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Der Traum vom jungen Wohnen

Blick in die Zukunft: So stellen sich Architektur-Studenten den Innenhof des Fabrikgeländes an der Gubener Straße 9 vor. Das Areal bietet sich aufgrund der Nähe zur Universität für verschiedene studentische Wohnformen an.
Blick in die Zukunft: So stellen sich Architektur-Studenten den Innenhof des Fabrikgeländes an der Gubener Straße 9 vor. Das Areal bietet sich aufgrund der Nähe zur Universität für verschiedene studentische Wohnformen an. © Foto: Jörg Kotterba
Jörg Kotterba / 17.09.2015, 04:22 Uhr - Aktualisiert 17.09.2015, 11:04
Frankfurt (MOZ) Junger Wohnraum, Spätverkauf, Gastronomie im historischen Keller: Viadrina-Studenten und Kommilitonen der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg sprachen kürzlich im verwahrlosten Brauereihof Gubener Straße 9 mit interessierten Frankfurtern über Angebote für eine Nachnutzung.

Denkmalschützer kommen ins Träumen, wenn vom Fabrikgelände an der Gubener Straße 9 - einer der ältesten noch erhaltenen Gewerbehöfe der Stadt - die Rede ist. Auf dem 165 Jahre alten Gelände waren einst die Malzfabrik und Weißbierbrauerei von Ferdinand Schindler angesiedelt, später eine Bettfedernfabrik, ein Arzneimittelkontor und ab 1972 der VEB Frankfurter Spirituosenfabrik, Betriebsteil 6 des VEB Bärensiegel (Ost-)Berlin. Das Wohnhaus zur Straßenfront, im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts gebaut, ist fast noch im Original erhalten. Auch die Brauereigebäude, die Mälzerei und das um 1859 gebaute Maschinen- und Kesselhaus samt Schornstein gehören zum geschützten Komplex. Ein Schatz befindet sich unter der Erde: Der zweischiffige Keller mit Mittelsäulen aus Granit. "Eine Industrie-Kathedrale", schwärmt Ulrich-Christian Dinse, Chef der Unteren Denkmalschutzbehörde, am Tag des offenen Denkmals. "Das wäre ein super Studentenkeller oder einer, in dem man Wein ausschenken könnte."

Seit der Wende war das Fabrikgelände jedoch dem Blick der Öffentlichkeit entzogen worden. Jetzt hofft nicht nur Dinse, sondern auch Baudezernent Markus Derling (CDU) auf eine Neunutzung. Zwei Studentengruppen der Viadrina und der BTU Cottbus-Senftenberg haben am Sonntag auf dem ehemaligen Industriegelände erste Ideen zu dessen zukünftiger Nutzung vorgestellt. "Der Gewerbepark, inzwischen Ferdinandshof genannt, bot sich aufgrund der Nähe zu Uni und Bahnhof für studentische Wohnformen an", erläuterte Derling. Der Studiengang Schutz europäischer Kulturgüter der Europa-Uni habe innerhalb eines Projektes unter Leitung von Prof. Paul Zalewski mögliche Nutzungsformen untersucht. "Architekturstudenten der BTU entwickelten unter Regie von Prof. Markus Otto ein bauliches Umnutzungskonzept für den alten Brauereistandort." Die Studien sollen als Grundlage dienen, potenzielle Investoren anzusprechen.

Doch wie attraktiv könnte der denkmalgeschützte Gebäudekomplex mit dem Arbeitstitel "Schlafen in Frankfurt" für Viadrina-Studenten werden? Volkswirtin Friederike Dinse, die gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Tanja Bernsau und dem Restaurator Martin Käferstein das Projektteam Ferdinandshof bildete, stellte nun die Ergebnisse einer Umfrage vor. Daran nahmen 581 Studierende teil, das Gros junge Frauen Mitte 20. 344 von ihnen wohnen in Frankfurt und Slubice. Der Rest gab einen anderen Lebensmittelpunkt an - dort, wo die Familie und Freunde leben. Andere Gründe, sich vor allem für Berlin und gegen Frankfurt entschieden zu haben: die mangelnde Attraktivität der Oderstadt durch ein zu schmales kulturelles und gastronomisches Angebot, eine schlechte Infrastruktur mit Blick auf Nebenjobs und Praktika und zu wenig Studentenleben. "Es gibt aber Potential: 20 Prozent derer, die heute noch nicht in Frankfurt und Slubice leben, könnten sich prinzipiell vorstellen, hier zu wohnen. Weitere 27 Prozent vielleicht", sagte Friederike Dinse.

Das Konzept eines studentisch genutzten Lebensraums auf dem ehemaligen Brauereigelände hätte nach Analyse der Umfrage eine Chance, wenn der Mietpreis günstig ist und es Räume zum Lernen und für die Freizeit gibt. "Auch der Einzelhandel und die Gastronomie mit Spätverkaufsstelle, Caf und Restaurants sollten hier präsent sein. Die Mehrheit der Umfrage-Teilnehmer wünscht sich einen persönlichen Wohnraum mit eigenem Bad und eigener Küche", ergänzte Friederike Dinse. Sie berichtete, dass viele Kommilitonen für eine günstige Kurzzeit-Anmietung plädieren, für Einzelzimmer mit Doppelbetten ("wegen der Pärchenfreundlichkeit") und sie sich einen Hausmeister wünschen, "der Englisch spricht und ausreichende Sprechzeiten anbietet." Für Prof. Markus Otto ist der Ferdinandshof "ein Schatz, den man entwickeln kann und muss". Man brauche jetzt einen Investor mit Mut, der dieses Areal aus dem Dornröschenschlaf befreie.

Aus Sicht der Studierenden wird das Projekt im Winter mit der Veröffentlichung einer Studie abgeschlossen. Im Rahmen eines Symposiums soll im Januar das Nutzungskonzept für den historischen Brauereikomplex vorgestellt und mit städtischen Akteuren diskutiert werden. Ulrich-Christian Dinse hofft indes, dass der Insolvenzverwalter des Ferdinandshofs, eine Anwaltskanzlei in Berlin, auf das studentische Projekt nicht nur aufmerksam wird, "sondern sich auch sehr bemüht, dafür Investoren zu gewinnen." Einen Vorgeschmack, wie der Ferdinandshof bei erfolgreicher Akquise einmal aussehen könnte, gaben bei der Vorstellung Schautafeln. Darauf waren existierende und intakte Studentenwohnheime abgebildet, so in einem alten Wasserturm in Nürnberg und in einem Gebäudeensemble von 1904 in Greifswald. Sie sind ein Hingucker und prägen das Stadtbild.

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