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"Besonders bedauernswert"

Sowjetische Kriegsgefangene warten auf ihren Abtransport: Dieses Foto entstand 1943 in der Ukraine.
Sowjetische Kriegsgefangene warten auf ihren Abtransport: Dieses Foto entstand 1943 in der Ukraine. © Foto: dpa
André Bochow / 27.04.2015, 06:00 Uhr
Berlin (MOZ) Von den 5,7 Millionen sowjetischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft gerieten, überlebten nur 40 Prozent. Der deutsche Staat hat ihnen bisher jegliche Entschädigung verweigert.

"Die mit Stroh gedeckten Dächer hatten riesige Löcher. Für den Versuch, vom Dach etwas Stroh zu holen oder ein Feuer zu machen, gab es gleich die Kugel." So erinnert sich der Ukrainer W. Kuperman an das Gefangenenlager im Rostower Gebiet im Jahr 1942. Hunderte Menschen wurden dort in die Baracken gepfercht. Wer zu weit oben seinen Schlafplatz hatte, erfror. Kuperman gelang später die Flucht. Das schafften nicht viele.

Neuesten Forschungen zufolge errichteten die Deutschen etwa 1000 solcher Kriegsgefangenenlager in den besetzten Teilen der UdSSR, in Polen und auch in Deutschland. Eingeteilt in Dulag (Durchgangslager) oder Stalag (Stammlager). Die Stalags III A, B, C, D waren in Luckenwalde, Fürstenberg/Oder, Alt Drewitz bei Küstrin bzw. in Berlin.

Die zur Zwangsarbeit eingesetzten Gefangenen blieben der deutschen Bevölkerung keineswegs verborgen. Trotzdem erinnert hierzulande nur wenig an sie. Auch im Gedenken an den Weltkrieg werden sie meist vergessen. Der linke Bundestagsabgeordnete Jan Korte meint, "dieses Kapitel gehört zu der zweiten Schuld, von der Ralph Giordano sprach, und die nur nach und nach abgetragen wird." Er erinnert an die Wehrmachtsdeserteure, die erst 2002 rehabilitiert wurden. Und an die "sogenannten Kriegsverräter, also deutsche Soldaten, die zum Beispiel Juden geholfen haben, erst 2009".

Für das "Vergessen" der sowjetischen Kriegsgefangenen sieht Korte geschichtspolitische Gründe. "In Westdeutschland war der Antikommunismus nach 1945 praktisch Staatsreligion. Der Osten wurde dämonisiert und die Nazi-Täter schrieben ihre eigene Geschichte."

Es sind vor allem Privatinitiativen wie der Verein "Kontakte-Kontakty", die sich des Leids der ehemaligen Kriegsgefangenen annehmen. "Kontakte" sammelt Geld und überweist an Überlebende jeweils 300 Euro.

Am 5. Februar dieses Jahres rang der Bundestag wieder einmal um eine Antwort auf diese Frage. Erika Steinbach, Fraktionssprecherin der CDU für Menschenrechte, sagte über die sowjetischen Kriegsgefangenen, es handele sich "um eine besonders bedauernswerte Gruppe von Kriegsgefangenen". Denn: "Die Bestimmungen des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht verweigerten den Sowjetsoldaten jeden Anspruch auf Behandlung als ehrenhafte Soldaten nach dem Genfer Abkommen."

Das ist noch recht zurückhaltend ausgedrückt. Im neu gestalteten "Deutsch-Russischen Museum" in Berlin-Karlshorst ist ein Raum den fast sechs Millionen Frauen und Männern aus der UdSSR gewidmet ist, die in deutsche Gefangenschaft kamen. Über einer Vitrine steht: "60 Prozent STERBEN". Und auf einer Glastafel dahinter: "Nichtarbeitende Kriegsgefangene in den Gefangenenlagern haben zu verhungern". Es handelt sich dabei um eine Weisung Eduard Wagners, des Generalquartiermeisters der Wehrmacht vom November 1941. Tatsächlich überlebten mehr als drei Millionen sowjetische Soldaten die deutsche Gefangenschaft nicht.

Dem Bundestag liegen seit Neuestem zwei Anträge vor, in denen Grüne beziehungsweise Linke eine materielle Entschädigung für die noch lebenden Opfer fordern. 2500 Euro für jeden wollen die Grünen, 7500 Euro Euro die Linken. Als die SPD noch in Opposition zur schwarz-gelben Bundesregierung stand, hatte ihre Fraktion zusammen mit den Grünen selbst noch einen Antrag formuliert. Darin findet sich die Passage: "Es ist dokumentiert, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen unter dem NS-Regime ein Schicksal zu erleiden hatten, das sie von allen anderen von Deutschland inhaftierten Gefangenen unterschied."

Ein wichtiger Satz. Denn bislang wird bei der Verweigerung von Entschädigungen auf Paragraph 11 Absatz 3 des Gesetzes für die "Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" verwiesen, die für die Auszahlung der Zwangsarbeiterentschädigungen zuständig ist. "Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung", heißt es da. Wie unterschiedlich Nazideutschland jedoch mit den Kriegsgefangenen umging, zeigen die Opferzahlen. Von den inhaftierten alliierten Soldaten starben nur etwa 3,5 Prozent.

Im alten Antrag von SPD und Grünen steht auch Folgendes: "Diejenigen, die trotz der tödlichen Bedingungen überlebt haben, wurden nach der Rückkehr in die Sowjetunion der Kollaboration verdächtigt, 13 Prozent kamen in Lagerhaft, viele in "Arbeitsbataillone'. Mehrheitlich wurden sie gesellschaftlich diskriminiert und erst 1995 vollständig rehabilitiert." Auch die Linken weisen auf diesen Punkt hin.

Jan Korte wiederum ist optimistisch. Er denkt, "dass es eine gute Chance gibt, noch in diesem Jahr zu einem parteiübergreifenden Beschluss zu kommen. Denn es gibt überhaupt keine sachlichen Gründe, die gegen die Entschädigungen sprechen." Das stimmt nicht ganz. In der Union wird auf den Verzicht "auf weitere Reparationen" seitens der UdSSR im Jahr 1953 verwiesen.

Aber Korte setzt nicht zuletzt auf den Bundespräsidenten. Joachim Gauck spricht am 6. Mai im ehemaligen Stammlager 326 (VI K) im westfälischen Schloss Holte-Stukenbrok. "Ich hoffe sehr, dass er die Forderung nach Entschädigung aufgreift", sagt Korte. Viel Zeit bleibt allerdings nicht mehr. Von den einst fast sechs Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen leben höchstens noch 2000 oder 3000.

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