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Anatomiekurs sorgt für neuen Ärger um Museum des Leichenplastinators

„Junior-Doktor“-Kurs: Medizin-Student Daniel Wobetzky (M.) erläutert einer Gruppe von Kindern die Anatomie des Menschen.
„Junior-Doktor“-Kurs: Medizin-Student Daniel Wobetzky (M.) erläutert einer Gruppe von Kindern die Anatomie des Menschen. © Foto: dpa
Gisela Gross / 03.02.2016, 19:31 Uhr
Berlin (dpa) Der Bezirk Mitte will das Menschen-Museum des Plastinators Gunther von Hagens am Alexanderplatz schon lange loswerden. Während der Rechtsstreit ins zweite Jahr geht, erhitzen nun Anatomiekurse für Kinder die Gemüter.

"So hat die Lunge auszusehen und nicht so." Medizinstudent Daniel steht im weißen Kittel in den abgedunkelten Räumen des Menschen-Museums von Leichenplastinator Gunther von Hagens. Vor ihm: eine Vitrine mit menschlichen Lungen. Ein Kinder-Grüppchen hängt an seinen Lippen, ebenfalls fotogen mit Arztkittel, Stethoskop und Mundschutz um den Hals. Welches der Exponate die gesunde Lunge ist, können auch Laien erkennen: die pralle, strahlend weiße neben der vom Rauchen etwas verschrumpelten, schwarz verfärbten.

Die Empörung war groß, als das umstrittene Museum ankündigte, in den Ferien "Junior-Doktor"-Kurse anzubieten. Kirchenvertreter äußerten sich entsetzt über das "schädliche" Angebot. Ein Affront auch für den Bürgermeister von Mitte, Christian Hanke (SPD): Er zeigte sich schockiert, kämpft er doch erbittert gegen das Museum.

Erstmals stimmte im Dezember ein Gericht der Auffassung des Bezirks zu, dass die Körper auch nach dem Konservierungsverfahren als Leichen zu sehen sind und bestattet werden müssten. Auch kamen die Richter zu dem Schluss, dass das Museum angesichts anonymisierter Exponate die Einwilligung der Spender nicht nachweisen könne. Ein schwerer Schlag für von Hagens, der bei früheren Streits um seine "Körperwelten"-Schauen stets als Sieger vom Platz gegangen war.

Anders beim Berliner Urteil: Demnach braucht das Museum eine Genehmigung. Die will Mitte nicht erteilen. Jetzt haben die Betreiber Klage eingereicht. Solange der Rechtsstreit läuft, bleiben die Tore am Alex offen. "Wir kämpfen bis zum Schluss", sagt Kuratorin Angelina Whalley, von Hagens' Ehefrau. Es gehe um nicht weniger als um ihr Lebenswerk. Den Kinderkurs verfolgt sie am Mittwoch genau. Einen gesitteten Ablauf zu demonstrieren, dürfte dieser Tage wichtig sein.

Tatsächlich kommt der von Kritikern als "Leichenfleddern" titulierte Kurs recht harmlos daher. Der angehende Mediziner macht nach einer Einführung einen Rundgang mit den Kindern. Er zeigt etwa Knochen, Herz und Lunge. Der Großteil der 200 Einzelexponate sieht aus wie eine sehr detaillierte Nachbildung, nur etwa 20 davon sind ganze Körper.

Um das Thema Schwangerschaft, in der Schau durch einen Vorhang abgetrennt, macht der Kursleiter einen Bogen. Kein Skandal, nirgends. Auch Schulklassen und Eltern mit Kindern sind im Museum unterwegs. Auf etwa ein Viertel schätzt Whalley den Kinderanteil unter den bisher mehr als 160 000 Besuchern.

Das Schwangerschafts-Tabu ist dem Vater einer Siebenjährigen wichtig. "Bei dem Thema ist sie außen vor. Alles andere ist sie von klein auf gewohnt." Er arbeite im Rettungsdienst, seine Frau im medizinischen Bereich, die Tochter wolle Ärztin werden. Ähnlich bei einer elfjährigen Erfurterin, die sich nach den Worten ihrer Mutter für Gerichtsmedizin begeistert und zu Hause Spielzeug-Skelette zusammensetzt.

Den Ärger um das Museum können die Eltern nicht nachvollziehen: "Mein Gott, dann sollen sie auch den Bio-Unterricht verbieten", sagt eine Frau, die mit ihrem Enkel gekommen ist. In den Ferien sei sie bisher jeden Tag mit ihm in Museen gegangen: "Man muss etwas bieten." Dass auch über Gesundheitsgefahren wie das Rauchen aufgeklärt wird, begrüßt sie sehr und fügt lachend an: "Die sollten auch zeigen, wie sich Spielkonsolenfinger verändern."

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