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Angekommen im Land der Träume

In Sicherheit. Sain auf dem Gelände des Übergangswohnheims in Bad Belzig. Im Hintergrund das Versorgungszelt.
In Sicherheit. Sain auf dem Gelände des Übergangswohnheims in Bad Belzig. Im Hintergrund das Versorgungszelt. © Foto: MZV
Anja Linckus / 27.08.2015, 11:56 Uhr
Bad Belzig (MZV) Während die Flüchtlinge aus der Michendorfer Schulturnhalle am Freitag in ihre neuen Quartiere ziehen konnten, müssen sich die 90 Männer, die derzeit im Weitzgrunder Weg im Zelt untergebracht sind (BRAWO berichtete), noch etwas gedulden. Die für sie aufgestellten Container sollen zum nächsten Wochenende hin bezugsfertig sein.

Einer der Männer, 80 von ihnen kommen aus Syrien, die anderen aus Kamerun und Eritrea, die Zuflucht in Bad Belzig gefunden haben, ist Sain. Gemeinsam mit drei Brüdern und einem Cousin ist er vor über einem Jahr aus Syrien geflohen, weil er als Ismailit Angehöriger einer ethnischen Minderheit ist und in seiner Heimat in ständiger Angst vor dem Terror durch den Islamischen Staat (IS) lebte. Zurücklassen musste der 24-Jährige, der an einer Tourismusschule studierte, in der IT-Branche arbeitete und viele Nebenjobs hatte, nicht nur seine Eltern, zwei jüngere Brüder und seine Schwestern. Auch seine Ehefrau blieb zurück in Masyaf, einer Stadt im Westen Syriens.

Dass Sain körperlich unbeschadet den Weg bis nach Deutschland geschafft und auch das Lachen nicht verlernt hat, grenzt beinahe an ein Wunder, angesichts dessen, was ihm und seinen Begleitern unterwegs alles zugestoßen ist. Von Syrien aus ging die Flucht zunächst in den Libanon. "Dort sind Syrer nicht gern gesehen und leben in ständiger Gefahr vor der Mafia", beschreibt Sain. Vom Libanon aus ging es weiter in die Türkei. Um sich das Geld für die Überfahrt nach Griechenland zahlen zu können, mussten Sain und seine Begleiter arbeiten gehen. "Doch die Manager haben uns unser Geld nicht immer gegeben obwohl wir gearbeitet haben", erzählt er. Nächster gefährlicher Punkt der Reise war schließlich die Überfahrt nach Griechenland mit dem Boot. "Wir waren 45 Leute auf dem Boot und durften uns nicht bewegen. Alle saßen zusammengekauert da als wir bei Regen und stürmischer See über das Meer fuhren." Nächster Schock: die Ankunft auf der griechischen Insel Samos. "Es gab kein Essen, keine Hygiene, keine Schlafplätze. Afghanen haben meinem Bruder seine Sachen und Geld gestohlen. Zu essen bekamen wir lediglich ein kleines Stückchen Toast und puren Tee" beschreibt Sain die unhaltbaren Zustände. Sieben Tage mussten sie ausharren, dann bekamen sie ihre Papiere und konnten weiter nach Mazedonien reisen.Großteils zu Fuß schlug sich die Gruppe weiter bis nach Serbien durch, musste sich unterwegs auch gegen Diebe verteidigen. In Serbien angekommen bekamen die Männer Hilfe von Einheimischen. Sie boten Flüchtlingen, die seit Griechenland nicht mehr geschlafen hatten Quartier und eine Dusche bevor es weiter ging an die ungarische Grenze. Nach zwölfstündigem Fußmarsch hatten sie es fast geschafft die Grenze zu überqueren als sie von Ungarn verraten wurden. "Die Polizei lähmte uns mit Elektroschockern und wir kamen alle in eine Sammelstelle", erinnert sich Sain. Mit einem Bus wurden sie an die rumänischer Grenze gebracht und dort stundenlang verhört. Schlafen mussten sie auf Bierbänken. "Da ich meine Jacke verloren hatte war es sehr kalt, im Verhörraum musste ich sechs Stunden ohne Schlaf, Essen und Trinken aushalten und als sie meine Fingerabdrücke genommen haben, wurde ich von einer Frau in Uniform geschlagen", erzählt der Syrer. Schließlich habe man sie einfach hinausgeworfen. Die Männer kämpften sich schließlich zum internationalen Bahnhof in Budapest durch und kauften drei Tickets für den Zug nach München

Am 17. Juli hatten Sain und seine Begleiter es endlich geschafft. "Als ich in München aus dem Zug gestiegen bin war das wie ein Schock, ich habe mich gefühlt wie im Himmel", erinnert er sich. Das änderte sich, als er in das zentrale Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt kam. "Die Situation dort ist schwierig. Dort gibt es Gruppen wie die Albaner, die Hygiene ist schlecht und es gab wenig zu essen", schildert er. Über Frankfurt/Oder kam er schließlich nach Bad Belzig. Hier gefällt es ihm gut. "Sie haben uns mit Musik empfangen, damit hätte ich nie gerechnet, sie helfen, sind freundlich und gehen auf uns zu", erzählt er. Man sieht dem jungen Mann, der soviel Schlimmes erlebt hat, die Freude an, als er das sagt. Das Leben im Zelt, berichtet er weiter, sei nicht so toll, wenn es regnet ist es kalt und nass, wenn die Sonne scheint ist es schnell stickig. Doch darüber klagen tun weder Sain noch die anderen Männer. "Die Stimmung ist gut, die Männer organisieren das Leben im Zelt ganz allein und sind allesamt sehr hilfsbereit", bescheinigt auch Sozialarbeiterin Petra Lüttich. Um sich die Zeit zu vertreiben gehen die Männer schwimmen und spielen Fußball. Sain hat außerdem eine Gitarre bekommen und kocht gern. Das Essen sei insgesamt gut und auch sein Bett im Zelt sei sehr komfortabel lobt er. Auf den Umzug in die Container freut er sich dennoch, schließlich gebe es dort mehr Privatsphäre und eine Heizung. Lediglich Internet wünscht er sich noch, denn den letzten Kontakt nach Hause hatte er in Frankfurt/Oder. Wie es seiner Frau und seiner Familie derzeit geht weiß er nicht, da er auch nicht mit ihnen telefonieren kann.

Hier in Deutschland möchte Sain, der sich als Kind allein die englische Sprache beigebracht hat, und schon vor dem Krieg in seiner Heimat von einem Leben in Deutschland träumte, ganz schnell Deutsch lernen um arbeiten gehen und Geld verdienen zu können. Damit möchte er seine Familie nach Deutschland holen, damit auch sie ein Leben im Frieden führen kann, zurück nach Syrien möchte er auf keinen Fall. Auch ein Studium kann sich Sain durchaus vorstellen. Und vielleicht gelingt es ihm auch, hier in seiner neuen Wahlheimat, das Geschehene zu verarbeiten - so wie seine Angst vor Hubschraubern und Flugzeugen, die ihn jedes Mal sorgenvoll zum Himmel blicken lässt aus Angst, dass wieder Bomben fallen könnten.

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