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Von Orgien und Prüderie

Rollentausch: Philipp Pink dreht Édouard Manets Gemälde "Frühstück im Freien" auf zweierlei Weise um. Statt eines weiblichen Aktes malt er zwei männliche. Statt eines Frühstücks serviert er seinen Figuren ein hochprozentiges Abendbrot.
Rollentausch: Philipp Pink dreht Édouard Manets Gemälde "Frühstück im Freien" auf zweierlei Weise um. Statt eines weiblichen Aktes malt er zwei männliche. Statt eines Frühstücks serviert er seinen Figuren ein hochprozentiges Abendbrot. © Foto: Sören Tetzlaff
Anna Fastabend / 25.10.2015, 19:46 Uhr
Eberswalde (MOZ) 35 Künstler und Staffeleien: Das hätte Paul Wunderlich gefreut. Ein Wochenende lang wird im Plenarsaal des Kreishauses nicht debattiert, sondern live skizziert und gemalt. So wie Wunderlich selbst es tat, werden Versionen des Manet-Skandalbilds "Frühstück im Freien" angefertigt.

Wer meint, Künstler seien nicht politisch, der irrt. Das beweisen die 35 Teilnehmer der diesjährigen Kunstaktion des Freundeskreises Paul-Wunderlich-Stiftung und des Professors für Illustration Henning Wagenbreth. Dieser brachte Studenten von der Universität der Künste (UDK) Berlin mit nach Eberswalde, die zusammen mit internationalen, regionalen und überregionalen Künstlern wie Philipp Pink an ihren ganz eigenen Versionen des Manet-Gemäldes arbeiten. Der 34-Jährige findet es schlicht ungerecht, dass wie bei Édouard Manet die Frau nackt im Grünen sitzen muss, während ihre beiden Begleiter bis unter das Kinn zugeknöpft sind. So dreht der Dresdner Künstler bei seiner Version die heute veraltet wirkenden Geschlechterrollen einfach um. Und auch das unschuldige Frühstück aus Kirschen und Semmeln wird zum zeitgemäßen Abendbrot. Die Bleistiftlinien lassen bereits erahnen, dass auf dem Bild noch richtig gut gefeiert wird. "Meine Leute betrinken sich später hart", kündigt Pink an. Dies darf allerdings nur in Schwarz, Weiß und wahlweise Rot, Gelb oder Blau geschehen, da die Künstler mit einer reduzierten Farbpalette arbeiten müssen.

Wer Folgendes zum ersten Mal hört, wird sich wundern. Denn bis auf den Umstand, dass zwischen weiblicher und männlicher Darstellung ein Ungleichgewicht herrscht, kommt das Bild harmlos daher. Bei seinem Erscheinen vor 150 Jahren aber hatte das Ölgemälde in der Pariser Kunstszene einen richtigen Skandal ausgelöst. Die feinen Damen und Herren des Bürgertums waren entsetzt. Statt der idealen Überhöhung von Wirklichkeit waren sie einer obszönen Szene ausgesetzt. Diese banale Form des weiblichen Aktes konnten sie nicht ertragen. Manet hatte als Erster gewagt, ein weibliches Geschöpf zu malen, das nicht - wie sonst üblich - aus der Mythologie oder Religion stammte, sondern eine reale Person aus Fleisch und Blut darstellte, die auf niemand anderen verwies als das Aktmodell selbst: eine Freundin, die den Namen Victorine Meurend trug.

Dem ganzen Hohn und Spott der damaligen Zeit hat es Manet aber zu verdanken, dass sein Werk bis heute von zahlreichen namhaften Künstlern interpretiert wurde. Pablo Picasso beschäftigte sich gleich mehrfach mit dem Sujet: 27 eigene Gemälde und 150 graphische Blätter sind dabei entstanden. In diesen thematisiert Picasso mal mehr, mal weniger das ungleiche Verhältnis zwischen bekleidetem Maler und entblößtem Modell, wie es bereits Manet im Original tat.

Der Eberswalder Künstler Paul Wunderlich setzte sich ebenfalls mit der Picknick-Szene auseinander. Und das, obwohl er laut dem Freundeskreis eine lebhafte Abneigung gegen das Bild verspürte. Die ließ ihn aber ordentlich produktiv werden: 1977 entstanden zu Manets "Frühstück im Freien" 13 Gemälde und Radierungen.

Auch der UDK-Professor Henning Wagenbreth (53) hat sich mit der Picknick-Szene beschäftigt, indem er das Plakat zu der Kunstaktion gestaltete. Darauf münzte er die Szene, die im Original vor den Toren Paris an der Seine entstand, auf Eberswalde um. "Ich kenne die Stadt gut, ich bin hier aufgewachsen", berichtet Wagenbreth. Auf dem Siebdruck thematisiert er einerseits die Idylle seiner Kindheit mit saftig grünen Bäumen und strahlend blauem Fluss. Andererseits die Gefahren, die damals durch die verstreuten Blindgänger überall lauerten. Auf dem Bild fischt eine Frau eine Bombe aus dem Fluss. "Meine Mutter hat uns vor dem Rausgehen immer vor der Munition gewarnt."

Das Naturthema, mit dem sich Manet in seinem Werk ebenfalls auseinandersetzte, hat es auch der 17-jährigen Fanny Ziethen aus Eberswalde angetan. Sie ist selbstverständlich bei der Kunstaktion dabei. Denn Malen ist ihr neben Umweltschutz die größte Herzensangelegenheit. Deshalb thematisiert sie in ihrer Variation in kühlem Blau, wie der Mensch die Natur verschmutzt.

Die UDK-Studentin Faezeh Shakoori, die aus dem Iran stammt und erst seit Kurzem in Berlin lebt, fertigt ein bewegendes Bild an. Statt einer nackten Frau malt sie eine, die von Kopf bis Fuß verschleiert ist. Ihr gegenüber sitzt ein Mullah. So werden die Religionsgelehrten bezeichnet, die in ihrer Heimat das Sagen haben. Sie wolle damit die politischen Verhältnisse kritisieren, berichtet die 32-Jährige. Kurz danach erzählt sie, dass im Iran gerade erst eine junge Künstlerin für ein gesellschaftskritisches Bild für zehn Jahre ins Gefängnis muss. (Seite 14)

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