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"Diese Sprache gehört keinem"

Birte Förster / 04.04.2015, 08:57 Uhr - Aktualisiert 14.12.2018, 09:10
Berlin (MOZ) Trotz aller - auch sprachlichen - Globalisierung: Mehr als 6000 Muttersprachen gibt es heute noch weltweit. Dass darunter auch Plansprachen wie Esperanto und Ido fallen, ist allerdings recht wenig bekannt.

Als Christoph Knabe mit seinem Sohn Goran in einem Berliner Restaurant zu Abend isst, fallen Sätze wie: "Kiel gustis al vi la mangajo?" Er erkundigt sich, wie das Essen schmeckt. Der 13-Jährige hat sich für Würstchen entschieden und ist zufrieden: "La kolbasoj estis tre bonaj." Unwissende können diese Sätze irritieren. Während sich Russisch, Chinesisch und Französisch leicht erkennen lassen, fällt die Zuordnung hier schwer. Die Worte klingen ungewohnt, aber nicht völlig unbekannt. Geografisch bestimmen lassen sie sich jedenfalls nicht. Christoph Knabes Kinder sind "denaskuloj" - Esperanto-Muttersprachler. Von klein auf kommunizierte er mit ihnen in dieser Plansprache.

Weltweit gibt es laut Louis von Wunsch-Rolshoven, Sprecher des Deutschen Esperanto-Bundes, 1000 bis 2000 Esperanto-Muttersprachler. Mehrere 100 000 Menschen weltweit sprechen es regelmäßig. Christoph Knabe hat vor mehr als 40 Jahren begonnen, Esperanto zu lernen. Während sich der 60-Jährige mit anderen Fremdsprachen oft schwer tat, war es diesmal anders. "Man fühlt sich sehr schnell in der Sprache heimisch", begründet er, warum er drangeblieben ist.

Bereits mit einem relativ niedrigen Sprachniveau sei es möglich, zurechtzukommen. Außerdem schätze er die - verglichen mit anderen Sprachen - leichte Grammatik und die Neutralität. Denn kein Land kann sie für sich als Standardsprache beanspruchen. "Es ist anders als im Ausland, wo man immer schlechter als ein Muttersprachler spricht", sagt der Professor für Softwaretechnik. "Esperanto gehört keinem, daher habe ich es mich getraut."

Als der Augenarzt und Philologe Ludwik Lejzer Zamenhof im späten 19. Jahrhundert Esperanto entwickelte, wollte er eine Sprache erschaffen, deren Wörter aus möglichst vielen Sprachen stammen, erklärt Sprachwissenschaftler Cyril Brosch von der Universität Leipzig, der Plansprachen erforscht. 1887 veröffentlichte Zamenhof in Warschau unter dem Pseudonym "Dr. Esperanto" - der Hoffende - das erste Lehrbuch. Vor allem die romanischen Sprachen hinterlassen im Esperanto ihre Spuren. Zudem gebe es relevante germanische und slawische Anteile. Zamenhofs Absicht war es, die Völkerverständigung und somit auch den Frieden mit einer gemeinsamen Sprache für alle zu erleichtern. "Denn eine der wichtigsten Schranken ist die Sprache", so Brosch.

Schon bald verbreitete sich die neue Sprache in der Welt. In Nürnberg wurde 1888 der erste Esperanto-Club gegründet, ein Jahr später erschien die erste Zeitschrift "La Esperantisto". In diesen Jahren entstand auch ein Adressverzeichnis mit 1000 Esperantisten weltweit. Auch heute existiert laut Wunsch-Rolshoven eine Art Couch-Surfing-Portal für Esperantisten. Seit der Entstehung des Internets ist die Sprecher-Zahl laut Brosch deutlich gewachsen. "Über Skype nimmt auch der gesprochene Anteil deutlich zu", erklärt er. Noch immer gibt es regelmäßig internationale Treffen von Esperantisten. Christoph Knabe und seine Familie fahren einmal im Jahr dorthin. "Es ist faszinierend, dass Menschen aus aller Welt dorthin kommen", betont er. 

Während der heute 20-jährige Ivo seinem Vater auf Esperanto antwortete, bleibt der jüngere Bruder beim Deutschen. Er selbst pflege vor allem bei den internationalen Treffen die Sprache, erzählt Goran. Dort treffe er auf andere Kinder und Jugendliche. "Über die sozialen Netzwerke bleiben wir in Kontakt", sagt der Schüler. In der Schule in Berlin habe sich nur einmal eine Gelegenheit ergeben. "Dort habe ich einen Norweger kennengelernt, der auch Esperanto sprach", sagt er. Dieser habe anfangs Probleme mit dem Deutschen gehabt. Verständigen konnten sich die beiden dennoch.

Esperanto ist unter den Plansprachen die einflussreichste, doch es existieren bis zu zehn weitere. Eine von ihnen nennt sich Ido und ist in Bezug auf das Esperanto äußerst relevant: Es ist dessen Weiterentwicklung. Der französische Philosoph und Mathematiker Louis Couturat und der Lehrer Louis de Beaufront erarbeiteten 1907 die neue Form. Sie wollten die bestehende Plansprache vereinfachen. Esperanto erschien ihnen nicht logisch genug. Einer der wesentlichen Unterschiede sei, dass die slawischen und germanischen Elemente ersetzt wurden und die Sprache mehr romanische Anteile habe.

Wie für Esperanto gibt es auch Ido-Organisationen und Zeitschriften. Die Ido-Amiki, die Berliner Gruppe der Idisten, trifft sich regelmäßig, um die neue Ausgabe ihrer Zeitschrift "Ido-Saluto" vorzubereiten, die vier Mal jährlich erscheint, erzählt Ferdinand Möller, der Mitglied der deutschen und der internationalen Ido-Gesellschaft ist. Die Gruppe verfasst dafür die Texte in der Plansprache. Er selbst gibt Neulingen zudem Unterricht. 2007 hat Möller auch ein Ido-Wörterbuch herausgegeben. Das Motto lautete vor allem in der Entstehungszeit, dass Sprachen sich immer weiter entwickeln. Die Esperantisten hingegen vertreten die Ansicht, eine Sprache müsse stabil sein. Wenn auch das Esperanto nicht ganz vor Veränderungen gefeit ist - schließlich bedarf jedes neue gesellschaftliche Phänomen entsprechender Ausdrücke -, so hat es laut Sprachwissenschaftler Brosch ein unveränderliches Fundament. Das sei auch einer der Gründe, weshalb sich Ido international, verglichen mit dem Esperanto, kaum durchgesetzt hat. Die Anzahl der Sprecher ist weitaus geringer: Höchstens 2500 Ido-Sprecher gibt es laut Brosch weltweit. "Es ist wichtiger, dass eine Sprache stabil ist, als eine perfekte Sprache zu schaffen", ist er überzeugt. Dennoch sieht Möller eine Veränderung: "Über das Internet haben sich die Idisten verschiedener Ländern wiederentdeckt", sagt er. Zahlreiche Foren seien entstanden. Möller schätzt die einfacheren Regeln des Ido. "Es ist der mittlere Weg zwischen dem Natürlichen und dem Unnatürlichen", begründet der 81-jährige Wirtschaftswissenschaftler, der seit zehn Jahren Ido spricht.

Trotz Differenzen verfolgen Idisten und Esperantisten - neben der Verständigung über Landesgrenzen hinweg - ähnliche Ziele. Beide Bewegungen wollen zur Verbreitung ihrer Sprache beitragen. In diesem Sommer gibt es gleich zwei Veranstaltungen in Deutschland: Der internationale Ido-Kongress wird im Juli in Berlin ausgetragen; der internationale Jugendkongress der Esperanto-Sprecher findet im August in Wiesbaden statt.

Und noch eine andere Intention verfolgen sie: Dass Plansprachen weltweit Anerkennung finden. Bisher interessiere sich die Politik kaum dafür, sagt Cyril Brosch. Dass weltweit immer noch Englisch den Vorrang hat, hält er nämlich für fragwürdig. Die Beherrschung des Englischen sei schlecht, sagt er. "Es ist weiterhin Sache der Eliten". Auch Christoph Knabe hofft, dass sich das ändert: "Ich weiß, wie bei internationalen Kongressen mit Fremdsprachen gekämpft wird. Das habe ich in der Esperanto-Welt anders erlebt."

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