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Kiiking ist ein Extremsport aus Estland / Vor allem auf Mut, Kraft und Geschicklichkeit kommt es an

Schaukeln bis zum Abwinken

Kathrin Hartmann / 11.10.2015, 08:52 Uhr
Tallinn (MOZ) Fußball, Leichtathletik, Radsport oder Formel 1 - Sportarten, die im Rampenlicht stehen. Doch es gibt auch weniger bekannte, die in den täglichen Meldungen nicht mal im Kleingedruckten auftauchen. Wir stellen einige von ihnen in loser Folge vor. Heute: Kiiking.

Dieser Sport ist nichts für schwache Mägen. Und erst recht nichts für Leute mit Höhenangst. Kiiking (Estisch für Schaukel) ist das Schaukeln mit Überschlag. Genau der richtige Sport für jeden, der das Kribbeln im Bauch liebt.

Die überdimensionalen Schaukeln sind etwa acht Meter hoch. Wer den Überschlag schafft, hängt dann in 14 Metern Höhe kopfüber über dem Boden und wartet nur Millisekunden bis es wieder abwärts geht. Ein Wettkampf dauert etwa ein bis zwei Minuten. Beim Kiiking sind die Sportler an den Füßen auf dem Brett festgeschnallt. Sie stehen und holen mithilfe von Hockbewegungen Schwung. Auch an den Händen sind die Kiiker mittlerweile mit Tauen festgebunden. Ausschlaggebend dafür war ein Sportler, der vor ein paar Jahren aus sieben Metern Höhe abgestürzt war und sich dabei verletzte. "Diese Sicherheitsmaßnahme ist Pflicht", betont Ants Tamme aus Estland. Angestoßen werden die Kiiker durch eine zweite Person, die die Schaukel anschiebt und dann schnell aus der Linie verschwindet, um nicht umgestoßen zu werden.

Wahnsinn? Der reinste Nervenkitzel, findet Tamme. "Das ist Adrenalin pur", sagt der 27-Jährige. Definitiv besser als Bungee-Jumping. "Da bekommt man Instruktionen und muss mehr oder weniger nur springen. Es erfordert keine große Eigenleistung. Beim Kiiking musst du zwar auch gegen deine Angst ankämpfen, aber vor allem hart trainieren, um den Überschlag überhaupt erst einmal zu schaffen."

Seit acht Jahren stellt sich Tamme regelmäßig auf die selbst gebauten Schaukeln mit den langen Teleskop-Armen. Eine Schaukel kostet zwischen 2500 und 4300 Euro. Bei einem Wettkampf oder Rekordversuch wird die Länge der verstellbaren Stangen gemessen. Je länger die Arme eingestellt sind, desto schwieriger ist es, den Überschlag zu schaffen.

Dass Kiiking anstrengend ist, können sich Außenstehende meist schwer vorstellen, meint Tamme. "Das Schwierige ist, dass du die Technik beherrschen und Ausdauer haben musst." Wenn Tamme beispielsweise einen neuen Rekord anpeilt, ist jeder Zentimeter mehr ein reiner Kraftakt und erfordert viel Training. Sobald ein Kiiker aus der Hocke wieder hoch kommt, muss er gegen die Erdanziehungskraft ankämpfen - das heißt, er muss das Mehrfache des Körpergewichts hochdrücken.

Der Wechsel zwischen Hocke und Stand geht dabei enorm in die Beine. Die Arme dienen der Unterstützung und bleiben gestreckt. Je höher der Kiiker kommt, desto mehr Kraft saugt die Bewegung aus dem Körper. Meist schwingen sich die Extremsportler zum Schluss nur noch mit letzten Reserven um den obersten Punkt. Und dann? "Pures Adrenalin", das allein schon beim Zuschauen schlotterige Knie und nasse Hände verpasst.

Bei den Männern liegt der estische Rekord bei 7,08 Metern, bei den Frauen sind es 5,94 Meter. Die Höhe der Rekorde ist natürlich relativ, denn Kiiking gibt es bislang nur in Estland. Deutsche gebe es nur wenige, die den Sport schon einmal ausprobiert haben.

Wie Tamme zu dem Sport gekommen ist, erzählt er gern. "Es war ein glücklicher Zufall." 2007 war er zu einer Silvesterparty in seinem Heimatdorf eingeladen. "Ich hatte einen sehr wuscheligen Lockenkopf, der unbedingt geschnitten werden musste. Es war schon sehr spät und ich hatte Glück, dass ich noch einen Friseur fand, der geöffnet hatte", erzählt Tamme. Mit der Friseurin verfiel er in ein Gespräch über seine Lebensziele. "Ich erzählte ihr, was ich in meinem Leben alles ausprobieren will." Und auf dieser Liste stand eben Kiiking.

Auf den verrückten Sport mit der Schaukel wurde Tamme im Fernsehen aufmerksam. "Zufälligerweise war die Friseurin mit dem Kiiking-Erfinder - Ado Kosk - zusammen. Und dann nahm alles seinen Lauf: Der Este machte die ersten Versuche. "Ich habe mit 3,50 Metern angefangen. Damals musste ich dreimal von der Schaukel ab- und wieder aufsteigen, um überhaupt einen Überschlag zu schaffen. Es war viel anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte." Ado Kosk stand ihm als Technik-Berater und Anschubser bei.

Sein persönlicher Rekord liegt derzeit bei 7,03 Metern. Fünf Jahre hat er gebraucht, um diese Höhe zu erreichen. "Wie in jedem anderen Sport musst du üben, um besser zu werden", sagt der Este. Mittlerweile kiiken auch Frauen. Die erste Estin, die den Überschlag schaffte, heißt Marju Üle. Sie brauchte dafür etwa ein Jahr.

Historie


■ Die Wurzeln von Kiiking liegen in einer estischen Tradition: Schaukeln war in der baltischen Nation schon vor vielen Jahrhunderten ein Teil der Dorfkultur.
■ In den Orten gab es stets einen Platz, auf dem eine oder mehrere Schaukeln aufgebaut waren. Dort trafen sich Jung und Alt, und gingen dem Volkssport einzeln oder in Gruppen nach.
■ Beides - die Plätze sowie das Schaukeln - haben sich seitdem in den Herzen der Esten verankert. Schaukeln ist ein Teil des Alltags geworden.
■ Es half und hilft den Menschen, ihre Sorgen zu vergessen, zu entspannen und sich auszutauschen.
■ Junge Männer nahmen den Volkssport oft zum Anlass, um ihrer Liebsten zu imponieren.
■ Die erste Illustration einer estischen Dorfgemeinschaft mit Schaukeln wurde Ende des 18. Jahrhunderts in dem Band "Topographische Nachrichten von Lief und Ehstland" von August Wilhelm Hupel veröffentlicht.
■ Kiiking hat sich aus dieser Tradition entwickelt. Der Este Ado Kosk versuchte 1993 zum ersten Mal einen Überschlag. Dafür baute er zwei Schaukeln nach russischem Vorbild, an denen er seine Versuche startete - und schaffte.
■ Die Zahl der Interessenten wuchs, Vereine entstanden, ein Verband wurde gegründet. Vier Jahre später wurden die ersten Wettkämpfe ausgetragen. Seitdem wird offiziell vom Kiiking gesprochen.

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