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Bürger mit viel Herz

Gelebte Nächstenliebe: Bei der Anwohnerversammlung zur neuen Notunterkunft bewiesen die Eberswalder vor allem Hilfsbereitschaft. Nur wenige äußerten Bedenken.
Gelebte Nächstenliebe: Bei der Anwohnerversammlung zur neuen Notunterkunft bewiesen die Eberswalder vor allem Hilfsbereitschaft. Nur wenige äußerten Bedenken. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Anna Fastabend / 22.10.2015, 21:58 Uhr - Aktualisiert 05.02.2016, 11:04
Eberswalde (MOZ) Die Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft der Eberswalder ist beeindruckend. Bei der Anwohnerversammlung zur nächsten Notunterkunft ist zu erleben, wie Verwaltung und Ehrenamtliche der Herausforderung mit Nächstenliebe und Professionalität begegnen.

Die neue Notunterkunft in der Carl-von-Ossietzky-Straße öffnet schon bald ihre Türen für 104 geflohene Frauen, Kinder und Männer. Und von Vorurteilen oder Ängsten der Anwohner ist fast nichts zu spüren. Landrat Bodo Ihrke (SPD) hatte diese zu einem Infoabend eingeladen. Der Einladung folgten nicht nur direkte Nachbarn. Rund 200 Menschen durch alle Altersklassen und soziale Schichten hindurch hörten sich die Ausführungen von Kreisverwaltung, Eberswalder Bürgermeister, Notunterkunftbetreiber und Polizei an, stellten Fragen und schilderten ihre eigenen Eindrücke der Situation.

Viele mussten sich an diesem Mittwochabend erst einmal Luft machen - wohlwissend, dass ihre Adressaten eigentlich die falschen sind. Ohnmächtig seien sie aufgrund der weltpolitischen Lage. Fassungslos aufgrund der exzessiven Waffenexporte Deutschlands. In ihren Redebeiträgen gaben sie aber zumeist auch zu verstehen, dass sie die Menschen, die unter Lebensgefahr nach Eberswalde kommen, weiterhin mit offenen Armen empfangen wollen.

Im Barnim gibt es mittlerweile 14 Willkommensinitiativen, die sich über jeden neuen Helfer freuen, wurde betont. Diese bieten in ganz unterschiedlichen Bereichen Unterstützung an. Die Kleiderkammer des evangelischen Kirchenkreises Barnim warb um Spenden. Vor allem Kleidung in Größe S und M für Herren seien Mangelware. Die Freifunk-Gruppe Eberswalde berichtete davon, dass sie an kostenlosem drahtlosen Internet für ganz Eberswalde arbeite. Damit könnten Geflüchtete den Kontakt zu ihrer Familie besser aufrechterhalten.

Landrat Ihrke war überwältigt von so viel bürgerschaftlichem Engagement. Ihn erinnere die jetzige Situation an die eigene Geschichte, berichtete er. "Auch wir haben uns 89 nicht aufhalten lassen, sind über Ungarn und Prag geflohen. Grenzen zu ziehen, ist angesichts der Lage Quatsch."

Bis jetzt leben 1160 Geflüchtete im Landkreis, berichtete Sozialdezernentin Silvia Ulonska. Monatlich kämen fast 200 Menschen hinzu. Bis zum Jahresende sollen 2300 Geflüchtete im Barnim ihre neue Heimat finden. Der Landkreis sei in der glücklichen Lage noch über genügend leerstehende Gebäude zu verfügen, so Ulonska. Deshalb müsse man nicht wie anderswo auf öffentliche Einrichtungen wie Turnhallen zurückgreifen. "Wir werden auch weiterhin alles dafür tun, ihren Lebensrhythmus nicht zu beeinträchtigen", versprach Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP). Wie lange die Notunterkunft in der Carl-von-Ossietzky-Straße bestehen bleibt, konnte keiner sagen. Diese sei nur aufgrund der aktuellen Notsituation eröffnet worden, erklärte Landrat Ihrke. Ihre Ausstattung entspreche nicht den eigentlichen Standards. Deshalb sei sie auch eine der ersten, die bei einer Beruhigung der Lage wieder geschlossen werde.

Bei den Kitaplätzen sei es bisher zu keinen Einschränkungen gekommen, antwortete Boginski auf die Nachfrage einer Bürgerin. "Wenn beide Eltern arbeiten, garantiert die Stadt weiterhin den Kitaplatz." Für so manche Bildungseinrichtung des Kreises, die wegen zu weniger Kinder von Schließung bedroht ist, seien die zugezogenen Mädchen und Jungen die letzte Rettung, betonte Landrat Ihrke. Zeitgleich werde aber händeringend nach Lehrern und Sozialarbeitern gesucht.

Mit einem besonders schlimmen Vorurteil räumte Polizeihauptkommisar Thomas Höhns auf: "Im Barnim gibt es keine einzige Strafanzeige gegen einen Asylbewerber."

Eine direkte Nachbarin befürchtete Lärmbelästigungen durch die neuen Nachbarn. Martin Wulff, der Geschäftsführer des Betreibers (Hoffnungstaler Stiftung Lobetal) bat um Verständnis: "Drinnen gibt es wenig Privatsphäre. Deshalb telefonieren viele auf der Straße mit ihren Angehörigen. Durch die Zeitverschiebung leider manchmal auch spät am Abend." Doch sobald man darüber gesprochen hätte, sei Ruhe eingekehrt. "Die Geflüchteten wollen ebenso wie Sie in guter Nachbarschaft leben."

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Carsten Zinn 23.10.2015 - 07:56:34

Hat der der Barnimer Landrat die die parteipolitischen Farben gewechselt??

Auch wenn bei ihm in seinem täglichen praxisnahen Agieren kaum ein großer Unterschied zur CDU erkennbar ist dürfte er formal (noch) Mitglied der SPD sein.

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