbisse und wollte nicht töten. Er fühlte sich wie ein waidwundes Tier", sagte Hansjürgen Christoph über seinen Vater, der ganze acht Tage Soldat war und kurz darauf zum Tode verurteilt wurde.

Damals als Kind hat Hansjürgen Christoph dies alles nicht verstanden. Erst als 18-Jähriger, als er die Briefe seines Vaters las, erkannte er die Beweggründe seines Vaters. "Er war ein sehr überzeugter Mensch, der sich lieber erschießen ließ statt selbst zu töten", erklärte der Sohn in dem Interview. Im Nachhinein habe dies sein Bewusstsein gestärkt. Er recherchierte über das Leben seines Vaters und erhielt unter anderem eine Bescheinigung von der Deutschen Dienststelle Berlin-Borsigwalde. Diese gab Auskunft über Gefallene der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Das Schreiben bestätigte, dass Herbert Christoph standesrechtlich erschossen wurde. Der Fall wurde am 14. Mai 1943 in Potsdam beurkundet. Sohn Hansjürgen zeigte Besuchern das Schriftstück sowie ein Foto seines damals noch so jungen Vaters.

Hansjürgen Christoph ist stolz über diesen Stolperstein, der direkt am Eingang des Heimatmuseums der Stadt seinen Platz gefunden hat. Jugendliche der Gemeinde Fehrbellin erklärten sich bereit, die Patenschaft für den Stein zu übernehmen. Europaweit gibt es schon rund 45 000 Exemplare.

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