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Zwei Künstler im Haus der Ahnen

Inmitten des eigenen Lebenswerkes: Elli und Jürgen Graetz
Inmitten des eigenen Lebenswerkes: Elli und Jürgen Graetz © Foto: Marco Winkler
Marco Winkler / 04.05.2015, 08:00 Uhr
Dagow (MZV) Im Haus, in dem Fotograf Jürgen Graetz 1943 geboren wurde, arbeitet er heute gemeinsam mit seiner Frau Elli Graetz, ebenfalls Künstlerin. Zum Tag des offenen Ateliers am Wochenende zeigen sie Besuchern ihr Kleinod.

"Mit 17 Jahren bin ich ausgezogen", so Jürgen Graetz. Vor zehn Jahren kam er mit seiner Frau, die er Silvester 1971 ehelichte, zurück ins Haus seiner Ahnen. Im ehemaligen Kohlenkeller befindet sich jetzt seine Dunkelkammer. Digitale Fotografie ist nicht seine Welt. "Ich brauche den Geruch der Dunkelkammer, da ist es auch okay, wenn meine Frau einmal schimpft, weil ich wieder einen Fleck auf dem Pullover habe."

Der gebürtige Dagower drückte in der DDR oft auf den Auslöser, fotografierte das Zeitgeschehen. Jedes Bild entfaltet ein Stück Geschichte. Er knipste mit unbeirrbarem Blick abgerissene Häuser, verfallene Ecken, triste Seiten des Regimes. Und immer wieder Menschen. Zu jedem Bild kann er eine Geschichte erzählen. Meist kuriose. "Hier war die Grenze schon keine mehr, doch der Wachmann hatte noch Dienst, während Kinder um ihn herum spielten", erläutert er eine Fotografie, die am Grenzstreifen zu Neukölln entstanden ist.

Sein Blick war durchaus gewagt, ganz ohne Heile-Welt-Werbung. Nicht alle Kompositionen erfreuten deshalb den SED-Staat. Doch er ließ sich nicht beirren, blieb ruhig, beobachtete, konnte seine Arbeiten in "Spektrum", der progressiven Modezeitschrift "Sibylle", in "Berlin am Morgen" oder bei Verlagen publizieren. Seine Bildsprache habe sich im Laufe der Jahre eher nicht geändert. Darauf lege er eh keinen Wert - auf Schubladen. "Das ist mir egal", erzählt er. "Ich mache mein Ding und will mich nicht mehr ändern."

In seinem Geburtshaus nimmt er mehrere Räume in Beschlag. "Selbst das ist noch zu wenig Platz." Er sammelt. Neben unzähligen Fotografien hat er mehr als 100 Tonbänder in einem Schrank. Lebensgeschichten befinden sich auf ihnen. "Die Menschen hier haben mir in den 1960er-Jahren alles erzählt", sagt er. Ein Dorfarchiv. Wieder Zeitgeschichte.

Mit seiner Frau verbindet ihn der künstlerische Blick. "Wir brauchen uns, um die eigene Arbeit einmal objektiv beurteilt zu bekommen", verrät die Berliner Künstlerin Elli Graetz. Die beiden schätzen Meinung und Rat des anderen. Elli Graetz ist ebenso ruhig wie ihr Mann. Für ihre Kunst sammelt sie Fundstücke. "Ich schaue mich um", erläutert sie. Wenn sie etwas Interessantes findet, fotografiert sie es. So wie ein altes Ofenrohr beim Schlosser. Die Fotografie setzt sie dann mittels Siebdruckverfahren in Strukturen um. Abstrakt ist das allerdings nicht. "Der Ursprung ist immer etwas Konkretes." Durch die Verfremdung entsteht etwas Neues. Ihr Repertoire ist umfangreich: Holzdruck, Monotypie, Siebdruck, Fotografie.

Das Grundstück des Künstlerpaars schmücken zudem ihre Skulpturen. Fische aus Kupferblech in den Bäumen, aus Stein gehauene Gesichter vor ihrem Atelier. "Ich sehe mich aber nicht als Bildhauerin", erzählt die Künstlerin, die sich in diesem Jahr für den Brandenburgischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung bewirbt. "Ich mache das aus Spaß." Demnächst wird sie mit Steinen aus dem Elbsandsteingebirge Kunst formen.

Die Verknüpfung am Tag des offenen Ateliers von Künstlern und Kunsthandwerkern missfällt ihr dabei nicht. Die beiden Richtungen können koexistieren. "Ich sehe das so", setzt Elli Graetz an. "Es gibt gute Kunst, und es gibt gutes Kunsthandwerk." Eines bleibt jedoch gleich: Der Aufwand für den Tag des offenen Ateliers ist groß, die Gespräche mit Besuchern sind nett, aber rentabel seien die Tage nicht. Kaum einer kaufe Kunst, so beide unisono.

In nächster Zeit werden die zwei Dagower Künstler wieder Ausstellungen in der Region eröffnen. Jürgen Graetz stellt ab Freitag, 8. Mai, im Neuglobsower Stechlinseecenter aus. Ab 1. August sind Werke der zwei auf Gut Zernikow zu sehen, Ziegeleipark-Fotografien werden ferner in der Kugelmühle im Mildenberger Industriepark ausgestellt sein.

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