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"Menschen, die nicht aktiv sind, werden schneller alt"

Heiner van de Loo, Inhaber und Geschäftsführer des Pritzwalker Zahnradwerks, erhält den Zukunftspreis Brandenburg 2015.
Heiner van de Loo, Inhaber und Geschäftsführer des Pritzwalker Zahnradwerks, erhält den Zukunftspreis Brandenburg 2015. © Foto: MAZ/Claudia Bihler
Claudia Bihler / 05.11.2015, 13:58 Uhr - Aktualisiert 05.02.2016, 11:33
Pritzwalk (MAZ) Als Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) im Juni anlässlich des Verfassungstages im 25. Jahr nach der Neugründung des Landes Brandenburg Heiner van de Loo mit dem Verdienstorden des Landes auszeichnete, da galt diese Auszeichnung nicht nur dem Inhaber und Geschäftsführer des Pritzwalker Zahnradwerks. "Er denkt immer auch ein Stück für die ganze Region Nordwest-Brandenburg mit", sagte Woidke damals. Nun wird der 73-Jährige erneut ausgezeichnet. Der Sonderpreis, den er erhält, gilt seinem Lebenswerk.

Bei dem kurzen Betriebsrundgang trägt van de Loo zwar ein korrektes dunkelgrünes Sakko, Hemd und Krawatte. Den Griff in die Kiste mit den Zahnrädern, die nach der Bearbeitung noch vom Maschinenöl glänzen, scheut er dennoch nicht: "Wissen Sie, ich bin Maschinenbauingenieur in der fünften Generation: Mein Vater war es, Großvater war es, und so weiter... Sie waren auch alle Unternehmer." Und sie haben noch Stahlwerke gebaut: in England, und in Dortmund beispielsweise, in der Hochburg der Stahlkocher, mitten im Ruhrgebiet. Dort war es auch, wo Heiner van de Loo 1942 zur Welt kam, und wo er bereits im Kindesalter seine heutige Frau kennenlernte.

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Ehrenpreis-Gewinner: Heiner van de Loo

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Sein Studium hat er allerdings in Aachen absolviert. Mit dem Diplom in der Tasche lernte er die Maschinenbaubranche ganz praktisch kennen: Zuständig war er unter anderem für Entwicklung und Verkauf bei Bosch, ein Jahr arbeitete er in Sachen Rationalisierung in den USA, vier Jahre war er als Geschäftsführer einer Fahrradteilefabrik für Entwicklung und Verkauf zuständig: "Allerdings wollte ich immer selbstständig sein. Das hat leider lange nicht geklappt."

Stattdessen zog es ihn nach Süddeutschland, neun Jahre hat er in Karlsruhe und Ettlingen in einer Maschinen- und Werkzeugfabrik die Grundlage für sein eigenes Werk gelegt: Er war zuständig unter anderem für Verzahnungen - seinen Traum des eigenen Unternehmens verfolgte er aber hartnäckig weiter.

Das Pritzwalker Zahnradwerk hatte vor der Wende 1460 Mitarbeiter, bis 1993 war die Personaldecke bereits beträchtlich geschrumpft: 208 Beschäftigte waren es, die im Werk arbeiteten, als van de Loo die Verhandlungen mit der Treuhandanstalt über den Kauf abschließen konnte. Mit 123 Mitarbeitern startete das traditionsreiche Werk in seine neue Zukunft. Bei Einstellungen wurden die Mitarbeiter einer Transfergesellschaft bevorzugt gewählt. "Das war Aufbauarbeit", meint der Ingenieur heute, "ich war mit Haut und Haar gefordert". Als er mehrere Jahre später anlässlich eines Geburtstages ein Steuerrad von seiner Belegschaft überreicht bekam, wusste er, dass er angekommen war. "Man musste erst eine gemeinsame Sprache finden. Aber als ich in Triglitz gebaut habe, wussten die Leute, dass ich bleiben würde." Heute hat das Werk rund 300 Mitarbeiter. In Krisenzeiten wie zur Wirtschaftskrise im Maschinenbau 2009 war sich der "Kapitän" trotz einer erweiterten Geschäftsführung selbst nie zu schade, bei potenziellen Neukunden "Klinken putzen" zu gehen.

Seit 1996 bildet das Zahnradwerk aus. "Wir bilden Werkzeugmechaniker und nicht nur Zerspaner aus", sagt van de Loo: "Das ermöglicht den jungen Leuten, auch anderswo im Maschinenbau Fuß zu fassen und nicht nur hier." Das Thema Fachkräftesicherung beschäftigt ihn seit vielen Jahren, er unterstützt die Bildungsgesellschaft mit Maschinen für die Ausbildung, etwa mit einem Industrieroboter. Gefördert von der Industriellenfamilie Quandt gelingt es, bei der Pritzwalker Bildungsgesellschaft die Berufsausbildungsinitiative zu installieren, bei der gut qualifizierte Schulabgänger in Rekordzeit ein Duales Studium mit Metallberufsausbildung absolvieren können.

"100 Auszubildende haben wir wohl bereits gehabt", meint van de Loo. Viele sind in der Region und im Werk geblieben. Sponsor war van de Loo auch für die Einrichtung der Präsenzstelle der Fachhochschule Brandenburg in Pritzwalk, die einerseits einen leichteren Hochschulzugang für Schulabsolventen der Region ermöglicht, andererseits aber auch für Wissenschaftstransfer in die Unternehmen der Region sorgt. Nachdem er eine Studierendenstiftung gründete, ernannte ihn die FHB zum Ehrensenator. Hinzu kommen diverse Funktionen: Er ist langjähriges Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft, in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam aktiv und engagiert sich in der Region sowohl regionalpolitisch wie auch in Kulturangelegenheiten und ist Initiator des Fördervereins für einen Wachstumskern im Autobahndreieck Wittstock.

"Es ist nicht meine Art, die Hände in den Schoß zu legen", sagt der 73-Jährige. Auch, wenn er das große Büro längst für seinen Sohn geräumt hat, im kleineren ist er regelmäßig zu finden: "Hier ist mein Reich, hier kann ich schalten und walten, und vor allem entscheiden. Menschen, die nicht aktiv sind, werden schneller alt." Gibt es auch ein Privatleben? "Natürlich. Ich bin Jäger, und ich will viel reisen", sagt er.

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