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Die "Aristokraten": Absurdität in Bestform

Drahtseilakt: Die Artistokraten wirbeln durch Berlin.
Drahtseilakt: Die Artistokraten wirbeln durch Berlin. © Foto: promo
Irene Bazinger / 13.01.2014, 18:55 Uhr
Berlin (MOZ) Mozarts "Kleine Nachtmusik" hat man schon in allen Varianten gehört - aber wohl kaum von fünf Blockflöten gespielt. Und nicht von einem einzigen Menschen, der diese allesamt gleichzeitig bedient! Das geht nicht? Da haben Sie Gabor Vorsteen noch nicht gesehen.

Der verfügt nicht nur über fünf solcher Blasinstrumente in rot, die harmonisch zu seiner roten Fliege passen, er kann auch mit dreien von ihnen im Mund und einer in jedem Nasenloch etwas anstellen, was unverkennbar nach der berühmten Serenade Nr. 13, KV 525, klingt.

Das ist unfassbar, verrückt und begeisternd, und doch nicht das einzige Glanzstück in der neuen Show "Winter Circus Wonderland". Die phantastische Berliner Zirkustruppe "Die Artistokraten" zeigt sie im Pfefferberg-Theater, einer im Herbst eröffneten Gastspielbühne in Prenzlauer Berg, und erinnert grandios an eine Zeit, die es mit ihren Schneeflocken, vereisten Fenstern und spiegelglatten Böden bereits geraume Weile nicht gegeben hat.

Schneehell sind demnach also die Kostüme und mit Absicht nicht recht warm, denn was die Artisten hier in der Regie von Nicole Kehrberger und Detlef Winterberg bieten, ist schweißtreibend genug: Akrobatik in Reinkultur, Absurdität in Bestform und Rasanz im Überschwang.

Als clownesk aufgedrehter Zeremonienmeister lotst Martin van Bracht durch den dramaturgisch gut gebauten und kunterbunten Abend, macht auf zickige Discoqueen mit Lametta-Stola, der tapfere Zuschauer zum Mitturnen verlockt. Felix Ahlert als weißer Hase liefert sich mit ihm tollkühne akrobatische Duette, wie auch Kathrin Mlynek und Christine Ritter gemeinsam halsbrecherische Luftakrobatik und die hohe Schule im Umgang mit Hula-Hoop-Reifen vorführen: Zwei Synchronturnerinnen, die sich betörend flott und stilvoll über die Schwerkraft hinwegschaukeln. Henrik Lüderwaldt und Thomas Endel jonglieren in derart atemberaubenden Tempo mit silbernen Kegeln, dass sie wie tiefgefrorene Fische aussehen, und die beharrlich schwedisch plappernde Silea legt beiläufig einen Spagat auf das Stahlseil, auf dem sie gerade noch beschwingt herumtanzte: "Skål!" ist dann zum vergnüglichen Abschluss ihr letztes Wort.

So unterschiedlich wie die Nummern ist die Musik dazu, ob sie von Antonio Vivaldi, Richard Strauss, Elvis Presley oder Björk stammt - oder ob Väterchen Frost mit einem fröhlichen Kälte-Rap die Stimmung anheizt. Mal steht eine schwebende Tuba im Mittelpunkt oder es wird heiter-hinterhältig gezaubert, mal versucht sich ein Musiker als lebende Jukebox oder ein Sirtaki weckt blumige Träume vom nächsten Frühling.

"Die Artistokraten" haben sich viel einfallen lassen und bringen es famos, elegant und herrlich unterhaltsam auf die Bühne. Bei einer solchen Palette an Menschen, Tricks und Attraktionen verbietet sich der Ausdruck Kleinkunst, handelt es sich doch um exquisite circensische Großtaten.

Bis 9.3., Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176, Berlin-Prenzlauer-Berg, Karten: 030 44354870

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