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Gräber dokumentieren das Zeitgeschehen / Wunsch nach gezielter Information per Faltblatt

Entdeckungen auf dem Hauptfriedhof

Informativer Rundgang: Uta Meissner (Zweite v.r.) leitete die Führung über den Fürstenwalder Hauptfriedhof.
Informativer Rundgang: Uta Meissner (Zweite v.r.) leitete die Führung über den Fürstenwalder Hauptfriedhof. © Foto: Kerstin Schreiber
Kerstin Schreiber / 17.09.2012, 07:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Der Fürstenwalder Hauptfriedhof ist mit seinen 34 000 Ruhestätten auf fast 20 Hektar Fläche nicht nur ein Ort der Erinnerung. Er birgt auch Überraschendes, am Wochenende war das beim Tag des offenen Friedhofs bei Führungen mit Uta Meissner und Guido Strohfeldt vom Stadtmuseum zu entdecken.

Am Sonnabend lauschten rund ein Dutzend Interessierte den Ausführungen von Uta Meissner, die zunächst kurz über die Historie von Beerdigungen sprach und dabei auch auf die 18 Begräbnisstätten verwies, die die Stadt im Laufe ihrer Geschichte hatte, darunter zwei jüdische. Fürstenwalder kamen unter anderem bis 1822 in der Nähe des Doms und dem Hospitalskirchhof (heute Geschkeplatz) unter die Erde. 1916 wurde dann der Friedhof an seiner noch heutigen Stelle in Süd eröffnet. 1942 kam der Jude Hans Rosenthal nach Neuendorf im Sande ins dort damals bestehende Hachscharah-Lager und musste als Zwangsarbeiter in Fürstenwalde Friedhofswege anlegen. Später wurde er zum Gehilfen des Obertotengräbers und beerdigte zwei Nazioffiziere. Wie der spätere Showmaster in seiner Biografie schrieb, grub er die Gräber extra 20 Zentimeter tiefer als üblich, man könne ja nicht wissen, zitierte ihn Uta Meissner und verwies auf Rosenthals Stolz, wohl der einzige Jude gewesen zu sein, der während des Krieges Nazis unter die Erde brachte.

Auf dem fast eineinhalbstündigen Rundgang lernten die Teilnehmer unter anderem das Grab des berittenen Ulanen Willi Riege kennen und machten Halt an einem inzwischen mit Moos bewachsenen Brunnen, der von Häftlingen des Ketschendorfer Außenlagers des KZ Sachsenhauses angelegt und bei der Auflösung des Lagers gefunden wurde. Station auf dem Rundgang war auch eine der beiden steinernen Domvasen, die bei Renovierungsarbeiten vom Turm genommen wurde und im Friedhof blieb - die andere steht an die Südseite des Domes. Imposante Familiengräber, in Stein gemeißelte Liebesbekundungen, von der Natur geschaffene Arrangements aus Grabsteinen und Altbepflanzungen - Uta Meissner hatte für alles einen Blick und wies ihre Zuhörer auch auf die kleinen Dinge am Wegesrand hin. Beispiel: "Er war einer der Edelsten!" ließ die Jüdin Frieda Engel über ihren nichtjüdischen Mann Willy aufs Grab schreiben - er hatte zu ihr und ihrer Ehe gehalten, trotz aller Drangsalierungen durch die Nazis.

Nicht wenige der Neugierigen staunten, als sie sahen, dass es auf dem Fürstenwalder Friedhof längst auch einige Grabstätten gibt, die nach Mekka ausgerichtet sind: für muslimische Verstorbene.

Die Führung machte auch Halt am Grab von Franz John, dem 1952 verstorbenen und in Fürstenwalde beigesetzten Gründer des FC Bayern München, sowie an der Ruhestätte von Achmed Talib, dem ersten muslimischen Einwohner von Fürstenwalde, der als Schuhmachermeister stadtbekannt war. Erstaunt waren die meisten, dass der Maler und Grafiker Gerhard Gossmann "auf der grünen Wiese" beerdigt wurde, auch dies erfuhren sie von Uta Meissner. Vielleicht, so meinten mehrere Teilnehmer an der Führung, wäre es eine gute Idee, ein Faltblatt mit all den Informationen zusammenzustellen, auch für Touristen der Stadt.

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Kundesbanzler 17.09.2012 - 08:49:54

DIE Endeckung

ein berittener Ulane. Donnerwetter. Einen Ulanen zu Fuß gibt es aber nur wenn das Pferd schon vor ihm beerdigt wurde.

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