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Auf Spurensuche in den Samariteranstalten

Besuch aus Amerika: Elizabeth Hamilton zeigt Paul-Gerhardt Foget, theologischer Vorstand der Samariteranstalten, ihr Lieblingsfoto aus dem Bildband.
Besuch aus Amerika: Elizabeth Hamilton zeigt Paul-Gerhardt Foget, theologischer Vorstand der Samariteranstalten, ihr Lieblingsfoto aus dem Bildband. © Foto: MOZ/Sonja Jenning
Sonja Jenning / 24.07.2015, 19:22 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Ihre Augen unter der dunklen, akkuraten Ponyfrisur fixieren den Betrachter. Ebenso ernst wie selbstbewusst schaut sie in die Kamera, während sie auf der Schaukel Schwung holt. Der dunkle Mantel öffnet sich, gibt den Blick frei auf eine geblümte Bluse, einen kurzen Rock, stämmige Beine. "Sie lebt in ihrem Körper, auch wenn der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Das hat der Fotograf aufgenommen, und ich finde es sehr schön", sagt Elizabeth Hamilton über ihr Lieblingsfoto auf Seite 42 des Bildbandes "Was für eine Insel in was für einem Meer. Leben mit geistig Behinderten", der Mitte der 1980er- Jahre im Rostocker HinstorffVerlag erschienen ist.

Das Buch ist der Grund für den Besuch der Professorin für Germanistik und Deutsche Literatur am Oberlin-College im US-Bundesstaat Ohio bei den Samariteranstalten in Fürstenwalde. Im Rahmen ihrer Forschungen auf dem Gebiet der Darstellung behinderter Menschen in der Kunst, in der Literatur, im Film und allgemein in den Medien fiel ihr der Bildband mit Texten von Franz Fühmann und Fotos von Dietmar Riemann in die Hände, der 1981 in den Anstalten entstanden ist. Das Interesse an dem Buch sei in akademischen Kreisen sehr groß, berichtet Elizabeth Hamilton. "Es gibt so gut wie keine vergleichbaren Werke, die Fotos sind realistisch, sie dokumentieren den Alltag, ohne die Porträtierten als Kuriositäten auszustellen. Das finde ich sehr beeindruckend."

Aus der Faszination für das Buch entstand das Projekt, es ins Englische zu übersetzen, um einen Einführungstext sowie Erläuterungen zu ergänzen. Beim Mitteldeutschen Verlag bestehe Interesse, eine zweisprachige, kritische Ausgabe herauszugeben, berichtet die US-Amerikanerin. Das Konzept müsse aber noch erstellt werden. Und zunächst wollte sie den Originalschauplatz besuchen und erfahren, was aus den Samariteranstalten und den Menschen von damals geworden ist. 13 von ihnen hat sie jetzt in Fürstenwalde getroffen, am Sonnabend ist sie zu Gast beim Fotografen Dietmar Riemann im baden-württembergischen Mosbach.

"Ich bin sehr dankbar für diese Gespräche. Die Menschen waren sehr offen und bereit, sich zu erinnern. Es war, als blättere man mit ihnen in einem Familienalbum." Schon jetzt habe sie eine neue Sicht auf ihr Projekt gewonnen. "Die Einführung, die ich bislang geschrieben habe, wirkt nach diesen Erlebnissen sehr trocken. Ich möchte den Begegnungen mit den Menschen einen Platz geben, sie nicht nur erwähnen, sondern anerkennen", sagt die Professorin. Denn durch sie habe der Begriff "Behinderte" Gesichter und Geschichten bekommen. "Ich werde meinen Text neu schreiben, nicht nur für eine akademische Leserschaft in den USA, sondern auch für die Menschen in Fürstenwalde", verspricht Elizabeth Hamilton.

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Samariteranstalten Elizabeth Hamilton Spurensuche Franz Fühmann Ponyfrisur

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