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Urs Rechn: "Das Grauen liegt auf der Tonspur"

Freut sich über den Preis: Schauspieler Urs Rechn beim Festival in Cannes
Freut sich über den Preis: Schauspieler Urs Rechn beim Festival in Cannes © Foto: privat
Thomas Klatt / 26.05.2015, 11:55 Uhr - Aktualisiert 26.05.2015, 19:43
Cannes (MOZ) Das KZ-Drama "Son of Saul" des ungarischen Regisseurs László Nemes, in dem der Deutsche Urs Rechn (37) eine der Hauptrollen spielt, erhielt den Großen Preis der Jury. Rechn ist freier Schauspieler in Berlin, lebte vorher jedoch viele Jahre in Cottbus. Thomas Klatt sprach mit ihm.

Herr Rechn, sind Sie überrascht über den Erfolg des Filmes in Cannes?

Dass "Son of Saul" ein besonderer Film ist, war mir schon klar. Dass er den zweitwichtigsten Preis bei diesem Festival bekommt, hätte ich nicht gedacht, zumal "Son of Saul" ein Debütfilm ist.

Wie ist der Film in Cannes aufgenommen worden?

Unterschiedlich. Es gab viel positive Reaktion bei der französischen Kritik. In den USA, in China, Japan, Israel und Österreich ist der Film auf große Resonanz gestoßen. Sony hat bereits die Rechte für die USA und Kanada erworben. Die deutsche Presse und die Vertreter der Branche haben sich ziemlich zurückgehalten.

Woran liegt das?

Da muss auch ich rätseln. Der Film spielt 1944 im KZ Auschwitz. Nemes und sein Kameramann Mátyás Erdély haben dafür eine besondere Sichtweise gefunden. Sie zeigen das Leben eines Häftlings, der in einem Sonderkommando arbeitet und die Toten wegräumen muss. Er findet dabei einen sterbenden Jungen, in dem er seinen Sohn erkennt, den er nach jüdischem Ritual beerdigen will. Das brutale Leben und Sterben in einem KZ ist im Hintergrund durch unscharfe Bilder durchweg erlebbar. Das Grauen wird im Wesentlichen aber auf der Tonspur vermittelt, was dem Film, der mit der Handkamera gedreht wurde, eine große Beklemmung gibt. Es wird gebrüllt, geröchelt und kommandiert. Durch das 1:1,3-Format entsteht eine besondere Bildästhetik. Der Film füllt die Leinwand nicht aus, man sieht wie durch ein Schlüsselloch. Es gibt keine süßen Geigen und kein großes Orchester. Er ist anders gemacht als zum Beispiel "Nackt unter Wölfen" von 1963, der natürlich auch ein großartiger Film ist.

Vielleicht haben die Deutschen zu viel Angst, im Umgang mit ihrer eigenen Geschichte unkorrekt zu sein. Der Film ist aber nicht unkorrekt, sondern löst sogar die gewöhnliche Rezeption dieses Menschenverbrechens auf und gibt Raum für universelle Überlegungen über Schuld und Ethos. Selbst "Shoa"-Regisseur Claude Lanzmann hat ihn sehr gelobt.

Sie spielen einen Oberkapo im KZ. Eine negative Figur.

Anfangs schon. Die Figur macht aber einen subtilen Prozess der Wandlung durch, der auch einen wichtigen Angelpunkt im Handlungsverlauf beschreibt. Aber es geht ja nicht um mich. Der Film ist aufwühlend und bringt Dinge hoch, die wir manchmal schon vergessen haben, vielleicht noch nie gedacht haben. Filme zu diesem Thema werden immer wieder benötigt. Ich habe ihn in Cannes zum ersten Mal komplett gesehen. Er geht sehr unter die Haut.

Was drehen Sie derzeit?

Ich drehe in einer Nebenrolle eine Produktion für die ARD Degeto. Der Film soll "Die Informantin" heißen und spielt im Milieu der Organisierten Kriminalität. Mal sehen, wie's weitergeht ...

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