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Der Stein, der das Schweigen bricht

Verlegt jeden Stolperstein selbst: Künstler und Initiator Gunter Demnig. Fotos (2): Johann Müller
Verlegt jeden Stolperstein selbst: Künstler und Initiator Gunter Demnig. Fotos (2): Johann Müller © Foto: Johann Müller
Josephin Hartwig / 27.09.2015, 23:35 Uhr
Podelzig (MOZ) Zum ersten Mal ist am Sonnabend ein Stolperstein in Podelzig verlegt worden. Künstler Gunter Demnig reiste an, um die kleine Zeremonie an der Straße Am Dorfteich 3, selbst vorzunehmen.

Als Christa Schneidewind 2008 über den Podelziger Friedhof lief, konnte sie nicht ahnen, dass eine einzige Frage ihre eigene Vergangenheit in ein anderes Licht rücken würde. Der Podelziger Werner Vaatz fragte sie: "Was ist eigentlich aus deiner Schwester geworden?" und stieß damit an, was am Sonnabend mit dem Verlegen eines Stolpersteins seinen Abschluss fand. Denn Christa Schneidewind hatte keine Ahnung, dass sie eine Schwester hatte. Gertrud Lehmann wurde von der Familie verschwiegen.

"Ich wusste nicht, dass ich eine ältere Schwester habe. Sie war geistig behindert und wurde von den Behörden in eine Heilstätte nach Brandenburg-Görden gebracht", sagt Christa Schneidewind, die heute 76 Jahre alt ist. Mit Hilfe ihrer Enkelin Jennifer Regel, die 29-Jährige arbeitet als Archivarin, durchkämmte sie sämtliche Stellen und Unterlagen nach Hinweisen. So fand die Familie heraus, dass Gertrud 1928 geboren wurde. "Wir vermuten, dass sie nicht schon behindert auf die Welt kam, sondern durch eine Infektion im Mittelohr erkrankte", so Jennifer Regel. In der Schule sei Gertrud nicht mitgekommen, habe oft einfach nicht gehört, was gesagt wurde. Doch der jungen Nachfahrin ließen die spärlichen Angaben, die in den Geburtsbüchern im Amt Lebus verzeichnet waren, keine Ruhe. Sie forschte weiter.

Gunter Demnig hat die Aktion Stolpersteine ins Leben gerufen. Etwa 55000 Stolpersteine wurden inzwischen auf der ganzen Welt verlegt. Erst vor einigen Tagen kam der Künstler aus Griechenland zurück. Mit seinem roten Transporter ist er zur Straße am Dorfteich 3 gekommen, um den Stein persönlich zu verlegen. So wie bei anderen Opfern des nationalsozialistischen Regimes auch. Als er den Stein in den Gehweg klopft, schweigen die Familienmitglieder, die Podelziger und der stellvertretende Bürgermeister Thomas Mix einen Moment, in Gedenken an die Podelzigerin, die einst dort lebte. Einzelne Rosen werden um den Stein drapiert.

Christa Schneidewind legt eine Hand auf ihr Herz, beugt sich leicht nach vorn. Ihre Augen werden feucht. Zu groß ist das Unverständnis, warum so lange geschwiegen wurde. Als sie zehn Jahre alt war, starb ihre Mutter. "Ich war noch zu klein, deshalb verstehe ich, warum sie es mir nicht erzählt hat." Doch auch ihr 18 Jahre älterer Bruder Willi, der inzwischen gestorben ist, und die Tante, bei der sie aufwuchs, haben nie etwas gesagt.

Gertrud Lehmann wurde nur zwölf Jahre alt. "Aktion T4" ist die nach 1945 gebräuchliche Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen während der Zeit des Nationalsozialismus bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Gertrud Lehmann ist 1940 in Brandenburg an der Havel vergast worden. Darüber sind sich die Gedenkstätten einig.

In der Sterbeurkunde steht, dass sie in Österreich gestorben ist. Auch dort gab es eine als Heilanstalt getarnte Tötungsfabrik, die die Nazis gebaut hatten. "Allerdings ist das eine Verschleierungstaktik gewesen. Jene, die dort getötet wurden, sind in Brandenburg an der Havel verzeichnet worden und umgekehrt", weiß Jennifer Regel. Im Bundesarchiv in Berlin fand sie eine Akte, in der Briefe von Gertruds Mutter, Martha Lehmann, aufbewahrt wurden. Sie schrieb der Anstalt, sie wolle ihr Kind besuchen, es sobald wie möglich wieder nach Hause holen, in das Haus am Dorfteich 3, in dem sie auch ihren Sohn Willi und die einjährige Christa aufzog. Dann brach eine Masern-Epidemie aus. Martha Lehmann wurde mitgeteilt, dass ihre Tochter daran gestorben sei. Ein großer Irrtum, wie die Familie nun 70 Jahre später weiß.

"Die Recherche war interessant, aber auch quälend. Immer wieder beschäftigt uns die Frage, warum niemand darüber gesprochen hat", sagt Jennifer Lehmann. Zur Aufarbeitung der ganzen Geschichte fuhren die drei Frauen, Christa Schneidewind, ihre Tochter Vera Regel und Enkelin Jennifer nach Brandenburg an der Havel zu der Gedenkstätte. Doch die persönliche Beschäftigung mit dem Thema reichte den Frauen nicht aus. Sie wollten ein Zeichen setzen. Gegen das Vergessen. Für die Erinnerung an ein Kind, das in Podelzig lebte und einen schrecklichen Tod fand.

Deshalb leitete Jennifer Regel alles in die Wege, kontaktierte die Stiftung Stolpersteine, fragte bei der Gemeinde an. Nach fast einem Jahr ist es am vergangenen Wochenende endlich soweit. Gertrud Lehmann bekommt ihren eigenen Stolperstein.

In einer kurzen Ansprache erzählt Christa Schneidewind den Anwesenden von der Geschichte ihrer Schwester. "Lass die Vergangenheit ruhen, sagte mein Bruder zu mir. Aber das wollte ich nicht", sagt sie. Gertrud ist medizinisch missbraucht worden, ein Opfer der "Operation Gnadentod" oder auch Euthanasie genannt.

Die Suche nach einer Fotografie des Mädchens war schwer. Zu gern wollte Christa Schneidewind einmal ihre Schwester sehen. Dem Namen ein Gesicht geben. Auf einem alten Bild von 1932, eine Hochzeitsgesellschaft wurde aufgenommen, saß ein kleines Mädchen. "Nun wissen wir, dass es Gertrud sein muss. Auch mein Bruder und meine Mutter waren auf dem Bild", sagt Christa Schneidewind. Das Bild ist verblasst, die abgebildeten Menschen sehr klein und dadurch nicht gut erkennbar. Eine Aufnahme von der elfjährigen Gertrud, bevor sie in die Anstalt geschickt wurde, gibt es nicht. Auch in den medizinischen Unterlagen war keine Fotografie. Der Wunsch nach einer Aufnahme von ihr wird unerfüllt bleiben.

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