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20 000 Kinder holte sie auf die Welt

Frankfurter Ehrenbürgerin: Dr. Ursula Sellschopp (1915-1998)Foto: Sammlung Jörg Kotterba
Frankfurter Ehrenbürgerin: Dr. Ursula Sellschopp (1915-1998)Foto: Sammlung Jörg Kotterba © Foto: Jörg Kotterba
Jörg Kotterba / 12.08.2015, 04:51 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Seit Februar 2012 trägt eine unscheinbare Einfahrt an der August-Bebel-Straße ihren Namen: Dr.-Ursula-Sellschopp-Straße. Damit würdigten die Stadtverordneten eine Frau, die vielen Frankfurtern als Gynäkologin und Geburtshelferin bekannt ist. Kurz vor ihrem Tod im Januar 1998 wurde sie Frankfurter Ehrenbürgerin. Ursula Sellschopp wäre heute 100 Jahre alt geworden.

"Nein", gesteht der aus dem Fenster lehnende Mieter einer kleinen Wohnung in der Dr.-Ursula-Sellschopp-Straße, "mit dem Namen Sellschopp kann ich nichts anfangen." Seit einem Jahr wohnt der Mittdreißiger im Backsteinbau, einst Rote Kaserne genannt. Ältere, die in Frankfurt groß geworden sind, wissen mit dem Namen Sellschopp mehr anzufangen. Annähernd 20 000 Babys hat die Ärztin, die ab 1946 mehr als 30 Jahre die gynäkologisch-geburtshilfliche Klinik des Lutherstifts leitete, auf die Welt geholfen. Große Verdienste habe sich Dr. Sellschopp im Dienste Frankfurts und seiner Bürger erworben, argumentierte die damalige SPD-Stadtverordnete Regina Zimmer in einer Diskussionsrunde, in der es um die Ernennung zur Ehrenbürgerin ging. Sellschopps Lebenssinn war das Helfen. Persönliche Belange habe sie stets zurückgestellt. Auch materiell habe sie immer das Letzte gegeben und in Zeiten großer Not auch schon mal das Heizen übernommen.

Am 12. August 1915 wurde Ursula Sellschopp im kleinen mecklenburgischen Dörfchen Bauhof, heute ein Ortsteil von Güstrow, geboren. Als sie fünf war, starb Vater Karl Ludwig mit nur 45 Jahren. Jetzt musste Mutter Klara auf dem Bauernhof allein zupacken, wurde aber von der kleinen Ursula und ihren Brüdern Karl-Wilhelm und Günther unterstützt. "Da lernte ich, was zupacken heißt, wurde zur Selbständigkeit erzogen", erzählte Ursula Sellschopp, die nie heiratete, später. Ihr Medizinstudium führte sie nach Rostock und Hamburg, nach München und an die Charité in Berlin. Dort erlebte sie den Krieg, die brennende Hauptstadt, half als junge Ärztin vielen Verletzten. Nach Kriegsende reiste Ursula Sellschopp - inzwischen mit einer abgeschlossenen Facharztausbildung für Gynäkologie - von der Spree an die Oder. Ihr Anlaufpunkt: Das Lutherstift in Frankfurt. Dort eröffnete sie eine Frauenklinik. Die Arbeitsbedingungen waren zu dieser Zeit katastrophal. "Dr. Ursula Sellschopp richtete aus eigenen Mitteln eine Station für Geschlechtskrankheiten ein (...) und arbeitete intensiv in der Mütterberatung. Unterstützung bekam sie von den Säuglings- und Krankenschwestern, die in der stiftseigenen Schwesternschule ausgebildet worden waren", schrieb der Stadtbote 1997. Jeden Morgen um 6 Uhr ging die Gynäkologin in die Klinik. Bis 1979 lebte die Ärztin auf dem Gelände des Stifts. Mit den Worten "Dr. Sellschopp war offen für viele verschiedene Menschen, aber dabei blieb sie sich immer treu", ehrte 1998 der damalige Vorsteher des Lutherstiftes, Pfarrer Ingo Feldt, die Ärztin. Streng sei sie bei der Ausbildung der Schwestern gewesen, aber auch gütig. "Dr. Sellschopp tat ihren Dienst für Gott und die Menschen. Dabei interessierte sie weder Stellung noch Ansehen. Sie sah nur den Menschen."

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