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Stiftungspräsident Parzinger verteidigt Konzeption des Humboldt-Forums / Museen und Herkunftsländer teilen kulturelles Erbe

MOZ-Interview zum Schloss-Richtfest: "Kolonialer Kontext ist nicht gleich Unrecht"

Hermann Parzinger
Hermann Parzinger © Foto: dpa
André Bochow / 12.06.2015, 07:35 Uhr
Berlin (MOZ) Berlin erlebt heute das Richtfest für das Schloss. Ab 2019 wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) mit ihren außereuropäischen Sammlungen Hauptnutzerin des Humboldt-Forums sein. Über die zu erwartenden Exponate sprach André Bochow mit Stiftungspräsident Hermann Parzinger.

Herr Parzinger, welche Teile der Ausstellungen bleiben in Dahlem?

Die Ausstellungen des Ethnologischen Museums und das Museums für Asiatische Kunst in Dahlem werden geschlossen, das Museum Europäischer Kulturen wird weiterhin dort seine Dauer- und verschiedene Sonderausstellungen zeigen. Zudem verbleiben die Depots des Ethnologischen Museums bis auf Weiteres am Standort Dahlem.

Was wird aus den Gebäuden und Räumen in denen sich jetzt Ausstellungen befinden, die dann in das Humboldt-Forum umziehen?

Über die endgültige Nachnutzung der Dahlemer Museumsräume ist es noch nicht entschieden. Es gibt aber intensive Gespräche mit dem Land Berlin und der Freien Universität.

Werden im Schloss auch Exponate präsentiert, die bislang nicht gezeigt werden konnten?

Im Humboldt-Forum werden Ausstellungen aller Sammlungen der beiden Museen gezeigt, auch solche, die in Dahlem noch nie zu sehen waren: zum Beispiel Objekte der Kulturen Amazoniens oder Südostasiens oder die Höhle der Sieben Schwertträger von der Seidenstraße.

Wird es bei den Ausstellungen konzeptionelle Überarbeitungen geben?

Im Humboldt-Forum ergibt sich erstmals die Möglichkeit, alle Ausstellungen mit einem gemeinsamen Konzept auszustellen, während in Dahlem die Ausstellungen seit der Eröffnung 1969 sukzessive erneuert wurden. Für die Eröffnung im Humboldt-Forum werden die regionalen Ausstellungen nach bestimmten Themen konzipiert. Zum Beispiel Medizin, Religion, Kolonialismus, Sammlungsgeschichte. Verdichtete Schaumagazine geben dem Publikum einen Eindruck von der Fülle der Sammlungen. Bestimmte Räume sind explizit der Publikumsarbeit gewidmet. In sogenannten Treffpunkten, die innerhalb der Ausstellungsflächen untergebracht sind, können sich die Besucher in die Inhalte vertiefen, an Workshops teilnehmen, kleinere Sonder-Präsentationen sehen oder einfach zur Ruhe kommen. Die Ausstellungen werden auf verschiedene Arten kontextualisiert, um den Bedürfnissen unterschiedlicher Publikumsgruppen zu entsprechen. Nicht zuletzt liegt den Ausstellungen im Humboldt-Forum das Prinzip der Multiperspektivität zugrunde: Nicht nur die Museumskuratoren erzählen die Geschichten. Die Konzeption der Inhalte erfolgt unter aktiver Mitwirkung verschiedener Öffentlichkeiten, vor allem auch unter Beteiligung von Mitgliedern der Herkunftskulturen der Objekte. Dies gewährleistet zudem eine Einbettung der (meist) historischen Objekte in zeitgenössische, globale Zusammenhänge.

Sie haben den Kolonialismus schon erwähnt. Bekommen Sie Rückgabeforderungen für einzelne Exponate aus Ursprungsländern?

Wir recherchieren die Provenienzen intensiv und mit Hochdruck, vor allem auch wie die Objekte zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert nach Berlin gelangt sind. Aber wir sagen auch: Pauschalisierungen gehen an der Sache vorbei. Kolonialer Kontext heißt nicht gleich Unrecht. Eine solche Haltung verkennt die wirkliche Geschichte der Berliner Museen, die stets durch einen universalen Ansatz des Sammelns gekennzeichnet war. Die Objekte wurden dabei über ein weltweites Netzwerk von Sammlern und Ankäufern erworben. Dies schließt freilich nicht aus, dass einzelne Bestände möglicherweise auch einmal nicht rechtmäßig erworben worden sein können. Das aufzuklären, ist unser aufrichtiges Anliegen mit der Provenienzforschung. Zeitnah zum Richtfest legen wir eine Grundhaltung der SPK zum Umgang mit unseren außereuropäischen Sammlungen vor. Darin bekennen wir uns ganz klar zu einem völlig neuen Modell des Shared Heritage (geteiltes Erbe) mit den Herkunftsgesellschaften, sagen aber auch, dass in begründeten Einzelfällen auch Rückgaben in Betracht gezogen werden können.

Nach wie vor gibt es aber Kritik. Das Bündnis "No Humboldt 21" verlangt ein Moratorium für das Humboldt-Forum. Wie sieht es seitens der staatlichen Museen mit einem Dialog aus?

Die Stiftung ist offen für den Dialog mit Kritikern. Letztlich suchen wir für das Forum auch den kritischen Diskurs. Gleichzeitig verwahren wir uns gegen die pauschalisierende Unterstellung, dass wir koloniales Unrecht ignorieren. Genau das tun wir nicht. Dass unser Weg der Aufklärung richtig ist, hat inzwischen auch das Kampagnenbündnis anerkannt, in dem sie zum Beispiel unsere Grundhaltung zum Umgang mit human remains (menschliche Überreste) deutlich gelobt hat.

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