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Inklusionsprojekt "Ich will mein Leben zurück" über psychische Erkrankungen tritt am Donnerstag, 18 Uhr, im Theater Frankfurt auf.

Therapeutisches Theater

"Sie müssen ihre Tabletten nehmen": Die Darsteller der Theatergruppe "B-Rührung" haben sich in einem inklusiven Schauspielprojekt mit ihren psychischen Beeinträchtigungen und ihrem Alltag auseinandergesetzt.
"Sie müssen ihre Tabletten nehmen": Die Darsteller der Theatergruppe "B-Rührung" haben sich in einem inklusiven Schauspielprojekt mit ihren psychischen Beeinträchtigungen und ihrem Alltag auseinandergesetzt. © Foto: MOZ
Thomas Gutke / 09.06.2015, 04:32 Uhr - Aktualisiert 09.06.2015, 15:01
Frankfurt (Oder) (MOZ) Am Theater Frankfurt stehen am Donnerstag Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen auf der Bühne. In einer Szenencollage setzen sie sich auf sehr persönliche Art und Weise mit den oft beklemmenden Grenzen ihrer Lebenswelt auseinander.

"Ich will mein Leben zurück", sagt einer der Schauspieler auf einem Podest. Ein anderer: "Mein Leben ist nicht fortgegangen, es hat sich nur versteckt." Nächste Szene: Ein Betreuer streckt einer Klientin einen Teller entgegen. "Sie müssen ihre Tabletten nehmen. Es ist 18 Uhr." Doch etwas in ihr sträubt sich. "Ich nehme seit vier Jahren sieben Tabletten, und zwar einmal um 6 Uhr und einmal um 18 Uhr", sagt sie. Zusammengerechnet ergebe das 20 454 Tabletten - es ist ein pharmazeutischer Wahnsinn.

"Ich will mein Leben zurück", heißt das selbst produzierte Theaterstück von "B-Rührung". Die kleine Gruppe ging aus dem inklusiven Schauspielprojekt des Theater Frankfurt hervor, das seit mehr als einem Jahr Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen mit professionellen Schauspielern, Schülern und Studenten zusammenbringt. Die nun entstandene Szenencollage ist dabei so etwas wie ein Spiegel aus dem Innenleben der Spielenden. Und sie wirft ein Schlaglicht auf die Lebensumwelt der Klienten, aus deren therapeutischem Kreislauf sich nur schwer ausbrechen lässt.

Das auf drei Jahre angelegte Inklusionsprojekt läuft bereits seit März 2014. Finanziell gefördert wird es von der Aktion Mensch. Einmal in der Woche treffen sich rund 20 Frauen und Männer mit psychischen Erkrankungen und im Alter von 20 bis 60 Jahren im Theater in der Sophienstraße. "Bei den Teilnehmern handelt es um Menschen aus der Psychiatrie der Wichern-Diakonie, unserem Kooperationspartner, mit dem wir sehr gut zusammenarbeiten. Es machen aber auch andere Bürger aus Frankfurt und Slubice mit psychischen Auffälligkeiten mit, die das Projekt für sich nutzen", erklärt Frank Radüg, Projektleiter und Leiter des Theater Frankfurt. Unterstützung erhält er nicht nur von Wichern und den dortigen Betreuern, sondern auch von Schüler des Liebknechtgymnasiums und von Studenten der Viadrina. "Die Idee war, dass Schüler und Studenten Patenschaften für Klienten übernehmen und umgekehrt. Es ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe", erzählt Frank Radüg. Die Paten sollen Verantwortung füreinander übernehmen, beispielsweise beim Soufflieren, dem Einsprechen des Textes, wenn den Schauspielern die Worte fehlen.

Das Vertrauen ineinander ist inzwischen groß. So werden die Laiendarsteller des Projektes auch bei anderen Aufführungen des freien Theaters mit eingebunden. "Sie unterstützen uns im technischen Bereich", sagt Radüg. Neben "Ich will mein Leben zurück" erarbeitet die Gruppe darüber hinaus derzeit noch an einem weiteren Stück, einer zeitgemäßen Variante von "Max und Moritz".

Einen Großteil der Proben nehmen Konzentrations-, Balance- und Ausdauerübungen ein. Denn: "Es geht auch darum, dass die Akteure die Grenzen ihres Körpers erfahren und so ein Stück weit die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen."

Der Entzug von Kontrolle in psychiatrischen Einrichtungen ist das zentrale Thema der Szenencollage. Nicht zuletzt deshalb, weil die Gruppe einen Großteil der Themen, Ideen und Texte selbst lieferte. Neben der Angst davor, nie mehr ein eigenverantwortliches Leben führen zu können, setzen sich die Darsteller etwa auch mit dem Missbrauch von Medikamenten oder dem Umgang mit schizophrenen Zügen auseinander.

Dass die Bühne eine therapeutische Wirkung haben kann, davon ist Frank Radüg überzeugt. Fortschritte bei einzelnen Klienten seien unübersehbar, beispielsweise in Sachen Konzentrationsfähigkeit, Selbstdisziplin und körperliche Fitness. Umgekehrt habe das Projekt aber auch viele Fragen für ihn aufgeworfen, "Fragen nach den Mechanismen des Sozialdienstes und therapeutischen Konzepten", meint er.

Erstaufgeführt wurde das Stück während einer Psychiatrie-Tagung in Erkner - und dort begeistert aufgenommen. Inzwischen hat das Inklusionsprojekt mehrere Einladungen aus dem gesamten Bundesgebiet erhalten. Zunächst tritt die Gruppe jedoch an diesem Donnerstag, dem 11. Juni, im Theater Frankfurt im Rahmen der 25. Kinder- und Jugendtheatertage auf. Beginn ist um 18 Uhr.

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