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"Wir brauchen Glasfaser in jeder Straße"

Erst investieren, dann das Geld einsammeln: Daniel Domscheit-Berg, dass es sich für die Städte und Gemeinden auszahlt, wenn sie den Netzausbau in die eigene Hand nehmen.
Erst investieren, dann das Geld einsammeln: Daniel Domscheit-Berg, dass es sich für die Städte und Gemeinden auszahlt, wenn sie den Netzausbau in die eigene Hand nehmen. © Foto: Tilman Trebs/MZV
Tilman Trebs / 12.10.2015, 22:50 Uhr
Oranienburg (MZV) Schnelle Internetverbindungen sind fü Wirtschaft und Bürger so wichtig wie Wasser- und Stromleitungen, sagt der Fürstenberger Informatiker und Netzaktivist Daniel Domscheit-Berg. Der frühere Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks fordert, dass die Kommunen selbst den Breitbandausbau übernehmen, der auch Grundlage für öffentliche WLAN-Netze dient. Mit ihm sprach Tilman Trebs.

Herr Domscheit-Berg, Sie leben in Fürstenberg. Wie sind Sie hier ans Internet angebunden?

Wir haben in unserem Haus zwei DSL-Leitungen von zwei verschiedenen Anbietern. Wir nutzen eine Leitung privat, die andere beruflich. Wir haben das gern voneinander getrennt, weil hier mitunter viele verschiedene Leute arbeiten.

Wie stark sind Ihre Leitungen?

Es sind jeweils 16-Megabit-Anschlüsse. Beide Leitungen sind eigentlich unzulänglich. Ich kann zwar Datenmengen von 16 Megabit pro Sekunde konsumieren, aber nur einen Megabit verschicken. Das ist für mich viel zu langsam, aber auch für viele andere Unternehmer hier. Architekten zum Beispiel verschicken heute 3D-Modelle digital. Ich weiß, dass einige große Probleme beim Versenden haben. Unser Nachbar ist Rechtsanwalt und Brandenburg Vorreiter bei der elektronischen Gerichtsakte. Die Akten sind so groß, dass wenn sie verpflichtend eingeführt werden, hier die Leitungen zusammenbrechen.

Was bräuchten Sie?

Die Frage ist, was braucht die Welt? Die Welt braucht symmetrisches Internet, also eine Technologie, die nicht zwischen meinem Sende- und Empfangsbedarf unterscheidet. Das funktioniert nicht mit DSL. Wir kriegen Internetanschlüsse, die dafür gemacht sind, dass wir möglichst viel konsumieren können, aber nur wenig senden. Da steckt eine ganz paternalistische Haltung dahinter, die die Veränderung im Markt nicht widerspiegelt. Die digitale Welt verschwimmt mit der physischen. Ich habe 100 und eine Geschäftsidee. Die könnte ich hier umsetzen, mehr Geld für die Region generieren und Arbeitsplätze schaffen. Es hängt aber alles an vernünftigen Internetleitungen. Berlin ist das Zentrum der Internetindustrie. Es gibt dort viele kreative Unternehmer. Leute in meinem Alter überlegen herauszuziehen, im Grünen zu arbeiten. So wie ich. Ich fühle mich hier wohl, ich will bis an mein Lebensende hier bleiben. Oberhavel hat das Potenzial für ein deutsches Silicon Valley. Aber dafür müssen wir etwas tun.

Was fordern sie konkret?

Wir brauchen eine ordentliche Breitbandversorgung mit Glasfaserleitungen, und zwar überall in Oberhavel. Sonst müssen wir damit rechnen, dass die Unternehmer lieber nach Schweden oder Frankfurt am Main gehen und dort Arbeitsplätze schaffen, weil das hier nicht möglich ist.

Dafür müsste der ganze Landkreis neu verkabelt werden. Wer soll das machen?

Ich möchte, dass die Städte, Gemeinden und der Landkreis in allen Straßen und bis zu jedem Haus Glasfaserkabel verlegen. Die Leitungen sollten dann idealerweise auch den Kommunen gehören, die dann auch das Geld damit verdienen.

Sie fordern also ein Netz, das öffentlich bezahlt und betrieben wird.

Genau wie Wasser, Abwasser und Strom ist der Zugang zum Internet ein Teil der Daseinsvorsorge. Es ist ein System, über das ich alle möglichen Dienstleistungen anbieten kann. Menschen können heute fast alles übers Internet lernen. Man kann sich fortbilden, ein Fernstudium machen, sich neue Perspektiven eröffnen. Allein bei You Tube finde ich Millionen von Filmen, in denen mir alle mögliche erklärt wird. Das Internet liefert auch einen völlig neuen Zugang zu Kultur und zur Kommunikation mit anderen Menschen. Das ist gerade in dieser Gegend, aus der viele Menschen weggezogen sind, für die Daheimgebliebenen wichtig. Hier skypen auch die alten Leute. Die ganze Gesellschaft beginnt, übers Internet zu kommunizieren. Das wird nicht aufhören. Es werden telemedizinische Angebote nötig werden. Dafür brauchen wir funktionierende Infrastruktur.

Warum können die nicht private Unternehmen aufbauen?

Ich könnte auch fragen: Wem sollen die Stromnetze gehören? Möchte ich, dass die Netze den Städten gehören, die dann auch mitprofitieren? Oder glaube ich nicht daran, dass die Leute morgen noch Strom verbrauchen und gebe das Risiko lieber an einen privaten Anbieter ab? Ich denke, dass ein privater Anbieter einen umfassenden Breitbandausbau gar nicht kann. Und ich persönlich will auch nicht, dass das ganze Geld, das man anschließend damit verdienen kann, beim privaten Anbieter landet, sondern bei den Kommunen.

Trotzdem ist das erst einmal teuer. Wer soll das bezahlen?

Es gibt Schätzungen, die von 1500 bis 2000 Euro pro angeschlossenem Haus ausgehen. Den Kredit müssten die Kommunen übernehmen. In Schweden wird das Modell schon praktiziert. Dort ist das ganze Land mit Glasfaser versorgt. Für die Städte dort sind die Netze inzwischen eine richtige Einnahmequelle. Ich bin in einem Projekt aktiv, dass dieses Modell in Oberhavel etablieren will. Wir gehen davon aus, dass sich Investitionen innerhalb von 8 bis 14 Jahren refinanzieren würden. Erträge kann ich aber 30 Jahre lang abschöpfen, bevor die Leitungen erneuert werden müssen. Wir sprechen hier mit einigen Kommunen darüber. Vielleicht lässt sich ja im Rahmen des Breitbandförderprogramms in dieser Richtung etwas bewegen. Da ist aber noch nichts konkret.

Gibt es zur aufwändigen Glasfasererschließung keine kabellose Alternative?

Je mehr Leute am Funknetz teilnehmen, desto voller werden die Frequenzen und desto langsamer werden die Verbindungen.Ein Kabel in der Erde kann ganz andere Bandbreiten abbilden. Es ist auch weniger störanfällig und wetterunabhängig.

Der Kreistag hat vergangene Woche beschlossen, eine öffentliches WLAN-Netz im Kreis schaffen zu wollen. Was halten Sie davon?

Die Idee an sich ist super und eigentlich längst überfällig. Im Moment muss sich jeder Mensch um seinen Internetzugang selbst kümmern. Das Problem ist die Störerhaftung. Die besagt, dass der Anschlussinhaber für Fehlverhalten derjenigen haftet, die seine WLAN-Ressourcen mitnutzen. Deshalb werden WLAN-Router verschlüsselt, die Netznutzung fragmentiert. Das führt dazu, dass jeder seinen eigenen Vertrag haben muss, um ins Netz zu kommen. Und er braucht einen extra Handyvertrag, um unterwegs auch online sein zu können. Das ist total ineffizient. Von daher wäre es schöner, wenn es an jeder Ecke ein offenes WLAN gäbe, das ich nutzen kann. Auf einem öffentlichen Glasfasernetz ließe es sich sehr einfach aufbauen. Es würde auch ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Nämlich?

Wir denken in Fürstenberg über eine Kulturtankstelle nach, also einem offenen WLAN-Hotspot, also Sender, am Bahnhof. Wenn Touristen ankommen und sich einloggen, würden sie auf der Startseite zum Beispiel sofort aktuelle Veranstaltungshinweise erhalten oder Informationen darüber, wo die nächste Ladestelle für Elektrofahrräder oder der nächste Kanuverleih ist. Was auch immer, man kann es beliebig gestalten. Die Leute haben also einen Anlaufpunkt, an dem sie ins Internet kommen und Informationen über den Ort erhalten, in dem sie gerade sind. Wenn man das überall macht, wäre das für den Tourismus in der Region ein riesiger Mehrwert.

Der Kreis will nun die Machbarkeit öffentlicher WLAN-Netze in Gebäuden des Landkreises, Schulen, Freizeiteinrichtungen und Asylheimen prüfen lassen. Ist das der richtige Weg?

Das geht in die richtige Richtung. Der Wermutstropfen ist aber, dass aus einer mittelkomplizierten Angelegenheit eine ungemein komplizierte wurde. Ursprünglich war ja vorgesehen, zunächst nur die Asylunterkünfte mit kostenlosem WLAN zu versorgen, was schon nicht einfach ist. Nun sollen es gleich alle öffentlichen Einrichtungen sein. Meine persönliche Einschätzung ist: Die Asylheime müssen ganz dringend versorgt werden. Das rückt nun weiter weg, weil ein komplizierteres Ziel entstanden ist.

Im Lehnitzer Asylheim soll es ab Oktober testweise WLAN gegen eine Zugangsgebühr von zehn Euro geben.

Zehn Euro? Das erscheint mir sehr hoch. Wie viele Menschen leben dort? Drei? Im Ernst: Wenn das ein Kosten deckender Wert sein soll, würde mich mal die Infrastruktur dahinter interessieren. Ich bin Mitglied der Initiative asyl-in.de, über die Netzaktivisten deutschlandweit Asylheime mit kostenlosen WLAN-Systemen ausstatten. Unser Setup sieht einen Router vor, der mit einem bestehenden DSL-Anschluss verbunden wird. An diesen Router kommen die Access Points, also die WLAN-Sender. Der Router kostet einmal 200 Euro, die Access Points jeweils 80 Euro. Hinzu kommen dann nur noch die üblichen DSL-Gebühren.

Für wie viel Geld können Sie das anbieten?

Nehmen wir mal eine teure Variante. Vergangene Woche wurde im Schullandheim Zootzen eine Notunterkunft eingerichtet. Dort können wir nur LTE-Mobilfunk von Vodafone nutzen. Wir haben mal durchgerechnet, was jeder Flüchtling zahlen müsste, wenn wir dort einen WLAN-Hotspot einrichten und die Kosten dann auf die Bewohner umlegen würden. Wir sind auf zwei Euro pro Monat gekommen, selbst wenn wir zusätzliches Datenvolumen einkaufen müssten, das nicht zum Standardpaket gehört. In Gransee haben wir den Hotspot im Begegnungshaus eingerichtet, den nicht nur Flüchtlinge nutzen können. Dort übernimmt die Stadt die Gebühren von rund 30 Euro pro Monat. In Zootzen würde der Vodafone-Vertrag im ersten Jahr 15 Euro im Monat kosten, danach 50. Bei der Administration ließe sich übrigens auch noch Geld sparen.

Inwiefern?

Mir schwebt ein wildes Projekt für alle öffentlichen WLAN-Systeme in Oberhavel vor. Ich könnte mir vorstellen, dass der Kreis in einer Maßnahme Flüchtlinge, aber auch Arbeitslose zu Netzadministratoren anlernt. Das könnte ich übernehmen. Ich könnte ihnen beibringen, wie solch ein Netz funktioniert und es am Laufen gehalten wird. Sie könnten sich kümmern, wenn es ein Problem gibt. So ließe sich teurer Support sparen. Außerdem wäre es auch ein Integrationsprojekt, das Geld sinnvoller eingesetzt.

Die Piratenpartei in Oberhavel favorisiert Freifunknetze, um öffentliches WLAN anbieten zu können.

Freifunknetze sind überall da gut, wo es niemanden gibt, der öffentliches WLAN zur Verfügung stellt. Dort können sich viele Menschen zusammentun und ihren DSL-Anschluss mit zur Verfügung stellen. Dabei öffnen Bürger ihre Router, die Freifunker schließen sie zu einem Netz zusammen. Wenn ich durch die Stadt gehe, kann ich die Ressourcen der Router nutzen. Der langfristige Plan aber muss trotzdem die Etablierung eines richtigen Netzes sein, weil auch die Freifunknetze schnell an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, wenn es zu viele nutzen. Im Moment sind es ja eher wenige, deshalb funktionieren sie auch so gut.

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