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Eisenhüttenstadt: Flüchtlinge helfen Flüchtlingen

900 Flüchtlinge erreichen am Montagmorgen per Bahn Eisenhüttenstadt.
900 Flüchtlinge erreichen am Montagmorgen per Bahn Eisenhüttenstadt. © Foto: MOZ
07.09.2015, 19:09 Uhr
Eisenhüttenstadt (MOZ) Ein Sonderzug mit rund 900 aus Ungarn kommenden Flüchtlingen hat am Montagmorgen Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) erreicht. Die meisten der aus Syrien, dem Irak und Afghanistan stammenden Menschen werden in Eisenhüttenstadt untergebracht, etwa 300 fuhren weiter nach Berlin.

Punkt 8.13 Uhr rollt der ICE aus München am Bahnhof in Eisenhüttenstadt ein. "Wir haben ein Problem: Der Zug ist zu lang für den Bahnsteig", sagt ein Feuerwehrmann, als sich die Türen öffnen und aus den ersten Waggons Hunderte Männer, Frauen und Kinder steigen. "Sind wir in Berlin?", fragt ein junger Mann verwirrt und kann mit der Antwort "Eisenhüttenstadt" nicht sonderlich viel anfangen.

Christian Seifert, ein ehrenamtlicher Helfer, nimmt ihn und andere Neuankömmlinge in Empfang, führt sie durch die dunkle Unterführung auf den Bahnhofsvorplatz, wo über Nacht Sanitätszelte aufgestellt worden sind und wo schon Rettungskräfte mit Mundschutz warten. "Hier werden die Flüchtlinge markiert - wir müssen wissen, wer krank ist und wer nicht", sagt Iris Möker, Sprecherin des DRK-Landesverbandes. Krätze ist eine der Krankheiten, die genannt werden. "Schließlich haben sich viele tagelang nicht waschen können", erklärt ein Helfer. "Etliche waren auch dehydriert".

Haben die Asylbewerber diese Schleuse durchlaufen, geht es weiter zur Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt zur Registrierung. Doch das dauert noch. Denn zunächst einmal werden Alleinreisende von Familien getrennt. Für Familien und Frauen mit Kindern gibt es in Eisenhüttenstadt schlicht keine geeigneten Schlafplätze mehr. Ihre Odyssee geht an diesem Tag noch weiter. Nach der etwa zehnstündigen Zugfahrt von München bis Eisenhüttenstadt heißt es nach etwa drei Stunden Aufenthalt in der Stahlstadt wieder: rein in den Bus, zurück nach Berlin. "Die Busse haben wir alle noch in der Nacht organisiert", sagt Iris Möker. "Sonntagabend hatten wir Gewissheit, dass die Flüchtlinge kommen und haben unseren Stab hochgefahren." Vor allem alleinreisende Männer bleiben in Eisenhüttenstadt.

"Ich weiß nicht, wie es weitergeht", sagt ein völlig übermüdeter Mann aus dem Iran in gebrochenem Englisch. Zusammengekauert und mit einer Decke über den Schultern sitzt er vor dem Bahnhof auf dem Gehweg und wartet - auf die nächste Anweisung. Ein paar Meter weiter schreit ein Kind. Es beruhigt sich erst wieder, als ein Helfer aus dem Ehrenamtsnetzwerk für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt ihm ein Kuscheltier schenkt. Gesprochen wird nicht viel, manchmal reicht ein Lächeln.

Unter die Ehrenamtler haben sich auch ein paar Flüchtlinge gemischt, die bereits in einem Zeltcamp in Eisenhüttenstadt leben. Osama aus Syrien zum Beispiel. "Ich bin mit einem Freund hier, um zu helfen", sagt er und verteilt warmen Tee an seine Landsleute und andere Neuankömmlinge. "Die haben sich freiwillig gemeldet. Sie haben übersetzt und angepackt, wo sie nur konnten", betont Tatjana Sosin, Leiterin des Ehrenamtsnetzwerkes. Sie selbst und andere haben am Morgen auch noch ein paar Babymützen und Decken gekauft - und ohne zu überlegen aus dem eigenen Portemonnaie bezahlt. Denn es ist kühl geworden, trotzdem sind viele der "Gäste", wie das DRK sie nennt, in kurzen Hosen und mit Sandalen unterwegs. Und längst nicht alle haben einen Koffer oder eine Tasche dabei. "Kaufland hat uns ganz schnell Babywindeln gespendet", freut sich Tatjana Sosin.

Derweil gibt es hier und da Schaulustige am Bahnhof, der einem Sammellager ähnelt. Abgeriegelt mit rot-weißem Flatterband. Bis zu diesem Tag kannte man solche Bilder nur aus München. Nun also auch Eisenhüttenstadt. Nur dass hier längst nicht so viele Einwohner "Herzlich willkommen" sagen, auch weil sie schlicht nichts von dem Sonderzug wussten.

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot angerückt, die Bahnsteige sind für Normalreisende Sperrgebiet. Die Deutsche Bahn stellt über drei Stunden den Zugverkehr zwischen Frankfurt (Oder) und Cottbus komplett ein, weil der ICE "Bebra" das Gleis blockiert und sich die Abfertigung der 900 Flüchtlinge hinzieht.

Die, die in Eisenhüttenstadt bleiben - etwa 600 - werden alle in die Zentrale Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. Durch die Verteilung in die Landkreise sind Plätze frei geworden. "Und in der vergangenen Woche kamen auch mal nicht 500 Menschen bei uns an, sondern nur 400", sagt Frank Nürnberger, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde. Dennoch wird der Platz für 600 Neue knapp, und es werden weitere folgen.

Deshalb wurden in der Landesfeuerwehrschule in Eisenhüttenstadt in der Nacht 200 Betten in einer Übungshalle aufgebaut - mithilfe von Ehrenamtlern und vom DRK. In der ersten Nacht bleiben sie noch leer. "Aber es wird bestimmt nicht der letzte Zug gewesen sein", vermutet Tatjana Sosin.

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