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Fünf glänzende Gesten der Versöhnung

Bewahrt: Ursula Tornow übergibt Nachfahren der Lehmann-Familie Fotos aus deren glücklichen Veltener Jahren.
Bewahrt: Ursula Tornow übergibt Nachfahren der Lehmann-Familie Fotos aus deren glücklichen Veltener Jahren. © Foto: MZV
Heike Weißapfel / 30.03.2015, 21:53 Uhr - Aktualisiert 31.03.2015, 16:00
Borgsdorf/Velten (MZV) Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat in Borgsdorf und in Velten Stolpersteine für Juden verlegt, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet oder vertrieben worden sind.

Hohen Neuendorfs Geschichtskreis und die Borgsdorfer Grundschule haben sich alle Mühe gegeben. Informationen über Dr. Curt Eckstein zu finden, war dennoch nicht leicht. Als er 1942 festgenommen wurde, war er Unterlagen nach 57 Jahre alt und nicht groß von Statur. Sein Gesicht haben ihm die Forschenden nicht wiedergeben können, denn ein Bild von Dr. Eckstein haben sie nicht gefunden. Doch mit dem Stein im Boden vor dem Fasanenweg 9 bleibt nun sein Name in Borgsdorf präsent.

Am Montag wurden vor dem Haus Breite Straße 74 in Velten vier Stolpersteine zum Gedenken an die von den Nazis vertriebene Familie von Dr. Alfred Lehmann ins Pflaster eingelassen.
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Stolpersteine in Velten verlegt

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Etwa 50 Borgsdorfer Nachbarn und andere Interessierte nehmen an diesem Montagmorgen an der Stolpersteinverlegung teil, darunter auch einige Kinder, deren Ferien bereits begonnen haben. Pfarrerin Alke Witte spricht ein Gebet und singt.

Eckstein hat mit seiner Frau Charlotte in Borgsdorf gelebt. Als Jude wurde er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Zug um Zug entrechtet, seines Besitzes und seiner Würde beraubt. "Er durfte nur noch als Konsulent arbeiten", schildert Petra Schmidt vom Geschichtskreis. "Das war ein Schimpfwort, so ähnlich wie Kurpfuscher", erläutert sie. Der Anwalt durfte Ende der 1930er-Jahre nur noch jüdische Klienten betreuen. Zunächst in ein Arbeitslager nach Großbeeren verschleppt, wurde Eckstein getreten, sodass er hinfiel und sich das Handgelenk brach. Eine Aufzeichnung, die es von ihm gibt, ist daher krakelig mit der linken Hand geschrieben. Im März 1944 kam er zunächst ins Männerlager Ravensbrück und wurde dann nach Auschwitz deportiert. Dort existierte er in Block 21 nur noch als Nummer 19561. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Von Borgsdorf fährt Gunter Demnig direkt nach Velten, um auch hier vier Stolpersteine zu verlegen. Nach wie vor, so sagt er vor dem Haus Breite Straße 74, sei sein Projekt ein künstlerisches, das nichts mit Routine zu tun habe, wie ihm Kritiker vorwerfen. Ganz im Gegenteil. Jedes Schicksal sei ein ganz besonderes. "Es haben sich schon Menschen über Stolpersteine gebeugt und dabei nach Jahrzehnten festgestellt, dass sie verwandt sind", erzählte Demnig.

So ähnlich ist es am Montag auch in Velten. Hier lernen sich die Nachfahren der Familie von Dr. Alfred Lehmann zwar nicht erst kennen. Aber sie alle, die verstreut in den USA und Kanada leben, sind nach Velten gekommen: Gary, Joan, David, Shelley, Peter ... Sogar eine Patentante ist angereist. Sie alle sind tief beeindruckt, dass in Velten mit diesen vier Messingplatten ihrer Vorfahren gedacht wird. Sie lachen, sie weinen und wirken auch mal für Momente in sich versunken. Es ist ihnen anzusehen: Sie werden durch ein Wechselbad der Gefühle geschleudert. Es ist ein starker Satz - und einer, den Deutsche nie sagen würden und sollten - den Enkelin Vera Frinton Davis vor der großen Runde der Zuhörer sagt: "Zum ersten Mal in Velten geschieht Wiedergutmachung für eine friedliche jüdische Familie."

Sie ist ihnen zuvorgekommen, die Veltener Gruppe "Gesicht zeigen". Die Enkelin berichtet, dass die Nachkommen darüber beraten hatten, wie "wir dieser Familie und ihrem Zuhause gedenken können". Genau zu diesem Zeitpunkt erreichte sie die Nachricht vom Stolperstein-Projekt.

Darf man schreiben, dass die jüdische Familie Lehmann noch Glück gehabt hat? Keiner von ihnen gehörte zu den sechs Millionen Juden, die Hitler ermorden ließ. Kinder und Ehefrau konnten fliehen. Der Arzt Alfred Lehmann wurde nicht in einem KZ vergast, er starb 1937 in Berlin. Aber: Die Stolpersteine liegen vor einem Haus, aus dem die Bewohner vertrieben, ihrer Heimat beraubt wurden. Alfred Lehmann musste sich heimlich zu den ihm gebliebenen Patienten schleichen. Seine Kinder wurden jäh aus einer unbeschwerten Kindheit gerissen.Wenig später wurde die Familie aus Velten vertrieben und ihre Idylle für immer zerstört.

80 Jahre später steht Ursula Tornow, auf ihren Rollator gebeugt, vor diesem Haus und hält ein paar Fotos in der Hand. Auf mehreren ist Alfred Lehmann zu sehen. "Der Schwiegervater meines Mannes war Chauffeur bei Lehmanns", erzählt sie. Die Fotos hat sie aus einem Album herausgetrennt. Am Ende der Gedenkstunde gibt sie die Aufnahmen Enkelin Shelley und deren Tochter Shayla. Sie sollen mit der Familie nach Amerika kommen. Ein kleiner, aber umso rührenderer Akt der Versöhnung.

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