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Der frühe Vogel weckt zum Konzert

Gut bewacht zur Schäfernacht: Mit Pudeldame Irma haben sich Frieda (von links), Simone und Ulf Grieger schnell angefreundet. Dass es bald gewittern würde, wussten die Drei zum Abendbrot bereits
Gut bewacht zur Schäfernacht: Mit Pudeldame Irma haben sich Frieda (von links), Simone und Ulf Grieger schnell angefreundet. Dass es bald gewittern würde, wussten die Drei zum Abendbrot bereits © Foto: MOZ
Ulf Grieger / 11.07.2015, 05:00 Uhr
Kienitz-Nord (MOZ) Dort einmal übernachten - wie das wohl ist? Diese Frage stellt sich so mancher beim Anblick ebenso reizvoller wie ungewöhnlicher Orte. In einer Sommerserie machen MOZ-Redakteure den Test und berichten über ungewöhnliche Schlaforte. Heute: Eine Nacht im Schäferwagen auf dem Erlenhof in Kienitz-Nord.

"Werden wir dort von den Schäfchen geweckt?" Die vierjährige Frieda Sophie kann schon in der Nacht vor dem Test kaum schlafen vor Aufregung. Wir als Eltern wissen es auch nicht. Wir haben zwar Campingerfahrung, aber die liegt schon etwas zurück. Als es dann so weit ist und das Kind auf den Erlenhof kommt, steht es aber zunächst nicht einem der Skudden-Schafe gegenüber, sondern Irma. Einer großen blonden Hütehündin, die derzeit noch mit ihrer schwarzen Mutter Emmi die Hundeschule Kiehnwerder absolviert. Es ist der Beginn einer Freundschaft. Denn Schafpudel Irma wird fortan Friedas treue Begleiterin auf dem Hof sein.

Den Schäferwagen, den wir beziehen, hat ein süddeutscher Stellmacher nach dem Vorbild eines Originals gebaut, das daneben steht und in dem einst tatsächlich noch Wanderschäfer gewohnt haben. "Den Originalwagen wollen wir einmal zum Kinderwohnwagen machen", erzählt Erlenhof-Wirt Karl-Heinz Brunat. Ein Detail zeigt, wie durchdacht und funktionell die leichten, aber sicheren Wagen sind. So hat das alte Gefährt eine separate Luke für den Schäferhund. Ein Mini-Ofen sorgt selbst im Winter für wohlige Wärme, weiß Brunat.

In dieser Nacht wird der aber nicht gebraucht. Es ist schwülwarm, die Meteorologen warnen vor Sturm und Gewitter. "Wenn es Ihnen zu unheimlich wird, können Sie auch gern in die Blockhütte umziehen", bietet Barbara Brunat, die mit ihrem Mann vor gut zehn Jahren das Anwesen erworben hatte, vorsorglich an. Das ist zwar beruhigend. Aber die Schäfer, die einst mit ihren Herden über Land zogen, mussten ja auch mit jedem Wetter klar kommen.

Das Innere des Wägelchens ist schlicht, aber liebevoll eingerichtet. "Schäfchenträume" steht auf der Bettwäsche, ein Wollkuschelschäfchen gehört dazu. Das Kind ist aber schon mit Hundefreundin Irma bei den Schafen. Da treffen gleich mehrere Neugierige aufeinander. Die Kontaktaufnahme erleichtert sich mit Futtergaben beträchtlich. Geduldig erklären Karl-Heinz und Barbara Brunat, wie man am besten mit den Schafen umgeht, die alle auf Namen hören, die mit einem "L" anfangen.

Der Hausherr war beruflich viel im Oderbruch. So entstand der Wunsch, sich dort den Alterssitz zu schaffen. Inzwischen haben Brunats mit Schäferwagen und Blockhütten Übernachtungsmöglichkeiten für 15 Personen geschaffen. Die kommen übers Internet auf die Idee, dort einzukehren und genießen die glückliche Verbindung von auserlesenen Speisen, spartanisch-romantischer Einfachheit und sanitärem Luxus mit peinlich sauberen Toiletten und Waschgelegenheiten. Im zweiten, etwas größeres Schäferwagen erlebt dies ein Paar aus Pankethal gerade. Die 50-jährigen Randberliner haben sich vorgenommen, mit Freunden auf dem Oder-Neiße-Radweg nach Usedom zu kommen. Zuvor aber radeln sie alles ab, was es im Oderbruch so zu sehen gibt. Tipps dafür bekommen sie jetzt von uns jede Menge. Vom Erlenhof schwärmen sie und versichern, nicht zum letzten Mal dort eingekehrt zu sein.

Bevor das erste Donnergrollen das Gewitter ankündigt, wird dem gesunden Landleben gehuldigt. Mit Käse aus Schafmilch, der sowohl vom Erlen- als auch vom Quappenhofer Pimpinellen-Hof stammt, frischem Obst und Gemüse sowie Lammleberwurst.Selbst das Geschirr zieren Schäfchenmotive. Und da die Wirtsleute aus Süddeutschland kommen, ist der Wein erlesen.

Frieda unter die Schäfchenbettdecke zu bekommen, wird leichter als gedacht. Es blitzt und schon prasselt der Regen beruhigend auf das Holzdach. Eine kurze Vorlesegeschichte, und sie schläft. Selbst, als ein gewaltiger Donner scheinbar den Wagen zu rütteln beginnt, wacht sie nicht auf. Und auch wir lassen uns vom Rauschen der Blätter und dem Windgeheul einschläfern. Die obere Wagenluke kann offen bleiben, denn die Schlafstatt steht optimal und geschützt. Regenfrische Luft strömt hinein, von Plagegeistern wie Mücken und Wespen keine Spur. Geweckt werden wir drei Wagentester, als gegen 4 Uhr jemand anklopft. Es ist ein Vogel, der vom Dach Insekten abpflückt. So erleben wir das Konzert des anbrechenden Tages mit Hähnekrähen, Kranich- und Adlerrufen. Eine entspannte, tolle Nacht. Die ersten Schäfchenrufe sind erst ab 7.30 Uhr zu hören. Und das auch nur, weil Frieda natürlich ihre neuen Freunde begrüßen muss, die sich wohl daran erinnern, dass diese Freundschaft mit Futtergaben geschlossen wurde.

In der geräumigen Blockhütte, die Brunats schon vom Vorbesitzer übernommen haben, scheint die Morgensonne auf den Frühstückstisch. Die Marmeladen sind hausgemacht und in diesen Kombinationen ebenso interessant wie lecker: Kirschen-Rosmarin, Aprikose-Holunderblüten, Vierfrucht mit Brombeer, rote und schwarze Johannisbeere sowie Himbeer. Ein Lachsschinkensalat sowie diverse Schafmilchprodukte aus eigener Produktion machen das Frühstück zum Fest.

Frieda allerdings hat kaum einen Blick dafür. Hastig schluckt sie Kakao und Brötchen runter, um gleich darauf Barbara Brunat mit Fragen zu bestürmen: "Kannst du wirklich spinnen?" Spinnräder kennt sie aus dem Märchen und deshalb schielt sie argwöhnisch nach der Spule, auf die Lottes Wolle gerollt ist. Die Wirtin nimmt die Spule heraus und zeigt, dass die gar nicht so spitz ist, dass sich ein Mädchen stechen könnte. Nur eine Druckstelle hinterlässt der Stab.

Bevor sich Frieda aber über die Wahrhaftigkeit von Märchen äußern kann, bleibt ihr der Mund offen stehen: Sie staunt über die Spinnvorfühung von" "Tante Bärbel".

Kennen oder haben Sie ungewöhnliche Schlaforte? Rufen Sie an oder schreiben uns, Tel. 03346 472, E-mail: seelow-red@moz.de, Info "Erlenhof" unter http://s363587941.website-start.de/

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