Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Aufregung vor der Langstreckenolympiade

Noch sind Muskeln und Stimmung vergleichsweise locker: Die fünf Bernauer Thomas Gablenz, Frank Sommer, Dieter Riedel, Edgar Schulz und Hagen Obstück (v.l.) haben sich zum MOZ-Fototermin am Bernauer Mühlentor eingefunden.
Noch sind Muskeln und Stimmung vergleichsweise locker: Die fünf Bernauer Thomas Gablenz, Frank Sommer, Dieter Riedel, Edgar Schulz und Hagen Obstück (v.l.) haben sich zum MOZ-Fototermin am Bernauer Mühlentor eingefunden. © Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Hans Still / 10.08.2015, 06:55 Uhr
Bernau (MOZ) Es ist ein Radrennen der Superlativen, das am Sonntagabend um 19 Uhr in Paris seinen Anfang nehmen wird. 1230 Kilometer sind zu bewältigen - das Rennen Paris-Brest-Paris gilt als Qlympiade der Langstreckenfahrer. Unter den 6000 eisenharten Radsportlern sind fünf gestandene Bernauer.

Schlank und ziemlich fit stehen sie beim MOZ-Fototermin am Bernauer Mühlentor beieinander, die Aufregung ist aber mit den Händen greifbar. "Das wird bis zum Start noch mehr", versichert Frank Sommer (51 Jahre), der bereits zum dritten Mal am ältesten Radrennen der Welt teilnehmen wird. Nur alle vier Jahre findet dieser Wettbewerb statt. 90 Stunden haben die Marathonfahrer Zeit, die Distanz zu überwinden.

Was die Fünf von ihren bisherigen Touren berichten, nötigt dem Zuhörer unweigerlich Respekt ab. "Die erste Nacht fahren wir durch, dann gibt es Frühstück und zügig geht es wieder bis zum Abend weiter", erzählt Dieter Riedel, und es klingt ein wenig, als sei von einem Rundkurs Bernau-Wandlitz-Bernau die Rede. Tatsächlich fahren die Bernauer mehr als 400 Kilometer quasi in einem Zug durch. Sie sitzen, schwitzen und keulen dann bis zu 20 Stunden. Kleinere Pausen zum Essen und für andere Bedürfnisse sind natürlich ausgenommen. "Irgendjemand hat es mal ausgerechnet, beim Rennen werden wohl 35 000 Kilokalorien verbrannt. Aber wir bewältigen ja auch 10 000 Höhenmeter", wirft Thomas Gablenz (55) in die Runde.

Genächtigt wird dann in Sporthallen, manche schlafen auch mit einer Rettungsdecke auf einer Parkbank. "Die Franzosen sind total rennradverrückt und bereiten alles mit einer Hingabe und Freundlichkeit vor, dass einem das Herz aufgeht. Da werden nachts Kaffee und Kuchen gereicht, man bekommt gegen kleines Geld einen Schlafplatz in einer Sporthalle und wird pünktlich nach Wunsch geweckt", schwärmen die Fünf von der Unterstützung der Menschen im Nachbarland.

Überhaupt spielt die Zeit eine entscheidende Rolle, wobei es den fünf Bernauern nicht darum geht, das Rennen zu gewinnen. "Unser Ziel besteht darin, durchzuhalten und in einer akzeptablen Zeit anzukommen. Das macht uns glücklich, und dann lassen wir es auch hinterher krachen", verraten sie.

Doch zuvor gilt es, im Rennen alle Kontrollpunkte anzufahren, die Zeitvorgaben zu schaffen und sich streng an die Regeln zu halten. "Die Sportler sollen mit Stil fahren und ein Vorbild sein", erklärt Hagen Obstück (51) dazu. Das bedeutet im Land der schönen Künste und der guten Küche, es wird nicht bei Rot über die Ampel gefahren, alle Sportler tragen eine Warnweste und natürlich wird nicht gedopt.

Zudem bestätigen die Sportler, was der Uneingeweihte schon ahnt: Natürlich führt die Tour nicht über abgesperrte Hauptstraßen, es gibt keine Begleitfahrzeuge und offiziell auch keine Verpflegungsteams. Dafür stehen selbst nachts herzlichst gestimmte Zuschauer an den Straßen, die den Fahrern zujubeln und ihnen neue Kraft geben. "Da kann man gar nicht aufgeben", gesteht Edgar Schulz, der mit 70 Jahren der Älteste im Bernauer Team ist. Ob die Fünf während der Tour zusammen bleiben werden, ist zuvor keinesfalls klar. "Das ergibt sich. Mal macht einer eine längere Pause oder man hat auch mal die Nase voll, weil man sich auf den Zeiger geht. Dann fährt man halt allein weiter. Das ist überhaupt kein Problem", lässt Frank Sommer wissen. 2011 kamen drei Bernauer in der Zeit von 77 Stunden und neun Minuten gemeinsam ins Ziel.

Dass sich eine derartige Strapaze nicht ohne schweißtreibendes Training absolvieren lässt, erscheint selbstredend klar. Für die fünf Radsportfreunde heißt das, auch im Winter bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt locker mal 40 Kilometer abzuspulen, um nicht aus der Übung zu geraten.

Im Frühjahr verlängern sich die Distanzen und bevor dann die Teilnahme am Rennen genehmigt wird, müssen zuvor diverse Wettbewerbe mit den Zeiten nachgewiesen werden. "Trotzdem fällt etwa ein Drittel der Fahrer aus. Und manchmal tut es schon weh, wenn man sieht, wie die wunden Körperstellen mit Kamillenpflaster versorgt werden", beschreibt Edgar Schulz eine zum Rennalltag gehörende Szene.

Sind die fünf Bernauer glücklich und mit reichlich Adrenalin im Blut im Ziel, pflegen sie eine schöne Tradition. "Da gibt es einen Champagner-Tresen, da gehen wir hin. Und dann wird auch kräftig gefeiert." Anschließend folgt ein langer Schlaf.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG