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Steinkohle oder Steilwandzelt

Anna Fastabend / 10.08.2015, 06:55 Uhr
Eichhorst (MOZ) Campen ist wieder modern. Im vergangenen Jahr haben die 172 Brandenburger Plätze bei den Übernachtungen erstmals die Millionenmarke geknackt. Viele Camper sehnen sich in ihrem Urlaub nach Ruhe und Einfachheit wie Ehepaar Lehrmann. Andere nach einem Abenteuer in der Natur wie die Wilhelms.

Mitten im Kiefernwald von Familiencamping am Ruhlesee taucht plötzlich ein von mannshohen Hecken umzäuntes Grundstück auf. Die Terrasse ist überdacht, die Seiten mit schiebbaren Plexiglasplatten abgeschirmt. Hinter dem schmalen Gartentor steht Bernd Lehrmann in Badehose. Der 74-Jährige Berliner ist eine stattliche Erscheinung: Großgewachsen, kräftiger Händedruck, 1980er-Pilotenbrille auf der Nase - ein Macher, der nicht lange fackelt. "Sie kommen völlig ungelegen", sagt er zur Begrüßung, lächelt dann aber verschmitzt. Freut sich doch über die Abwechslung an einem immer gleichen Ferientag. "Meine bessere Hälfte kocht Hühnchen mit Kartoffeln und Mischgemüse. Und ich muss die mobile Kühlbox in Gang bringen. Unsere sächsischen Übernachtungsgäste trinken ihr Bier lieber kalt."

Bernd und Anita Lehrmann sind waschechte Dauercamper. Sie sind seit 1987 zu Gast und kennen den Platz damit länger als seine heutigen Betreiber. Was für sie mit einem Bastei, einem zu DDR-Zeiten typischen Wohnwagen begann, endete nach der Wende in einem Bungalow, dessen Grundgerüst ein alter Bauwagen ohne Räder ist. "Auf dem Gelände standen vor der Wende 40 Betriebsbungalows", erinnert sich Bernd Lehrmann. Dort hätten verdiente Leute aus dem Tal der Ahnungslosen Urlaub gemacht, einem Bereich in Sachsen, der kein Westfernsehen empfangen konnte. "Die haben sich über die riesigen Antennen auf den Bungalows gefreut wie kleine Kinder."

Der gelernte Handwerker hat nichts gegen Veränderungen - im Gegenteil. Weder stört ihn die Modernisierung des Platzes, zu dem auch eine Wasserskianlage gehört. Noch hat er den DDR-Bungalow so gelassen wie er ist. Stattdessen hat er ihn sich durch umfangreiche Umbauten ganz zu Eigen gemacht. "Ein Badezimmer mit Dusche, die Innenräume vollständig mit Kiefernholz ausgekleidet, die neue Heizungsanlage", zählt er als einen Teil der Renovierungsarbeiten auf. Mit Dekorationsgegenständen wie Plastikweintrauben, die von der Verandaüberdachung hängen, und Geweihen aus Polen im Wohnzimmer hat das Ehepaar den ehemaligen Bauwagen in ein schmuckes Häuschen verwandelt. Kein Wunder: Schließlich verbringt es fast den ganzen Sommer am Ruhlesee - und nirgendwo anders. "Seit ich älter als Steinkohle bin, möchte ich Deutschland nicht mehr verlassen", erklärt Dauercamper Lehrmann.

Da tickt Ehepaar Wilhelm aus Viersen bei Düsseldorf anders. Die ehemaligen Lehrer sind seit jeher abenteuerlustig. "Wir sind so richtige Alt-68er", erklärt Bernd Wilhelm, "wir müssen immer etwas Neues sehen." Und seine Frau ergänzt: "Schon während der Studienzeit sind wir dauernd herumgereist. Damals mit unserem VW-Käfer und einem Steilwandzelt." Ungebunden zu sein und die Route permanent ändern zu können, das sei einfach ihr Ding, erzählen beide.

Im Campingparadies Berolina am Werbellinsee lassen sie nun ihr diesjähriges Sommerabenteuer ausklingen. Und haben das Glück gehabt, den letzten Platz in der ersten Reihe mit Blick auf den Werbellinsee ergattert zu haben. Das Ehepaar hat das Dach ihres VW-Busses kaum hochgeklappt, da balgt ihr Jack-Russell-Terrier Emma schon mit dem ersten anderen Hund. Doch die Wilhelms nehmen es gelassen. Überhaupt scheinen beide die Entspannung in Person zu sein - zwei richtige Sonnenscheine, die dankbar dafür sind, was sie schon alles erleben durften.

Für diesen Sommer hatten sie sich etwas Besonderes ausgedacht. "Wir haben eine Rundreise durch die Slowakei gemacht", sagt Claudia Wilhelm. Denn sie wollten endlich das Land kennenlernen, in dem ihre Schwiegertochter aufgewachsen ist. "Zuvor waren wir nur in Bratislava", sagt die 62-Jährige. "Aber die Hauptstadt ist niemals typisch für ein Land." Die Slowakei mit ihren Nationalparks, den hohen Bergen und Eis-Seen hat ihnen gut gefallen. Doch je weiter sie in den Osten des Landes reisten, desto billiger wurde es zwar, aber desto einfacher wurden auch die Campingplätze, erzählt sie. "Da war es noch am harmlosesten, dass man die Toilettentür nicht abschließen konnte."

Die Umgebung rund um den Werbellinsee kennen die Wilhelms schon von früher. "Bis vor Kurzem waren wir noch statt mit dem Bus mit einem Wohnboot unterwegs, einer zehn Meter langen holländischen Stahlyacht." Diese haben sie aber aus Altersgründen verkauft. Und erkunden nun mit ihrem VW-Bus die große und kleine weite Welt.

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