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Damit aus Angst wieder Mut wird

Anna Fastabend / 25.10.2015, 06:55 Uhr - Aktualisiert 05.02.2016, 10:28
Eberswalde (MOZ) Der Weisse Ring existiert seit 1976. Gründer war der Moderator der Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" Eduard Zimmermann. Innerhalb der vergangenen 13 Jahre sind die Mitgliederzahlen von 70 000 auf 50 000 gesunken. Die Hilfsorganisation sucht neue Unterstützer.

Wer Opfer einer Straftat wird, hat lange mit dem traumatischen Erlebnis zu kämpfen - unter Umständen ein Leben lang. Zuerst ist da die Tat, dann der Schock und dann frisst die Angst Stück für Stück das ganze Leben auf. Der Weisse Ring möchte den Betroffenen in den schwersten Stunden ihres Lebens eine Stütze sein. Denn oft haben die Opfer eines Verbrechens Schwierigkeiten, sich einer bekannten Person anzuvertrauen. Sie wollen niemanden belasten oder haben Angst davor, als schwach angesehen zu werden oder vorgeworfen zu bekommen, dass sie an der Tat eine gewisse Mitschuld tragen.

Die Außenstelle der Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität im Barnim ist seit 2003 von dem Polizisten Jörg Matzke besetzt. Seitdem haben mehr als 400 Menschen seine Hilfe in Anspruch genommen. "Diese Zahl ist recht gering", meint Matzke. Er vermutet, dass dies zum einen daran liegt, dass der Weisse Ring vielen kein Begriff ist. Zum anderen gebe es immer noch nur wenige, die sich trauen, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Eine, die sich getraut hat, ist die Barnimerin Lena Müller*, die dieses Jahr in Eberswalde überfallen und ausgeraubt wurde. Das Erschreckende: Der Überfall geschah nicht an einem abgelegenen Ort, sondern im Stadtzentrum, nicht nachts, sondern in den frühen Abendstunden.

Es ging alles ganz schnell. Der Täter warf sie zu Boden und entriss ihr die Handtasche. Nach einem kurzen Schock rappelte sich Lena Müller auf, rannte ihm hinterher. Doch einholen konnte sie ihn nicht mehr. Nur noch zur Polizei und anzeigen. Doch der Täter wurde nie gefasst.

Ab diesem Zeitpunkt wurde für Lena Müller alles anders. Über das Leben der selbstbewussten und aktiven Frau hatte sich ein Schatten gelegt, der ihre Lebensqualität stark minderte. Denn mit der Tasche hatte der Täter ihr jegliche Sicherheit genommen. "Ich hatte Bargeld, Schlüsselbund, EC-Karte, Personalausweis und vieles mehr dabei", berichtet Lena Müller. "Damit weiß der Täter alles über mich", war ihre Erkenntnis, die sie damals wie der Schlag traf. Und folgender Gedanke lag nahe: Der weiß meine Adresse, der hat meinen Schlüssel, der steigt bei mir ein. Die ersten Nächte lag sie wach, hörte auf jedes Geräusch. Dann zog sie vorübergehend aus, bis die neue Schließanlage im Haus eingebaut war.

Doch mit dieser Schließanlage war es so eine Sache. Die kostete nämlich richtig Geld - der Preis belief sich auf mehrere hundert Euro. Die und die neuen Papiere. Es hieß bezahlen, bezahlen, bezahlen für einen Umstand, für den Lena Müller überhaupt nichts konnte.

Dann tauchten die Fragen auf: Wieso der Schlüssel weg sei beispielsweise. Lena Müller rückte einmal mit der Sprache heraus. Prompt kamen Vorwürfe: Was treibst Du dich auch abends auf offener Straße herum? In ihrer Verzweiflung vertraute sie sich einer guten Bekannten an. Die erzählte ihr von dem Weissen Ring. "Das war meine Rettung", sagt Lena Müller. Sie machte einen Termin mit Jörg Matzke aus - und dieser half ihr weiter. Sprach ihr Mut zu. Unterrichtete sie über die notwendigen Schritte. Sorgte dafür, dass sie professionell psychologisch beraten wird. Unterstützte sie mit dem Spendengeld bei der Finanzierung der neuen Schließanlage.

Ein Raubüberfall war es auch, der Jörg Matzke als Berater beim Weissen Ring einsteigen ließ. "Damals lernte ich als Polizist eine Bankangestellte kennen, die mehrfach überfallen worden war. Ich suchte nach Hilfe für die Frau und stieß auf die Hilfsorganisation", erinnert er sich.

Lena Müller ist mittlerweile auf einem guten Weg und hat ihre Ängste fast überwunden. Bei Terminen, die ihr am Herzen liegen, wagt sie sich auch abends wieder vor die Tür.

*Name von der Redaktion geändert

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