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Das halbe Dorf war arbeitslos

Zahlreiche Besucher der Ausstellung schwelgten während der Vernissage in Erinnerung.
Zahlreiche Besucher der Ausstellung schwelgten während der Vernissage in Erinnerung. © Foto: Balzer
Wolfgang Balzer / 13.04.2015, 11:17 Uhr
Tremmen (MZV) Der Vorbereitungsstart für die am Sonntag im Tremmener Dorfmuseum eröffnete Sonderausstellung sei für ihn besonders "motivierend" gewesen, blickte Lothar Lehnhardt, Vorsitzender des Fördervereins, zurück. So habe er im Herbst 2014 gelesen, dass 50 Prozent der Leute von der Berichterstattung über den Mauerfall vor 25 Jahren die Nase voll hätten. Dennoch wollte er genau dieses Thema lokal beleuchten.

Offensichtlich hatte ihn der Mut nicht verlassen, denn was in den kleinen Räumen zu sehen ist, ist nicht nur ein schlichter Rückblick auf die Situation im Dorf in der Wendezeit. Die Texte und ausgestellten Dokumente werden zweckmäßig in einen zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang mit den Veränderungen und Aktivitäten in Ketzin/Havel und im Landkreis Nauen gestellt und teilweise in den Vergleich mit den Veränderungen bis zur Gegenwart, wobei auch negative Beispiele nicht ausgespart werden. Aber, wie so oft, habe auch der Zufall bei der Gestaltung geholfen, erzählte Lehnhardt den Eröffnungsgästen.

Franz Nieter aus Nauen habe ihm zwei Kisten mit 350 Ausgaben der "Märkischen Volksstimme" gebracht. Die Grundlage für die Ausstellung war gegeben. So konnte der Autor den Bogen spannen von der dörflichen Situation Anfang 1990, als im Dorf die Hälfte aller Einwohner arbeitslos war, bis hin zum heutigen gepflegtem Dorf mit funktionierender Infrastruktur, gefestigten Wirtschaftsbetrieben und aktivem Vereinsleben. In einem Video-Interview erinnert Thomas Seelbinder, damals 24-jährig und erster Bürgermeister nach der Wende, an das dringendste Problem im Dorf, die Arbeitslosigkeit, an die Schwierigkeit, die 50 in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) beschäftigten Tremmener sinnvoll einzusetzen. "Die Stimmung in dieser Zeit war einmalig", sagte er. Es habe im Gemeinderat keine Rolle gespielt, wer in welcher Partei war, Sachfragen hätten im Vordergrund gestanden. Er beklagte aber auch, dass diese Stimmung leider verloren gegangen sei.

"Die DDR darf nicht das Klo Europas werden" ist in der Ausstellung in einem Aufruf einer Ketziner Bürgerinitiative zu lesen, in dem zu einer deutsch-deutschen Umwelt-Protestdemo am 20. Januar 1990 eingeladen wird. Den turbulenten Ereignissen um die Deponien Vorketzin und Röthehof ist ein Extrateil der Ausstellung gewidmet, ebenso wird das Leben im Dorf zu DDR-Zeiten wieder lebendig. Neben viel Problematischem ist aber auch die Bemerkung zu lesen, dass es damals in Tremmen noch eine Schule gab. Ergänzt werden die Dokumentationen mit einigen DDR-Utensilien aus der Sammlung von Tobias Bank, einem Amateurfilm, der das Dorf zeigt, wie es damals aussah, und ausgewählten Fotos aus einer Fotodokumentation des Berliner Fotografen Karl-Ludwig Lange. Sehenswert auch die Karikaturen von Paul Pribbernow aus der Wendezeit.

Die Sonderausstellung kann während der Öffnungszeiten des Museums bis Oktober jeden Samstag, sonn- und feiertags von 13.30 bis 17 Uhr besucht werden.

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